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Full text of "Die sagen vom lebensbaum und lebenswasser; altorientalische mythen"

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J 



DIE SAGEN 

VOM 

LEBENSBAUM UND LEBENSWASSER 

ALTOßlENTAUSCHE MYTHEN 

VON 

ATJ60ST WÜHSCHE X 



& 



LEIPZIG 

VERLAG VON EDUARD PFEIFFER 

1905 



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Ex Oriente lux I 2^3 
BURDACH 






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Druck von August Prr^s m Leipzig. 



Vorwort. 



Die Sagen vom Lebensbaum und Lebenswasser haben, so- 
weit wir dieselben geschichtlich verfolgen können, im baby- 
lonisch-assyrischen Vorstellungskreise ihren Ursprung. Es sind 
altorientalische Mythen, die in alle Kulturreligionen übergangen 
sind. Zeit und Ort haben ihnen ein sehr verschiedenes Gepräge 
gegeben, der Grundgedanke ist derselbe geblieben. Durch An- 
nahme des von Bastian aufgestellten Völkergedankens läßt sich 
die Übereinstimmung nicht erklären, es muß Entlehnung oder 
besser Wanderung der Sage von einem Volke zum anderen ange- 
nommen werden. Von höchstem Interesse ist die Sage vom Lebens- 
baum schon wegen des biblischen Berichts vom Paradiese. Nach 
dem Jahvisten stand im Paradiese neben dem Erkenntnisbaum 
auch der Lebensbaum. In der jüdischen Legende ist der Lebens- 
baum zum Mosesstab geworden. Einen noch größeren Entwicke- 
lungsprozeß hat derselbe im Christentum genommen, indem er 
hier zum Kreuzholz Jesu wurde. Zahlreiche altfranzösische, alt- 
englische und mittelhochdeutsche Dichtungen behandeln die sin- 
nige Legende in epischer Form, es fehlt aber auch nicht an 
dramatischen Darstellungen. Ebenso hat auch die Skulptur die 
Beziehung des Lebensbaumes zum Kreuzholz zum Ausdruck ge- 
bracht, wie dies aus vielen alten Denkmälern hervorgeht. — Eine 
nicht minder bunte Mannigfalt in der Ausgestaltung zeigt sich 
in der Sage vom Lebenswasser. Auf orientalischem Boden hat 
dieselbe insofern an dramatischer Lebendigkeit gewonnen, als sie 
von den Arabern und Persern in Verbindung zum Alexander- 
roman gesetzt und Chidher (Elias) zum Hüter des Lebensquells 
geworden ist. Ganz besonders kommt die schöpferische Phan- 
tasie der Völker im Märchen vom Wasser des Lebens zur Gel- 



ivi21944i 



IV Vorwort. 

tung; doch bei aller Fülle der Umgestaltung und Neuformung 
leuchtet gerade hier der zugrunde liegende Naturmythus überall 
hervor. Man sieht auch daraus, daß es sich um Wanderstoffe 
handelt, an die sich immer neue Elemente ankristallisiert haben. 

Für die vergleichende Religionswissenschaft gewinnt sowohl 
die Sage vom Lebensbaum wie die vom Lebenswasser insofern 
Bedeutung, als durch sie der Beweis erbracht wird, wie ur- 
sprüngliche naturalistische Motive in religiöse sich wandeln. 

Beide Sagen werden in ihrem historischen Werdegange und 
in der Mannigfaltigkeit der Ausgestaltung bei den verschiedenen 
Kulturvölkern dem Leser hier zum ersten Male vorgeführt. 

Dresden, 15. Febr. 1905. 

D. Aug. Wünsche. 






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Die Sagen vom Lebensbaum nnd Lebenswasser 

altorientalische Mythen 

von 
August Wünsclie. 



A. 

1. Der Lebensbaum In seiner eigentlichen Bedeutung in 
den Terschledenen Eultnrreligionen. 

Durch alle Kulturreligionen geht die Sage von einem Baume 
des Lebens, der lebenemeuernde und lebenverjüngende Kräfte in 
sich birgt. Nach Zeit und Ort erscheint dieselbe in den ver- 
schiedensten Modifikationen, bald in wunderbar phantastischer 
Ausschmückung, bald in einfach schlichtem Gewände, immer 
aber tritt der Grundgedanke deutlich hervor: wer in Besitz der 
Frucht oder des Saftes des Lebensbaumes kommt, hat die Macht, 
das abwärtsgehende Leben wieder aufzufrischen oder das be- 
reits erloschene zurückzurufen. Seinen Standort hat der Lebens- 
baum teils im Diesseits in einem herrlichen Garten, teils im 
Jenseits, wo er zur Unterhaltung des Lebens der Seligen dient. 
In manchen Beligionen ist es ein märchenhafter Baum von un- 
geheurer Größe und Ausdehnung, der unter den Bäumen dieser 
Erde kein Abbild hat. Seine Äste und Zweige erstrecken sich 
in ungeheure Weiten, und unter seinem Blätterdache wandeln 
und ruhen die Seligen. In manchen Religionen wird weniger 
der Lebensbaum geschildert als vielmehr seine Frucht, durch deren 
Genuß die Götter sich ewige Jugendfrische erhalten. 

Wir betrachten zunächst den Lebensbaum in den vorder- 
asiatischen Religionen. Im religiösen Vorstellungskreise der Baby- 
lonier und Assyrer spielt derselbe eine große Rolle. Die Keil- 
schrifttexte schildern ihn als ein Gewächs, das bald der Palme, 
bald der Zeder gleicht. Er steht in Eridu am Schöpfungsorte 
Adapas in einem paradiesischen von zwei Strömen darchflosse- 
nen Baumheiligtum. In einer Beschwörungsformel eines lücken- 

Ex Oriente lux I*-^/,. 1 






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2 Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. 152 

haften Keilschrifttextes des Londoner Inschriftenwerkes (IV R. 
R. 15 * = Cun. Texts XVI, 42 ff.) heißt es von ihm : 

„In Eridu wächst eine dunkle Palme, an einem reinen Ort ist 

sie entsprossen, 
ihr Aussehen ist glänzend wie uknu-Stein, sie überschattet den 

Ozean, 
Der Wandel Eas ist in Eridu, voll von Überfluß; 
seine Wohnung ist der Ort der unteren Welt; 
sein Wohnplatz ist das Lager des Gur (Bau ?) ; 
in das Innere des glänzenden Hauses, das schattig ist wie der Wald, 

^ darf niemand eintreten; 

Drinnen (wohnen) Samas (und) Tammuz — 
zwischen der Mündung der beiden Ströme." 

In Form einer mit einer Koniferenart verquickten Palme mit 
ananasartigen Früchten wird der Lebensbaum häufig auf baby- 
lonischen Siegelzylindern und assyrischen Palastreliefs dargestellt. 
Gewöhnlich steht er zwischen zwei geflügelten Genien mit Adler- 
gesichtern, die in der erhobenen Rechten die Frucht und in 
der gesenkten Linken ein korbartiges Saftgefäß halten. Der 
schlanke, von Knoten unterbrochene dünne Stamm selbst geht 
in der Krone in ein siebenfächeriges Palmblatt aus. Auf dem 
assyrischen Siegelzylinder im britischen Museum sind die beiden 
Genien durch zwei menschliche Figuren zurückgedrängt. In ver- 
wandtschaftlichem Zusammenhang mit diesem assyrischen Siegel- 
zylinder steht der babylonische, der sogenannte Sündenfallzylinder 
im britischen Museum. Die beiden Figuren vor dem Baume, von 
vielen als Adam und Eva gedeutet, scheinen göttliche Wesen 
darzustellen, wenigstens weist darauf die gehörnte Kopfbedeckung 
der rechts sitzenden Figur hin. Hinter der zur Linken sitzenden 
Figur richtet sich deutlich eine Schlange empor. Auf zwei 
anderen Siegelzylindern (vergl. die Abbildungen 37 und 38 in: 
Das alte Testament im Lichte des alten Orients von Alfr. Jeremias 
S. 105) spielt sich links vom Lebensbaume ein Kampf zwischen 
Mensch und Tier ab. Bekannt ist das Palastrehef aus Nimrud 
im Berliner assyriologischen Museum, das den Lebensbaum mit 
zwei rechts und links knieenden Genien darstellt. Das sieben- 
fächrige Palmblatt der Krone kehrt hier, durch Bändergeflecht 
als laubartige Umrahmung mit dem Baume verknüpft, zu wieder- 
holten Malen in verjüngtem Maßstabe wieder, und aus den Knoten 
des pfeilerartigen Stammes sprossen Palmetten oder Früchte 
hervor. 

Als Zeder begegnen wir dem Lebensbaum im Gilgamesepos. 
Sie wächst auf dem Zedernberge im Heiligtum der Irnina und 
wird von dem Elamiten gumbaba bewacht. Als Gilgameä und 
Eabani auf ihrer Wanderfahrt in ihre Nähe kommen, heißt es 
von ihnen: 



53] Per Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung, 3 

„Sie standen den Wald betrachtend, 
schauen an die Höhe der Zeder, 
schauen an den Eingang des Waldes, 
wo JJumbaba zu wandeln pflegt erhabenen Schrittes. 
Wege sind angelegt, gut gemacht ist der Pfad, 
Sie schauen an den Zedernhügel, den AVohnsitz der Götter, das 

AUerheiligste der Irnini, 
Vor dem Berge erhebt eine Zeder ihre Pracht, 
Gut ist ihr Schatten, mit Jubel erfüllend — — " 

Aller Wahrscheinlichkeit nach geht auch die Stelle auf der 
IX. Tafel der Gilgameäepos auf den Lebensbaum: 

„samtu-Steine trägt er als Frucht, 

Die Äste sind damit behangen, prächtig anzuschauen, 

Lasursteine trägt die Krone (?), 

Früchte trägt er, köstlich anzuschauen". 

In der Religion des Zarathustra heißt der Lebensbaum der 
weiße Hom. Nach dem Zend-Avesta ist der auf dem Berge Al- 
bordsch an einem Quell wachsende Baum aller Bäume König, 
und aus ihm kommen alle Gewässer der Erde. Daher wird er 
von Ferverdin*) und seinem Gefolge gegen die Angriffe des 
Reiches Ahrimans bewacht, damit es ihn nicht in seine Gewalt 
bringe. Von ihm geht bei der Totenauferstehung die Belebung 
der Seligen aus; wer von seiner Frucht ißt, wird unsterblich. 
Vergl. Bundehesch c. 18 und 24—27; Vendidad 20, 17 und Spiegel, 
Avesta II, 156. Doch der Hom entfernt nicht nur den Tod und 
verleiht der Seele Unsterblichkeit, er besitzt auch die Kraft, 
daß man Diebe, Mörder und Wölfe erkennt, ehe sie Schaden ver- 
ursachen; man kann sich durch ihn ihrer erwehren und sie im 
voraus verderben. Seiner äußeren Gestalt nach erscheint der 
Hom als ein dem Weinstock ähnliches Staudengewächs, das 
reich mit Knospen besetzt ist und jasminartige Blätter besitzt. 
Trifft er mit dem Amomon (Amomum) der Griechen und La- 
teiner zusammen, so wäre damit die in Indien, Medien, Assyrien 
und Armenien einheimische Gewürzstaude gemeint, aus deren 
Saft ein sehr kostbarer Balsam gewonnen wird. 

Die Inder verehren in dem Kalpavriksha den Lebensbaum. 
Seine Früchte verleihen denen, die sie genießen, Unsterblichkeit. 
Die Götter nähren sich von ihnen und erhalten sich dadurch in 
ewiger Jugend; sie bleiben frisch und gesund, und der Tod hat 
keine Gewalt über sie. Von dem Kalpavriksha scheint aber noch 
der Feigenbaum Ilpa unterschieden werden zu müssen, der im 



*) Ferverdin ist der Torwächter des Paradieses und mit dem 
Cherub mit dem flammenden Schwert der Bibel und dem Riswan 
in der mohammedanischen Sage zu vergleichen. 

1* 



4 Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. [54^ 

alterlosen Strome steht und die Kraft besitzt, schon durch seinen 
Anblick jung zu machen. Vergl. Kuhn und Weber, Indische 
Studien I, 393. Daneben gilt auch der scharfe und in größeren* 
Gaben narkotisch wirkende Saft des Somakrautes (asclepias acida) 
/ als Milch der Unsterblichkeit, durch deren Genuß die Vereinigung 
f des endlichen Geistes mit dem Urgeiste bewirkt wird. 

Nach dem biblischen vom Jahvisten aus dem 9. Jahrhundert 

herrührenden Geschichtsberichte (Gen. c. 2 und 3) stand der 
Lebensbaum (ez hachajjim) mitten im Paradiese, daneben aber 
auch der Baum des Erkennens des Guten und Bösen (ez haddaath 
tob wärä).*) Als die ersten Menschen den Befehl Gottes über- 
treten und von der Frucht des Baumes des Erkennens des 
Guten und Bösen gegessen hatten, wurden sie aus dem Paradiese 
vertrieben. Die Ausstoßung wird durch die Worte motiviert: 
„Damit er (der Mensch) nicht seine Hand ausstrecke und auch 
von dem Baume des Lebens esse und ewig lebe." 

Um dem Menschen den Zugang zum Lebensbaume abzu- 
schneiden, setzte Gott zu Wächtern des Paradieses die Cherubim 
und die Flamme des zuckenden Schwertes, „zu bewahren den 
Weg zum Baum des Lebens". Ohne Zweifel steht der biblische 
Bericht unter Beeinflussung des assyrisch - babylonischen Vor- 
stellungskreises. Achten wir auf die Idee, welche der Erzählung 
zugrunde liegt, so haben wir uns unter dem Baume des Lebens 
einen Baum vorzustellen, in dem lebenspendende Kräfte ruhten^ 
gerade so wie der Baum des Erkennens des Guten und Bösen 
in Anbetracht der göttlichen Drohung Gen. 2, 16. 17 ein Baum 
gewesen sein muß, der todbringende Kräfte in sich barg. Hätten 
die ersten Menschen dem Befehle Gottes entsprochen, so hätten 
sie in dem Baume ein Mittel gehabt, sich dauerndes leibliches 
Leben zu verschaffen; es wäre ihnen beschieden gewesen, ein 
Dasein in ewiger Jugendfrische zu führen, frei von Hinfällig- 
keit und Krankheit, der Tod wäre nicht an sie herangetreten. 
Nach dem Wortlaut hätte der Mensch sicher sogar die Folgen 
seines Falles wieder gut machen und seine Bestimmung, un- 
sterblich zu werden, erreichen können, wäre es ihm vergönnt 
gewesen, von der Frucht des Lebensbaumes zu genießen. Daß 
dies die richtige Vorstellung der Jahvistischen G^schichtsquelle 
ist, erhellt insbesondere daraus, daß der Lebensbaum auch im 
späteren Schrifttum des Alten Testaments als Symbol der Un- 
sterblichkeit und des ungetrübten irdischen Lebensgenusses ver- 
wendet wird. 

In der dem Salomo zugeschriebenen Spruchsammlung kommt 



*) Jedenfalls gehört der Lebensbaum dem Berichte ursprüng- 
lich an, während der Erkenntnisbaum erst später zur Motivie- 
rung des Sündenfalles eingeschoben worden ist. 



55] Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. 5 

^n vier Stellen der Lebensbaum als inkarniertes Gleichnisbild 
vor. „Ein Baum des Lebens ist sie (die Weisheit) denen, die 
sie ergreifen, und wer sie festhält, ist beglückt (Prov. 3, 18).*' 
„Die Frucht des Gerechten ist ein Lebensbaum, und ein weiser 
Mann gewinnt Seelen (das. 11, 30)." „Hingezogenes Harren macht 
das Herz krank, aber ein Baum des Lebens ist erfüllter Wunsch 
(das. 13, 12)." „Lindigkeit der Zunge ist ein Baum des Lebens, 
Aufwiegelung durch sie aber ist Zerstörung im Geist (das. 15, 4).** 
Ferner erinnern verschiedene Schilderungen Ezechiels deutlich 
an den Lebensbaum. Der Prophet beschreibt ihn ganz so, wie 
er ihn an den Wänden babylonischer Paläste geschaut hat, bald 
als Palme, bald Zeder. Als_Palm£L in. der verderbten Stelle c. 41, 
•17. 18 : „Und es waren ringsum an der Wand Cherube und Palmen 
angebrachte AI« stn]yfi ^ind b p>rr1i<Vhft Zeder in dem Gleichnisse 
c. 31, 3 — 9. Endlich wenn der SeEer c. 47 die wunderbaren 
alles belebenden Wirkungen der Tempelquelle schildert, die zu 
einem mächtigen Flusse wird, an dessen Ufern alle Bäume mit 
genießbaren Früchten emporschießen, „nicht welken ihre Blätter 
und es gehen ihre Früchte nicht aus; alle Monate reifen sie, denn 
ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum hervor; und ilire Früchte 
dienen zur Speise und ihre Blätter zur Arziiei", so ist zweifellos, 
daß seine Phantasie nicht nur nlit dein Bilde des irdischen Para- 
dieses mit seinen Fruchtbäumen, sondern auch mit dem Bilde 
des Lebensbaumes erfüllt ist. 

Unter den alttestamentlichen Apokryphen findet sich eine 
Schilderung des Lebensbaumes im Buche Henoch (vergl. 
Dillmanns Übersetzung c. 24 und 25 S. 14 f.). Der Verfasser, 
der im Geiste eine Heise durch Himmel und Erde macht, nimmt 
im Süden der Erde sieben Berge aus Edelsteinen wahr, der mitt- 
lere gleicht einem Thronsitze und ist von wohlriechenden Bäumen 
umgeben. Unter ihnen steht auch der Baum des Lebens. Sein 
Duft kommt keinem andern Dufte gleich, seine Blätter imd Blüten 
welken in Ewigkeit nicht, sein Holz bleibt immer grün, und seine 
Frucht ist schön; sie gleicht_der_Trau be eine r Palme. Nachdem 
der Seher den Erzengel Michael ^üm Auskunft über' den" mittelsten 
Berg und den Baum des Lebens gebeten, teilt ihm dieser mit, 
daß der Heilige und Große, der Herr der Herrlichkeit, der ewige 
König, auf diesem Berge thronen werde, wenn er herabkomme, 
die Erde heimzusuchen mit Gutem, den Baum aber von köstlichem 
Gerüche sei keinem Sterblichen anzurühren gestattet bis um die 
Zeit des großen Gerichts, dann aber sollen seine Früchte den 
Auserwählten das Leben geben. Er wird nach Norden verpflanzt 
werden, an den heiligen Ort, zum Tempel des Herrn, des ewigen 
Königs. 



1 



^ 



Nach dem Verfasser des vierten Esrabuches ist der Lebens- « 
bäum für die Seligen im neuen Aeon bereitet. j 



V? 



AV) 



6 Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. [5ft 

„Denn für euch ist 

das Paradies eröffnet, 

Der Lebensbaum gepflanzt; 
Der zukünftige Aeon zugerichtet, 

Die Seligkeit vorher bestimmt I 

(s. 4. Esra 8,52.) 

Im Testamente Levis c. 18 wird der zukünftige Priester- 
könig den Frommen die Türe des Paradieses öffnen und weg- 
stellen das gegen Adam drohende Schwert und den Heiligen 
zu essen geben von dem Holze des Lebens und der Geist der 
Heiligkeit wird auf ihnen sein. Wahrscheinlich ist die Stelle 
eine Interpolation von christlicher Hand, doch das tut hier nichts 
zur Sache. 

Als süsse Himmelsspeise, die den für das Paradies bestimm- 
ten Frommen dauerndes Leben verleiht, wird der Lebensbaum 
in den sibyllinischen Orakeln aufgefaßt. So heißt es Proömium 
c. 87: „Aber die Verehrer des wahren und ewigen Gottes ererben 
^ das Leben, in dem sie die ewige Zeit immerfort des Paradieses 
/ grünenden Garten bewohnen (und) süßes Brot vom gestirnten 

Himmel speisen.** 
^"" Die Lehrer des Talmuds und Midrasch ergehen sich über den 

heiligen Baum in wunderlichen Äußerungen. Nach ihnen hat Gott 
denselben mit dem Paradiese zugleich aus dem Diesseits in das 
Jenseits gerückt, wo er über dem Antlitz aller Lebewesen schwebt. 
Im j. Traktat Berach'. I, 2 c un., vergl. Midr. Beresch. r. Par. 15 zu 
Gen. 2, 9 wird gelehrt : Der Lebensbaum hat einen Umfang von 500 
Jahren. B. Juda im Namen des B. Hai hat gesagt : Und dies be- 
p' zieht sich nicht auf seine Äste, sondern auf seinen Stamm, und 
alle Teilung (pillug) vom Wasser der Schöpfung teilt sich (mith- 
in pallagin) unter ihm. Das wollen die Worte sagen Ps. 1, 3: „Und 
\ er ist gleich dem Baume, gepflanzet an den Teilungen des Was- 
^ — sers (al palge majjim)." Es ist gelehrt worden: Der Lebens- 
baum betrug den 60. Teil des Gartens und der Garten betrug 
wieder den 60. Teil von Eden (wie es heißt): „Und ein Strom 
ging aus von Eden, zu tränken den Garten." 

Im Midrasch Thehilhm zu Ps. 1 wird zu den Worten: „Und 
er ist wie ein Baum, gepflanzt" von B. Jizchak bar Chi ja die 
Frage aufgeworfen : Warum wird die Thora Lebensbaum genannt ? 
Antwort: W^eil sie bei allen Lebenden beliebt ist. B. Judan da- 
gegen beantwortet die Frage also : „Wie der Baum des Lebens für 
alle Weltbewohner im Paradiese ausgebreitet ist, so sind auch 
die Worte der Thora für alle Lebenden ausgebreitet und führen 
zum Leben der künftigen Welt.**i) Spätere phantastische Aus- 
schmückungen über die Gestalt und das Wesen des Lebens- 
baumes, wie sie besonders in der jüdischen Kabbalistik uns ent- 
I gegentreten, übergehen wir, wir wenden uns zu den Schriften 
des Neuen Testaments. Im Evangelium des Johannes nennt sich 



571 Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. 7 

Jesus zweimal direkt das Brot des Lebens (vergl. c. 6, 35 und 48), 
und ein andermal wieder sagt er: „Ich bin das lebendige Brot, 
das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn einer von diesem 
Brote ißt, wird er leben in Ewigkeit; und zwar ist das Brot, 
welches ich geben werde, mein Fleisch für das Leben der Welt 
(das V. 51).**2) Stehen diese Aussagen Jesu zunächst auch mit der 
Forderung der Juden, er solle zur Beglaubigung seiner Messianität 
ein neues Mannawunder verrichten, im Zusammenhange, so ist 
doch die Vorstellung von der ewiges Leben vermittelnden Frucht 
des Lebensbaumes nicht ausgeschlossen. Ausdrücklich aber ge- 
schieht des Lebensbaumes in der Apokalypse des Johannes Er- 
wähnung. Das eine Mal sagt der Geist der sieben kleinasiatischen 
Gemeinden, daß er dem Sieger im Kampfe des Lebens vom 

\ Baume des Lebens, der im^ Paradiese Gottes ist, zu essen geben 

\ will (das. 2, 7); das andere Mal sieht der Seher in einer 'Vision, 
äie an die Vision des Ezechiel c. 47 anklingt, die Stadt Gottes 
mit ihrer kostbaren Mauer und ihren Toren, und der Engel zeigt 
ihm den Baum des Lebens am Strome des Lebenswassers, zwölf- 
mal Frucht bringend, jeden Monat seine Frucht gebend, und die 
Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Nationen (das. 22, 2) 

1^ Weiter unten V. 14 werden selig gepriesen, die ihre Gewänder 
waschen, damit sie ein Becht bekommen an den Baum des 

I Lebens und zu den Toren eingehen in die Stadt. 

Da die meisten Kirchenlehrer die Jahvistische Berichterstat- 
tung vom Paradiese und Sündenfall nicht als Allegorie, sondern 
als geschichtliche Tatsache betrachten, so nimmt es nicht Wunder, 
wenn sie sich über den Baum des Lebens in überschwenglichen 
Äußerungen ergehen. Ephraem der Syrer nennt ihn wegen seines ^ 
Glanzes die Sonne des Par adieses; die übrigen Bäume neigen sich j 
in wehendeh Lutten, gleicTiSam als wollten sie niederfallen vor — i 
dem, dessen Kraft groß ist und welcher der König der Bäume 
ist. Chrysostomos ist der Ansicht, daß der Genuß der Frucht vom 
Lebensbaume unvergängliches Leben gewirkt haben würde. Theo- 
doret wieder erklärt den Lebensbaum für eine Art Kampfpreis, 
der den ersten Menschen zuteil geworden wäre, wenn sie in der 
Versuchung bestanden hätten. Nach Augustin bot der Lebens- 
baum solche Früchte dar, durch die der Körper des Menschen 
gestählt wurde, daß er nicht durch Schwäche oder durch Alter 
sich verschlechtere oder gar zugrunde gehe. Die Ansichten der 
alten Kirchenlehrer waren auch im Mittelalter maßgebend. So- 
wohl Anselm von Canterbury und Peter der Lombarde, wie Thomas 
von Aquino, Rupertus von Deutz und Bonaventura sprechen dem 
Lebensbaume unbedingte und unbeschränkte Kräfte des Lebens 
zu und halten dafür, daß der Genuß von ihm den Menschen 
vor Hinfälligkeit würde bewahrt haben. Auf dem Boden dieser 
Anschauungen stehen auch die Reformatoren. Luther behauptet, 
daß der Lebensbaum den ersten Menschen wirklich ewige Jugend 



8 



Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. 



[58 



und Frische verliehen haben würde; ebenso würden sie durch 
den Genuß seiner Frucht ihr dem Tode verfallenes Leben wieder- 
gewonnen haben^ wenn auch nicht deshalb, weil in dem Baume 
die Kraft gelegen, lebendig zu machen, sondern vielmehr deshalb, 
weil das Wort an ihn geheftet war. Sogar Calvin, der den Lebens- 
baum nur als Symbol und Denkzeichen (symbolum ac memoriale) 
des von Gott empfangenen Lebens faßt, ist der Meinung, Gott 
habe ihn nur darum zum Lebensbaum gemacht, um den Menschen 
durch seinen Gebrauch seine Gnade zu besiegeln. So oft daher 
der Mensch von der Frucht desselben kostete, sollte er sich 
daran erinnern, woher er das Leben habe. 

Wie in der kirchlichen Litteratur wird auch, wie wir weiter 
unten zeigen werden, des Lebensbaumes in der romanischen und 
germanischen Dichtung vielfach gedacht. Um hier nur ein Beispiel 
anzuführen, verweisen wir auf John Miltons verlorenes Paradies, 
Gesang IV, 194 ff. Da überragt der Baum des Lebens alle 
übrigen Bäume und ist mit Kräften der Unsterblichkeit versehen. 
Auf ihm nahm der Satan nach leichtem Sprunge über die Mauern 
des Paradieses als Rabe Platz und betrachtete von hier alle seine 
Schönheiten. 

„Dann hob er sich und schwang sich wie ein Rabe 
Urplötzlich auf den Baum des ewigen Lebens, 
Den mittelsten und höchsten, der hier wuchs ; 
Doch wahres Leben ward ihm nicht zuteil, 
Er sann auf Tod nur für die Lebenden, 
Der Kraft nicht denkend, die der Baum gewährt; 
Zur Umsicht braucht er ihn, statt daß er sonst 
Ein Pfand ihm der Unsterblichkeit geworden." 

Nach einer anderen Stelle (IV, 216 ff.) steht der Baum mitten im 
Garten Eden, umgeben von anderen köstlichen Bäumen, in voller 
Blüte, neben ihm aber steht der todbringende Baum der Er- 
kenntnis. 

„Denn es trug 
Die edelsten der Bäume dieser Boden, 
Entzückend für Geschmack, Geruch und Auge, 
Und mitten drunter stand des Lebens Baum, 
Hochragend mit ambrosiasüßer Frucht, 
Wie wachsend Gold, und nah am Lebensbaum 
Wuchs der Erkenntnis Baum, der unser Tod, 
Indem des Guten Kenntnis teuer nur 
Um die des Bösen zu erkaufen war." 



r 



Bei den Muhammedanern heißt der Lebensbaum Sidra oder 
Tuba und steht im siebenten Himmel in der Mitte des Paradieses 
an der rechten Seite des göttlichen Thrones. Mit seinen Ästen 
und Zweigen, die mit den köstlichsten Ambrosiafrüchten behangen 
sind und auf denen nach den einen Engel, nach den anderen 



59J Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. 9 

Vögel ruhen, überschattet er alle Paläste und Gezelte der Seligen. 
Der Wächter Riswan bewahrt den Eingang zum Paradiese, daher 
darf keine Kreatur dem Baume nahen und von seinen Früchten 
pflücken. Der persische Dichter Hafis sagt von dem Sidra in 
seinem Divan: 

„Auf des Sidra heiligen Ästen 
Hoch im himmlischen Revier 
Nistete mein Seelenvogel 
Sonder irdische Begier." 

(Daumer, Hafis Nr. 85, S. 50.) 

An einer anderen Stelle vergleicht er mit dem Tuba den 
Wuchs der Geliebten mit den Worten: 

„Zuflucht sucht bei deiner schönen Wange 
Und bei deiner schlanken Hochgestalt 
Selbst das Paradies und selbst der Tuba." 

(Rosenzweig-Schwannau, Divan des Hafis. Buchst. B, Bd. I. Nr. 14.) 

Wahrscheinlich haben wir im Sidrabaume das Urbild des 
irdischen Sidrabaumes, der in Arabien und Indien wächst und 
sich mit dem Ziziphus jubjuba des Linne deckt. Seine Früchte, 
die die Gestalt von kleinen Pflaumen haben, erhalten im Februar 
oder März ihre Reife. Er gilt den Moslims für heilig, denn sie 
werfen Blätter von ihm in das Wasser, mit welchem sie ihre 
Toten waschen. Auch in der Volksmedizin spielt der Sidrabaum 
eine große Rolle. (Sl^ Sprenger,, das. .Leben und die Lehre des 
Mohammed L, 306.) MFt dem Sidra sind aber die anderen herr- 
liehen Bäume des Paradieses nicht zu verwechseln, die sich 
gleichfalls durch lieblichen Geruch und schmackhafte Früchte 
auszeichnen und den Seligen kühlenden Schatten spenden. 

Von den morgenländischen Religionen gehen wir zu den 
abendländischen über. Nach den mythologischen Vorstellungen 
der Griechen ist der Apfelbaum als Lebensbaum zu betrachten, 
der im Garten der Hesperiden im äußersten Westen wuchs. Bei 
der Vermählung des Zeus mit der Hera brachten alle Götter 
dem Brautpaare ihre Geschenke dar. Gäa, die Erde, ließ einen 
Baum mit goldenen Äpfeln aus ihrem Schoß sprossen und über- 
trug seine Bewachung den Hesperiden, den Töchtern der Hes- 
peris, Gemahlin des Atlas. Da ihr Schutz sich aber als unzu- 
reichend erwies, indem sie selbst den Früchten des Baumes 
fleißig zusprachen, setzte Gäa den hundertköpfigen, nie schla- 
fenden Drachen Laden, den Sohn des Typhon und der Echidna, 
als Hüter ein. Durch seine Entsetzen erregende Gestalt sowie 
durch sein furchtbares Gebrüll verscheuchte dieser alle, die sich 
dem Baume nahen wollten. In einer hochpoetischen Strophe 
wird vom Chor im Hippolytos des Euripides der Wundergarten 
der Hesperiden mit seiner Unsterblichkeitsfrucht also gepriesen: 



• — \ 



10 Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. [60 

„Flog* ich zu Hesperos' holdsingenden Jungfrauen, 

Wo die goldnen Äpfel glühen, 

Und der Herrscher des Meers Schiffern die Bahn nicht mehr 

Durch wildwogende See vergönnt 

Hin zur heiligen Grenze, 

Da der Atlas den Himmel trägt. 

Und ambrosische Bäche wallen 

Beim braut liehen Lager Kronions, 

Wo das göttliche Land des Segens 

Den Unsterblichen ohne Ende das Glück zuströmt." 

(Donner I, S. 33.) 

Als Herakles vom Könige Eurystheus den Auftrag erhielt, 
aus dem Garten der Hesperiden für ihn drei Äpfel zu holen, 
wandte er sich an Atlas, den Vater der Hesperiden, mit der 
(^ Bitte, ihm die Äpfel zu verschaffen. Nach einer anderen Über- 
' lieferung holte Herakles die Äpfel selbst, wobei er den Drachen 
erschlug. Da die Äpfel aber zur Lebensbedingung der Götter 
'^-~- gehörten und es ohne sie um ihre Fortexistenz geschehen ge- 
wesen wäre, so überbrachte sie Herakles der Pallas Athene, die 
sie wieder in den Garten zurücktrug.^) 

Wie Diodor berichtet, befreite Herakles die Hesperiden aus 
den Händen des Busiris, der sie geraubt hatte, für welche Tat 
sie ihm freiwillig die Äpfel ihres Vaters überließen. Antike Bild- 
werke zeigen den Apfelbaum mit dem Drachen im Hesperiden- 
garten in den verschiedensten Beziehungen zu Herakles. Eine 
der merkwürdigsten Darstellungen ist ein Vasenbild in Neapels 
antiken Bildwerken, das Gerhard und Panofka S. 353 beschreiben. 
Der Baum ist von einer Schlange umwunden, die von einer 
Hesperide aus einer Schale getränkt wird, eine andere Hesperide 
pflückt einen Apfel, einen dritte will einen pflücken. Herakles 
hat bereits einen in der Hand. Zwei andere Figuren stellen Pan 
als Wintergott und Hermes als Seelenführer (Psychopompos) vor. 
Auf einem anderen Bilde pflückt Herakles selbst die Äpfel von 
dem mit einer Schlange umringelten Baume, während eine Hes- 
peride ruhig am Boden liegt und schläft. 
, Neben den Äpfeln des Hesperidengartens genießen die olym- 

^ pischen Götter aber noch Ambrosia und Nektar, durch welche 
I sie sich die Unsterblichkeit sichern. Die Götter würden, wie 

Aristoteles in seiner Metaphysik H (HI), c. 4 bemerkt, zu sterb- 
'^—^ liehen Wesen werden, wenn ihnen nicht beides täglich zum Ge- 
nüsse zu Gebote stände. 

Das Unterscheidende der griechischen Vorstellung von der 
morgenländischen besteht darin, daß die Unsterblichkeitsfrucht 
nur für die Götter zum zeitlichen Fortbestande ihrer Leiblichkeit 
bestimmt ist; ihrer bedienen sich aber nicht die Abgeschiedenen, 
um dadurch ihr Leben zu fristen. 

Eine der griechischen ähnliche Vorstellung tritt uns in der 



61] Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. 11 

nordisch germanischen Mythologie entgegen. Auch hier sind e& 
Äpfel, deren die Götter zur Erhaltung ihres Lebens und ihrer 
Jugendfrische bedürfen. Dieselben befanden sich in Verwahrung 
der Idhun, der Gattin des weisen Bragi. Ein interessanter 
Mythus berichtet, wie den Göttern einmal der kostbare Schatz 
abhanden kam und zu den Riesen gelangte. Die drei Götter 
Odhin, Hänir und Loki unternahmen nämlich eine Reise in 
Menschengestalt nach Thrymheim, dem Lande der Riesen und 
Zauberer. Unterwegs von einem heftigen Hunger befallen, schlach- 
teten sie in einem Tale einen fetten Ochsen und bereiteten ihn 
in einem Kessel zu. Jedoch das Fleisch wollte, trotz heftigen 
Anschüren s des Feuers, nicht gar werden. Die Götter konnten 
lange über den Grund sich nicht klar werden, bis sie auf einem 
Baume einen mächtigen Adler gewahrten, der durch seinen Flügel- 
schlag die Hitze kühlte. Es war der Riese Thiassi. Auf Bedrohung 
der Götter erklärte er, daß er nicht eher die Bewegung seiner 
Flügel einstellen würde, als bis er einen Anteil an dem Mahle 
zugesichert erhalte. Da die Götter ihm seine Forderung gewähr- 
ten, ließ sich der Adler sofort auf den Rand des Kessels niedet 
und verzehrte die beiden Vorderviertel des Ochsen. Loki geriet 
über diese Unverschämtheit dermaßen in Zorn, daß er eine Stange 
ergriff und mit ihr auf den Adler einschlug. Doch die Stange 
blieb am Adler hängen, und dieser erhob sich in die Lüfte und 
führte den Gegner, der die Stange immer noch fest in seiner Hand 
hielt, mit sich fort. Loki erlitt dabei furchtbare Schmerzen, er 
glaubte, der Arm würde ihm ausgerissen; er versprach daher dem 
Adler alles, wenn er ihn losließe. Der Adler forderte als Preis 
die Unsterblichkeitsäpfel der Idhun, und es blieb Loki nichts 
übrig, als sie ihm zuzusagen. Um sein Wort einzulösen, lockte 
Loki die Idhun nach einem Haine außerhalb Asgards, indem 
er vorgab, es befänden sich dort Äpfel, die den ihren gleichkämen, 
ja sie noch überträfen, sie möchte daher die ihrigen mitbringen, 
um sie mit den neuen vergleichen zu können. Arglos begab sich 
Idhun nach dem Haine, doch kaum angekommen, ergriff sie 
der Riese Thiassi, der wieder Adlergestalt angenommen, und 
brachte sie nach Thrvmheim. Die Götter in Asaheim aber be- 
fanden sich übel nach Idhuns Verschwinden, ihre Gestalt 
schrumpfte zusammen, und sie wurden alt und grauhaarig. Man 
suchte Idhun, aber umsonst, endlich ergab sich's, daß sie mit 
Loki zum letzten Male in dem Haine außerhalb Asgards ge- 
sehen worden war. Unter Androhung schwerer Strafen wurde 
der Böse gezwungen, die Göttin mit den Äpfeln wieder zur Stelle 
zu schaffen. Freya verlieh ihm die Gabe der Verwandlung, und 
so flog er als Falke nach der Riesenwelt. Obwohl das Giemach 
der Idhun in der Riesenburg mit sieben eisernen Türen ver- 
wahrt war, schlüpfte er doch durch ein kleines Gitter zu ihr 
hinein, nahm sie, nachdem er sich in eine Schwalbe und sie 



12 Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. [62 

in eine Nuß verwandelt, in seine Fänge und eilte mit ihr nach 
Asaheim. Thiassi, der gerade nach Hause kam, als Loki fort- 
ilog, erkannte sogleich den listigen Betrüger in seiner Verkleidung 
und setzte ihm in raschem Fluge als Adler nach. Als die Götter 
die Jagd bemerkten, trugen sie schnell einen Haufen dürres Reis 
zusammen und steckten ihn, sowie Loki darüber hinweg war, 
in Brand. Der Riese, der in seinem Fluge nicht innehalten konnte, 
verbrannte sich die Schwungfedern und stürzte ins Feuer, wo 
ei von den Äsen gefangen und getötet wurde. Nach dem 
Besitze der Äpfel erholten sich die Götter wieder von ihrer Hin- 
fälligkeit und strahlten von neuem in Jugend und Schönheit.*) 
Als Lebensbaum kann in der nordischen Sage aber auch 
die Weltesche Yggdrasil (Roß des Yggr) gelten, obwohl bereits 
christliche Vorstellungen sich mit ihr vermischen. Sie trägt das 
himmlische Naß und wird fortwährend von weißen Nebeln be- 
netzt. Zahlreiche Wesen bewohnen sie, ernähren sich von ihr 
und verjüngen sich durch sie. Obgleich die Götter alle Tage 
unter ihr zu Gericht sitzen, so empfangen sie doch nicht leben- 
spendende Früchte von ihr, am allerwenigsten bringt sie, wie 
V. Hahn in seinen sagwissenschaftlichen Studien S. 537 annimmt, 
die Unsterblichkeitsäpfel der Idhun hervor. In dem Liede Vö- 
luspa schildert die Seherin Vala die Weltesche also: 

Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil, 

Den hohen Baum netzt weißer Nebel. 

Davon kommt der Tau, der in die Täler fällt. 

Immergrün steht er über Urds Brunnen." 

Grimnir erzählt im Grimnismäl von ihr: 

„Drei Wurzeln strecken sich nach drei Seiten 

Unter der Esche l^'ggdrasil: 

Hei wohnt unter einer, unter der andern Hrimthursen, 

Aber unter der dritten Menschen. 

Ratatoskr*) heißt das Eichhorn, das auf und ab rennt 

An der Esche Yggdrasil: 

Des Adlers Worte oben vernimmt es 

Und bringt sie Nidhöggern**) nieder. 

Der Hirsche sind vier, die mit krummem Halse 

An der Esche Ausschüssen weiden: 

Dain und Dwalin, 

Duneyr und Durathror. 

Mehr Wurme liegen unter den Wurzeln der Esche, 

Als einer meint der unklugen Affen. 

Goin und Moin, Grafwitnirs Söhne, 

Grabakr und Grafwölludr, 

Ofnir und Swafnir sollen ewig 

Von der Wurzeln Zweigen zehren.** 



♦) Rattenzahn. 
**) Schadengieriger Hauer. 



I 

/ 

/ 



681 Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung. 13 

Eine der merkwürdigsten, jedenfalls aber unter christlichem 
Einfluß stehenden Erzählung der älteren Edda in dem Hävamäl 
meldet, daß der jugendliche Odhin neun Tage hindurch, von einem 
Speer verwundet, ohne Trank und Speise, an einem Aste der wind- 
umrauschten Weltesche hing. Ächzend späht er in die Tiefe, 
bis er endlich den erlösenden Runenzauber erhält und herab- 
fällt, worauf ihm der weise Bölthorn, der Vater Bestlas, neun 
kräftige Zaubersprüche lehrt und mit dem kostbaren Meth, aus- 
Odhrörir geschöpft, Stärkung, Wachstum und Gedeihen verleiht. 

„Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum 

Neun lange Nächte, 

Vom Speer verwundet, dem Odhin geweiht, 

Mir selber ich selbst, 

Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann, 

Aus welcher Wurzel er sproß. 

Sie boten mir nicht Brot noch Meth; 
Da neigt ich mich nieder 
Auf Kunen sinnend, lernte sie seufzend: 
Endlich fiel ich zur Erde. 

Hauptlieder neun lernt' ich von dem weißen Sohn 

Bölthorns, des Vaters Bestlas, 

Und trank einen Trunk des teuern Meths 

Aus Odhrörir geschöpft. 

Zu gedeihen begann ich und begann zu denken, 
Wuchs und fühlte mich wohl. 
AVort aus dem Wort verlieh mir das Wort, 
Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk." 

(K. Simrock, Die Edda, S. 55.) 

Mit Recht macht S. Bugge in seinen Studien über die Ent- 
stehung der nordischen Götter- und Heldensagen und nach ihm 
W. Golther in seinem Handbuch der germanischen Mythologie 
darauf aufmerksam, daß die den obersten Gott Odhin als Ge- 
hängten tragende Weltesche nichts anderes als das Kreuzholz Jesu 
ist, das in den christlichen Kreuzlegenden des Mittelalters, wie wir 
weiter unten zeigen werden, mit dem Baume des Lebens im Para- 
diese in Beziehung steht und auf Darstellungen der mittelalter- 
lichen christlichen Kunst als ein Baum mit Laub und Früchten 
erscheint. Bezeichnend für den Zusammenhang zwischen beiden 
ist neben vielen anderen Zeugnissen folgendes mittelhochdeutsche 
Rätsel vom Kreuzholz Jesu: „Ein edler Baum ist in einem Garten 
gewachsen, der mit großer Kunst angelegt ist. Seine Wurzel reicht 
bis zum Grunde der Hölle, *) sein Wipfel berührt den Thron Gottes^ 



*) In den angelsächsischen Gedichten heißt die Hölle Wurm- 
saal (wyrmsele) und ist mit Schlangen und Drachen angefüllt. 



14 Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut, [^ 

seine breiten Zweige halten die ganze Welt umfaßt. Der Baum steht 
in voller Pracht und herrlich im Laub." 

Im nördlichen England befinden sich mehrere Steinkreuze, 
die aus dem 7. bis 9. Jahrhundert stammen, deren Schmalseiten 
mit Rankenwerk angefüllt sind, in welchem Tiere übereinander- 
sitzen, Eichhörnchen, Drachen, Vögel und von dem Laube fressen. 
Wahrscheinlich sind die christlichen Vorstellungen vom Kreuze 
Jesu durch Nordleute auf ihren Fahrten nach England herüber- 
gekommen und haben sich allmählich mit dem ursprünglichen 
nordischen Weltbaum verschmolzen. 



2. Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut. 

Der Lebensbaum ist in den verschiedenen Religionen auch 
zum Lebenskraut geworden. Durch diese Wandlung hat sich das 
Strombett der Sagenbildung um vieles verbreitert. Selbverständ- 
lich gehen die Sagen vom Lebenskraut auf denselben Ursprung 
zurück, wie die vom Lebensbaum. Nachdem man die heilenden 
Wirkungen der Pflanzenwelt verspürt hatte, entstand der Glaube, 
es müsse doch ein Kraut auf der Erde geben, das die Kraft be- 
sitze, den Menschen der unheimlichen Gewalt des Todes zu ent- 
ziehen oder ihn wenigstens, wenn er schwach und hinfällig 
geworden, wieder zu verjüngen. Im religiösen Vorstellungskreise 
der Babylonier und Assyrer stoßen wir wiederholt auf das Lebens- 
kraut. Der Gott Marduk hat es in seinem Besitze und es wirkt 
belebend. Nicht nur der Genuß, sondern schon das Riechen 
führt das entflohene Leben zurück. So heißt es in einem as- 
syrischen Briefe (s. Harper, Assyrian Letters 721): „Wir waren 
tote Hunde, da hat der Herr König uns wieder lebendig gemacht 
(begnadigt), indem er das Lebenskraut an unsere Nase legte." 
Assyrische Könige bringen gern ihre auf die Wohlfahrt des 
Landes gerichtete Herrschaft mit der lebenspendenden Kraft des 
Lebenskrautes in Beziehung. Adad-niräri rühmt sich, daß Gott 
sein „Hirtenamt" seinem Volke segenbringend wie „Lebenskraut" 
gemacht habe. In gleicher Weise ist Asarhaddon von dem leb- 
haften Wunsche beseelt, seine Regierung möge den Menschen so 
zuträglich sein wie Lebenskraut. 

In den verschiedenen Sagen der Völker gelangt der Mensch 
in der Regel durch Tiere, wie Vögel, Schlangen, Wildkatzen, 
Raben, Wiesel, Bären in den Besitz des Lebenskrautes, und mit 
oft unsäglichen Mühen ist der Weg zu ihm verknüpft. Nur 
bisweilen spielt ein Zufall dem Menschen das Wunderkraut in 
seine Hände, aber ehe er sich desselben entweder für sich oder 
für andere bedienen kann, geht es ihm wieder verloren, oder er 
kommt selbst ums Leben. 

So erzählt der Midrasch Koheleth r. zur Erläuterung der 



«5J Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut, 15 

Worte des Predigers Salomo 5, 9, daß einmal ein Mann von 
Babylon nach dem jüdischen Lande heraufzog. Als er sich nieder- 
ließ, um am Wege auszuruhen, sah er, wie zwei Vögel sich mit- 
einander zankten und einer den anderen tötete. Ein Reiher 
aber brachte ein Kraut und legte es dem toten Vogel auf den 
Kopf, wovon dieser sofort wieder lebendig wurde. Der Mann 
dachte bei sich selbst: Das trifft sich gut, mit dem Kraut kann 
ich die Toten im Lande Israel beleben! Als er seine Reise fort- 
setzte, sah er einen toten Fuchs auf dem Wege liegen. Da dachte 
er wieder bei sich: Das trifft sich gut, an ihm kann ich eine 
Probe machen! Kaum hatte er dem Fuchs das Kraut aufgelegt, 
so sprang dieser auf und lief davon. An der Terrasse von Tyrus 
angelangt, stieß er auf einen toten Löwen. Er wollte mit dem 
Kraut noch eine Probe machen, doch als er den Löwen mit 
ihm berührte, sprang dieser auf und fraß ihn. Die Erzählung 
schließt mit dem sprichwörtlichen Satz: Erweise dem Bösen 
nichts Gutes, damit dir nichts Böses widerfahre, erweisest du 
ihm Gutes, so hast du dir selbst Böses getan! Tendlau erzählt 
in seinem Buch: Fellmeiers Abende S. 76 die Geschichte frei 
mit mancherlei Ausschmückungen. Eine merkwürdige Sage von 
dem König Salomo auf Grund einer haggadischen Auslegung von 
Koheleth 1, 9 lesen wir bei Juhus Koßarski (Sagen des Morgen- 
landes Nr. 10, S. 36). Obwohl dieser König alles besaß, was 
begehrenswert war, — er war reich und berühmt, hatte die 
schönsten Frauen, nannte Schätze über Schätze sein eigen, und 
sein Wissen drang bis in das Reich der Geister — so überkam 
ihn doch bisweilen der Geist des Mißmuts und der Unzufrieden- 
heit, denn er dachte: Was nützt mir alle meine Herrlichkeit,! 
ich muß doch einmal sterben und aus dieser Welt gehen. Erj 
befragte die Geister darob, doch es ward ihm keine Antwort. 
Eines Tages besuchte ihn die Königin von Saba (die Bilkis der 
Araber), und als er sie mit seiner Sorge bekannt machte, sprach 
sie zu ihm: Es gibt ein Kraut, welches das Leben verlängert; 
es befindet sich in der Mitte eines Felsens. Da du im Besitze 
des Schamir bist, durch dessen Berührung alle Felsen, Steine 
und Kristalle sich spalten, so kannst du dir leicht das Kraut ver- 
schaffen. Salomo, über diese Mitteilung hocherfreut, eilte so- 
gleich mit seinen Dienern nach den nördlichen Gebirgen Palästi- 
nas und spaltete mit dem Schamir die Felsen. Sie taten sich 
vor ihm auf und bald strömte ihm der Duft des Krautes ent- 
gegen. Schnell wollte er es ergreifen, doch plötzlich blieb er 
wie festgebannt stehen, denn er sah, wie ein alter Mann mit 
schneeweißem Haar und Bart es in seiner Hand hielt. Wie, 
rief Salomo, in diesem Felsen ein menschliches Wesen? Wohl 
bin ich ein Mensch, versetzte der Alte, ich war einst ein ebenso, 
weiser, großer und berühmter König wie du. Und du bist im 
Besitz des Lebenskrautes, fuhr Salomo fort, nach dem ich schon 



16 Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut. re* 

solange getrachtet habe, damit es mir mein Leben verlängere 
mid den Besitz meiner Schätze sichere? Ja, du wirst leben, wie 
ich, erwiderte der Alte. Auch ich trachtete dereinst nach diesem 
Kraut, um mir mein Leben zu verlängern und meine Schätze zu 
sichern, allein die Jugend ist verflogen und das Alter über mich 
gekommen. Meine Kräfte sind versiegt, ich möchte gerne ster- 
ben und kann doch nicht sterben. Ich bitte dich, du weiser 
König, nimm das Kraut aus meiner Hand, damit ich endlich 
von meiner Qual erlöst werde. Salomo nahm das Kraut aus der 
Hand des Alten, worauf dieser sofort verschied. Er war aber 
über den Vorgang so entsetzt, daß er das Kraut fortwarf und 
schleunigst davonging. Die Felsen schlössen sich hinter seinem 
Rücken wieder und bergen das Kraut bis auf den heutigen Tag. 

Nach dieser Sage besitzt das Lebenskraut wohl die Eigen- 
schaft, das Leben zu verlängern, aber es ist nicht imstande, 
zugleich ewige Jugend zu verleihen. Daher bringt es dem, der 
es besitzt, keinen Gewinn, sondern nur Qual und Elend. 

Die Sage vom Lebenskraut wird in ihrer weiteren Ver- 
flachüng sodann zum lebenerweckwiden, heilenden und gesund- 
machenden Wunder- und Zauberkraut. Von einem solchen Kraute 
berichten schon die altbabylonischen Tontafeln. Es heißt äibu 
issahir amelu und befindet sich auf der Seligeninsel. Gilgames 
sucht es sich zu verschaffen und will es nach Eridu bringen, eine 
Schlange aber entführt es ihm wieder an einer Zisterne. Eine Sage 
im Midrasch Wajikra r. Par. 22 berichtet von einem Mann, 
der im Tale Topheth Gras mähte. Dabei fand er ein Kraut, 
von dem er sich einen Kranz machte und ihn auf sein Haupt 
setzte. Da kam eine Schlange auf ihn zu und wollte ihn beißen, 
er sah sie aber an und tötete sie dadurch. Zufällig ging ein. 
Schlangenbeschwörer vorüber, als dieser die tote Schlange gewahr 
wurde, sprach er: Ich wundere mich über den Mann, der diese 
Schlange getötet hat. Der Mäher sprach: Ich habe sie getötet. 
Da erhob der Schlangenbeschwörer sein Gesicht und bemerkte 
das Kraut auf dem Haupt des Mannes, aus dem er sich einen 
Kranz gemacht hatte, und sprach zu dem Mann: Willst du wohl 
den Kranz von deinem Haupt nehmen und dann die Schlange 
mit diesem Stock berühren? Der Mann entsprach dem Wunsche 
des Schlangenbeschwörers, kaum aber hatte er die Schlange mit 
dem Stock berührt, so fielen ihm auch schon die Glieder vom 
Leibe.ö) 

Wie der Genuß des Lebenskrautes Blinde sehend und Sehende 
blind macht, dafür bringen die beiden Midraschwerke am 
angegebenen Ort zwei andere Geschichten. Die eine handelt 
von zwei Männern, die den Weg nach Tiberias hinaufwanderten^ 
der eine von ihnen war blind, der andere sehend. Der Sehende 
führte den Blinden. Als sie sich einmal niedersetzten, um aus- 
-?:uruhen, da fügte es sich, daß sie von einem Kraut aßen, von 



67] Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut. 17 

dem der Blinde sehend und der Sehende blind wurde. Wie sie 
ihre Reise fortsetzen wollten, mußte der Blinde den Sehenden 
führen. In etwas anderer Wendung meldet die zweite Geschichte 
dieselbe Tatsache von der Eselin des R. Jannai. Dieselbe hatte 
einmal ein Kraut gefressen, von dem sie blind, ein andermal 
wieder eins, von dem sie sehend wurde. — 

Bei den Hellenen knüpft sich die Sage vom Lebenskraute 
an Polyi'dos und Glaukos. Wie Apollodor III, 3, 1 erzählt, ver- 
folgte Glaukos, der Sohn des Königs Minos von Kreta, einst eine 
Maus Tind stürzte dabei in ein Honigfaß, in dem er erstickte. 
Niemand wüßte, wo er geblieben war. Sein Vater befragte das 
Orakel, und dieses erteilte ihm die Antwort, daß er in seiner 
Herde eine Kuh habe, welche dreimal im Jahre die Farbe wech- 
sele, wer für diesen Farbenwechsel den besten Vergleich finde, 
würde ihm den Knaben lebendig wiedergeben. Minos berief hierauf 
alle Seher seines Reiches zu sich, doch sie konnten nichts ent- 
decken, was einen treffenden Vergleich abgäbe. Endlich kam ein 
Frerndling, mit Namen Polyi'dos (d. i. der Vielwissende) aus Ar- 
ges, ein Enkel des Melampus, und wies auf die Maulbeere hin, 
denn sie wechsele gerade so wie die Kuh in der königlichen Herde 
die Farbe dreimal im Jahre, indem sie zuerst weiß, dann rot 
und endlich schwarz sei. Minos zwang hierauf den Polyidos, sein 
Kind zu suchen, und dieser fand es sehr bald, denn die Vögel zeig- 
ten ihm den Ort. Doch der Knabe war tot. Infolgedessen ließ ihn 
der König mit der Leiche seines Kindes in die Grabkammer ein- 
schließen. Als er hier ratlos dasaß, bemerkte er, wie eine Schlange 
hervorschlüpfte und sich dem Leichnam näherte. Polyidos tötete 
die Schlange mit einem Steine, oder wie andere sagen, mit seinem 
Schwerte. Es dauerte aber nicht lange, so kam eine andere 
Schlange, und da diese sah, daß ihre Gefährtin tot war, brachte 
.sie ein Kraut herbei, legte es auf dieselbe und rief sie dadurch \ P^ i, ' • 
nvieder Ins Leben zurück, worüber der König sehr erfreut war. \ L^^^'^y ., 
Schließlich mußte Polyidos auf den Befehl des Königs dem Knaben 
auch noch die Gabe der Weissagung beibringen, doch bei seiner 
Abreise nach Argos entzog er sie ihm wieder, indem er sich von 
ihm in den Mund speien ließ. 

Auch von einem anderen Glaukos, einem' Fischer des böo- 
tischen Dorfes Anthedon, wird eine Sage vom Lebenskraute be- 
richtet, die sich bei Pausanias IX, 22, 7, Strabo VIII, 405 und 
Oyid, Metamorphosen XIII, 919 ff. findet. Als derselbe einst 
mit Fangen von Fischen beschäftigt war, schüttete er eine Menge 
halbtoter Fische aus seinem Netze an den Uferrand, wo sie auf 
ein Kraut fielen, durch dessen Berührung sie wieder lebendig 
wurden und zurück ins Wasser sprangen. Über die Kraft des 
Wunderkrautes erstaunt, aß er selbst davon. Da wurde er plötz- 
lich von einer solchen göttlichen Begeisterung ergriffen, daß 
er ins Meer sprang. Okeanos und Tethys aber nahmen sich seiner 

Ex Oriente lux 1%. 2 



18 Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut. [6a 

an und verwandelten ihn in eine Meergottheit. Als solche ver- 
ehrte ihn das böotische Küstenvolk, insonderheit das des Dorfes 
Anthedon. Er galt als Schutzpatron der Fischer, Taucher und 
Schiffer, denen er im Sturm zu Hilfe kam. Der Ort aber, wo 
er ins Meer gesprungen, hieß Glaukossprung. Nach dem lydischen 
Geschichtsschreiber Xanthos soll, wie Plinius in seiner Natur- 
geschichte XXV, 2, 5 erzählt, ferner der durch den Biß einer 
Schlange ums Leben gekommene lydische König Tylos durch 
die Kraft des Krautes Balis wieder ins Leben zurückgerufen wor- 
den sein. Nach späterer hellenischer Vorstellungsweise wächst 
auf den Inseln der Seligen, jenem reizenden Lande mit seinen 
goldstrahlenden Blumen, auch ein Lebenskraut, das den Namen 
Aeizon (Immergrün), das Attische Hauslauch, oder Aeizoon (immer- 
grünendes Kraut) führt. 

Mit verschiedenen Abweichungen kehrt die Sage von Glaukos 
und Polyidos auch in der alten germanischen, oder genauer, 
sächsischen Sage von Sigmund und seinem Sohne Sinfiötli wieder. 
Nach der Völsungasaga c. 8 hatten beide miteinander das Ab- 
kommen getroffen, daß keiner sich jemals an mehr als sieben 
Männer machen solle, seien es mehr, so solle der eine den anderen 
zu Hilfe rufen. Eines Tages aber handelte der Sohn dem Willen 
des Vaters zuwider und nahm den Kampf mit elf Männern auf. 
Obwohl er sie alle tötete, wurde der Vater über den Ungehorsam 
des Sohnes doch so aufgebracht, daß er ihn in die Kehle biß, 
wovon dieser starb. Er brachte den toten Körper darauf in 
eine Höhle und ließ sich traurig bei ihm nieder. Da sah er, wie 
zwei Buschkatzen miteinander kämpften und die eine die andere 
in die Kehle biß, wodurch sie tot hinfiel. Ihre Gefährtin lief 
fort, kehrte aber bald wieder zurück und brachte ein Blatt im 
Maule mit, das sie auf die Tote legte, wodurch diese wieder zum 
Leben kam und davonlief. Sigmund suchte nach einem solchen 
Blatte, fand aber keins. Da kamen zwei Raben herbeigeflogen 
und brachten ihm ein solches. Er legte dasselbe sofort auf die 
Leiche seines Sohnes, und dieser wurde wieder lebendig. (S. 
Hagens Altdeutsche und Altnordische Heldensagen III, umge- 
arbeitet von Edzardi S. 32 f.) 

Mit mannigf^her Variierung tritt das Lebenskraut auch in 
verschiedenen Märchen auf. So zunächst in einem deutschen 
der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen Nr. 16: Die drei 
Schlangenblätter). Eine Königstochter hat das wunderliche Ge- 
lübde getan, nur denjenigen heiraten zu wollen, der, wenn sie 
zuerst stürbe, sich mit ihr begraben lasse. Sie starb zuerst, 
und ihr Gemahl, ein armer Mann, der aber durch seine Tapfer- 
keit im Kriege vom Könige zum Ersten des Reiches erhoben 
worden, mußte mit ihr ins Grab steigen, so sehr es ihm auch 
vor dem Gedanken grauste. Als er eines Tages in seinem Schmerze 
vor sich hinstarrte, sah er, wie aus einer Ecke eine Schlange 



69] Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut. 19 

hervorkroch und sich der Leiche näherte. Da er dachte, daß 
sie käme, um dieselbe zu benagen, zog er sein Schwert und zer- 
hieb sie in drei Stücke. Nach einer Weile kam eine zweite Schlange 
aus der Ecke hervor, da sie aber die andere Schlange in Stücke 
zerhauen liegen sah, lief sie schnell wieder zurück und holte 
drei grüne Blätter. Darauf nahm sie die drei Stücke der Schlange, 
fügte sie aneinander, wie sie zusammengehörten, legte auf jede 
Wunde eines von den drei Blättern, und sogleich wuchsen die 
Stücke wieder zusammen, die Schlange fing an, sich zu regen 
und schlüpfte mit ihrer Gefährtin von dannen, die drei Blätter 
aber blieben auf der Erde liegen. Da kam der junge König auf 
den Gedanken, ob nicht die Blätter ihre Kraft auch auf die 
Leiche seiner Frau ausüben möchten. Er hob sie auf, legte 
eines auf den Mund der Toten, die beiden anderen auf ihre 
Augen. Und siehe da, nach kurzer Frist fing an das Blut sich 
in den Adern zu bewegen, das bleiche Gesicht wurde rot, die 
Brust begann zu atmen, die Augen öffneten sich, und die Tote 
wurde wieder lebendig. Der junge König übergab die drei 
Schlangenblätter seinem Diener mit dem Bemerken, er solle sie 
sorgfältig aufbewahren, vielleicht daß sie noch einmal in der 
Not zu gebrauchen seien. Und das war der Fall. Denn mit 
der wieder ins Leben gerufenen Königin war plötzlich eine Ver- 
änderung vor sich gegangen, sie liebte ihren Gemahl nicht mehr, 
sondern schenkte ihr Herz einem Schiffer, und bei einer Meer- 
fahrt warfen beide den schlafenden König ins Wasser. Der alte 
Diener aber, der das Bubenstück mit angesehen, löste heimlich 
einen kleinen Nachen vom großen Schiffe los, fuhr dem schwim- 
menden Leichnam seines Herrn entgegen, fischte ihn auf und rief 
ihn mit Hilfe der drei Schlangenblätter, die er ihm auf Mund 
und Augen legte, wieder ins Leben zurück. 

Denselben Vorgang erzählen in verschiedenen Abweichungen 
drei griechische Märchen. Nach dem einen (bei v. Hahn die 
zweite Variante zu dem Märchen Nr. 9) belebt eine Mutter durch 
das Kraut, das eine Schlange ihrer getöteten Gefährtin aufgelegt 
und wodurch diese wieder ins Leben zurückgerufen wurde, ihren 
Sohn. Nach dem anderen (bei v. Hahn die erste Variante zu dem 
Märchen Nr. 64) wird dem starken Janni, dem Sohne eines 
Priesters, der eine Prinzessin von einem Drachen erlöst hat, 
darauf aber ermordet wird, von seinen Eltern nach drei Jahren 
auf ganz ähnliche Weise das Leben wiedergegeben. Sie sehen auf 
ihrer Reise zur Besichtigung der Leiche ihres Sohnes zwei 
Schlangen miteinander kämpfen, von denen die eine die andere 
tötet. Der Priester befiehlt seiner Frau, die tote Schlange mit 
Blättern zuzudecken, damit sie nicht gesehen werde. Davon wird 
die Schlange aber wieder lebendig und schlüpft hinweg. Auf 
den Rat ihres Mannes steckt die Frau die Taschen voll von den 
Blättern, mit denen sie sodann den im Sarge liegenden Sohn er- 

2* 



j 



20 Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut. [vo 

weckt. Im dritten Märchen aus Syra (das. die dritte Variante) 
handelt es sich um zwei Drachen. Dieselben sehen zwei Schlangen 
miteinander ringen, von denen die eine mit ihrem Schwänze so 
auf die andere einschlägt, dciß diese in zwei Stücke zerspringt. 
Darauf läuft die andere nach einem in der Nähe stehenden. 
Kraute und wickelt die beiden Stücke in dasselbe, wodurch diese 
wieder zusammenwachsen. Der jüngere Drache sieht in dem 
Vorgange eine Vorbedeutung für sich selbst und rät seinem 
älteren Bruder, von dem Kraute etwas mit nach Hause zu nehmen. 
Während ihrer Abwesenheit ist ihr Schwager von einem schwarzen 
Teufel Namens Zansisis umgebracht worden. Sein Kopf liegt in 
einer Pfütze und nicht weit davon der Körper. Sie holen nun 
das Kraut hervor, bestreichen damit die Schnittwunden, und der 
Tote kommt wieder zum Leben und ruft: Ach, Bruder, wie 
schwer habe ich geschlafen und wie leicht bin ich aufgewacht I 

Verwandt mit diesen griechischen Märchen ist auch das 
folgende bei Stier Nr. 15 S. 107. Die drei Schwestern sind durch 
den Mutwillen ihres Bruders Eisenlaci infolge des Zauberspruches 
einer alten Frau in die Gewalt eines zweiköpfigen Drachens ge- 
raten. Nachdem er groß geworden, empfindet er die Schwere 
seiner Schuld und bittet seinen Vater, ihn zur Befreiung seiner 
unglücklichen Schwestern ausziehen zu lassen. Dieser erteilt 
ihm die Erlaubnis, und in kurzer Frist hat er zwei von ihnen 
gerettet. Als er sich aber zur Rettung der dritten anschickt, 
gerät er selbst in die Gewalt des Drachen, welcher ihn in hundert 
Stücke zerschneidet. Der Prinz hat aber vor seinem Tode den 
Drachen gebeten, die Stücke seiner Leiche in ein Tuch zu wickeln 
und auf den Rücken seines Pferdes zu binden. Der Drache erfüllt 
den Wunsch des Prinzen, und das Pferd kommt zum Schlange ri- 
könig. Dieser legt sofort die Stücke wieder ordentlich zusammen 
und läßt heilsame Kräuter herbeischaffen, durch welche der 
Prinz nicht nur wieder lebendig, sondern auch noch siebenmal 
schöner wird als zuvor. Mit Hilfe des Wunderkrautes, durch 
das eine Schlange die andere, die von ihr sehr verwundet und 
zerfetzt worden, wieder heilmacht, belegen in einem litauischen 
Märchen bei A. Schleicher S. 57 und 59 dankbare Tiere die 
schon drei Jahre im Grabe liegende Leiche ihres Herrn, wodurch 
sie wieder lebendig wird. Ähnliches geschieht von dankbaren 
Tieren in einem wal achischen Märchen von Petru Firitschell 
(S. Schott, Walachische Märchen S. 142). 

Wie Sigmund in der Völsungasaga durch eine Busch- oder 
Wildkatze das Lebenskraut gewinnt, womit er seinen toten Sohn 
wieder ins Leben ruft, so im Lai d'Elidüc der Marie de France, 
Guideluec, die Frau des Ritters Elidüc, von einem Wiesel. Als 
dieselbe eines Tages vor dem Altare in der Kirche eines Ein- 
siedlers saß und um die schöne tote Königstochter Guilljadun 
von England, der ihr Gemahl sein Herz geschenkt, trauerte, 



71J Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut. 21 

schlüpfte aus seinem Bau ein Wiesel über die Entseelte, es 
wurde aber von ihrem Pagen mit seinem Stocke erschlagen, 
l^ach einiger Zeit kam das Weibchen des toten Wiesels herbei, 
und als es den Gefährten still und stumm fand, lief es fort 
nach dem grünen Walde, brach mit seinen Zähnen schnell ein 
purpurrotes Blümelein ab und legte es dem Toten in den Mund, 
wodurch es wieder lebendig wurde. Auf Befehl der Ritterdame 
setzte der Page dem Wiesel nach, schlug auf dasselbe ein, so 
daß es sein Kraut verlor. Guideluec nahm hierauf das Kraut 
und legte es Guilljadun auf den Rand ihrer Lippen. Es dauert 
nicht lange, so hebt die Maid zu seufzen an, 

„Blickt auf und spricht mit sanftem Ton: 
Mein Gottl Wie lange schlaf ich schon." 

(W. Hertz, Spielmannsbuch, S. 156 f.) 

Eine ähnliche Geschichte, nur daß die Bekanntschaft mit 
dem Wunderkraute einer Bärin zu verdanken ist, lesen wir in 
dem aus dem 12. Jahrhundert stammenden Roman Rhodante 
und Dosikles von Theodorus Prodromos. Rhodanthe ist von ihrer 
Nebenbuhlerin Myrilla durch einen Zaubertrank vergiftet worden 
und liegt. in einer todesähnlichen Erstarrung da, wird aber durch 
Auflegen eines Krautes wieder zum Bewußtsein gebracht. (S. 
Rohde, Der griechische Roman S. 529, Anm. 2.) 

In Chaucers Dream wieder tritt wie im Midrasch an die 
Stelle der Schlange ein Vogel. Ein solcher hat sich an einer 
Fensterscheibe den Kopf eingestoßen, das sieht ein anderer und 
holt schnell ein Kraut herbei, mit dem er ihn wieder belebt. 

Doch der Lebensbaum hat noch andere Wandlungen durch- 
gemacht, wodurch sich das Strombett des Sagenkreises immer 
mehr verbreitert. Vom lebenerweckenden Wunderkraute ist er 
zum Zauberkraute geworden, das die Kraft besitzt, Verwand- 
lungen zu lösen und Liebe zu erwecken. Es würde zu weit führen, 
wenn wir alle diesbezüglichen Sagen bei den Völkern behandeln 
wollten, es sei nur gestattet, auf einige Beispiele hinzuweisen. 
Bei den Griechen galt als Zauber bewirkendes Kraut das Kraut 
Moly mit schwarzer Wurzel und schneeweißer Blüte, die sich 
zu Äpfelchen mit schmutzig grüngelber Farbe und schar- 
fem Geruch entwickeln. Die Odyssee erzählt, daß die Hälfte 
der Begleiter des auf der Heimkehr umherirrenden Odysseus 
durch einen Zaubertrank der Kirke in Schweine verwandelt wor- 
den war und bei ihr eingesperrt verweilte. Auch Odysseus hätte 
dasselbe Schicksal betroffen, wenn ihm nicht von Hermes ein 
Kraut überreicht w^orden wäre, das ihn vor der Wirkung des 
Trankes geschützt hätte. Das Kraut Moly wird also beschrieben: 

„Schwarz war die Wurzel zu schau'n, und milchweiß blühte die 

Blume. 
Moly wird's von den Göttern genannt. Schwer aber zu graben 
Ist es sterblichen Menschen." (Odyssee 10, 305 ff.) 



22 Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut. [72 

Vergl. über dieses Kraut Theophr. bist, plant. 9, 5, 17 ; Diosc. 3, 
54 und Victor von Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere 5. Auf- 
lage S. 67 f. Der orientalische Volksglaube betrachtete die Du- 
daim (Mandragora oder Alraunwurzel) als ein Kraut, welches 
nicht blos Liebe im Herzen des Auserkorenen erzeugt, sondern 
auch die Fruchtbarkeit befördert. Nach biblischer Überlieferung 
(1. Mos. 30, 14 ff.) fand Rüben zur Zeit der Weizenernte die 
Dudaim und brachte sie seiner Mutter Lea. Als Rahel, ihre 
Schwester, das hörte, sprach sie zu ihr: „Gib mir doch ein 
paar von den Liebesäpfeln deines Sohnes!" Doch diese ent- 
gegnete: „Ist's nicht genug, daß du mir meinen Mann weg- 
genommen, willst du mir auch noch die Liebesäpfel meines 
Sohnes nehmen?'* Die Worte zeigen deutlich, daß es sich um 
eine zur Liebe reizende und Leibessegen herbeiführende Frucht 
handelt. Nach Wetzstein heißt diese Pflanze noch heute bei 
den Arabern: Diener des Liebesgrußes (*^abd essalam). S. De- 
litzsch, Kommentar zum Hohenliede, S. 439 f. 

Wenn ein Weib die Mandragoren auf dem Herzen trägt, 
so wird durch die Zauberkraft derselben jeder, der sich ihr naht, 
gezwungen, ihr seine Neigung und Liebe zu schenken, ja, er 
wird sogar in Ekstase und leidenschaftliche Verzückung versetzt. 
S. Ausland 1857. Nr. 44. S. 1040 ff. 

Nach dem französischen Alexanderliede kommt Alexander 
auf seinem Zuge nach Indien in die Nähe eines herrlich blühen- 
den, an einem Flusse gelegenen Waldes, in dem die Mandra- 
goren wachsen, die aber kein Mensch zu suchen wagt, wenn er 
nicht sterben will. 

Eine andere Liebespflanze: Meherghian ist nur mit großen 
Schwierigkeiten zu erlangen, denn der Weg zu ihr geht über 
Ströme, Gebirge und undurchdringliches Dickicht. Es wächst 
auf den höchsten mit Schnee umgürteten Bergen, zu denen steile 
Felswände hinaufführen. Die Suchenden werden durch das Ge- 
heul wilder Tiere und durch das Zischen giftiger Schlangen 
abgeschreckt, zu dem Kraute vorzudringen; wer aber nicht den 
Mut verliert, bringt es in seinen Besitz. Nach dem Glauben der 
Polen besitzt das Dreikraut und nach dem Glauben der Serben 
das Samdoka die Macht, Liebe einzuflößen. 

Zum Schlüsse unserer Untersuchung über den Lebensbaum 
in den verschiedenen Kulturreligionen sei noch auf die Verbreitung 
einer Kunde im 15. Jahrhunderte hingewiesen, daß im Schloß- 
garten zu Fontainebleau, nördlich von Paris, der biblische Lebens- 
baum wieder entdeckt worden sei. Die Nachricht versetzte da- 
mals viele Gemüter in die größte Aufregung. Man war froh 
darüber, ein Mittel wider den Tod erlangt zu haben. Ein 
Kräuterbuch aus damaliger Zeit äußert sich über die vermeintliche 
Wunderkraft des Baumes also: „Derselbe besitzt die natürliche 
Eigenschaft, daß der, welcher davon ißt, dadurch gefeit wird gegen 



73J Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 23 

Krankheit und Altersschwäche; ja sein Leib wird unverwund- 
bar wie der des Achilles. Wer aber das Grün als Salat genießt, 
vergißt alle andere Nahrung und Sorge." Bei näherem Zusehen 
freilich erwies sich der Wunderbaum nur als der unter dem 
Namen Thuja noch heute bekannte Baum (Thuja occidentalis). 
Der Baum stammt aus Nordamerika, hat fast wagerecht ausge- 
breitete Äste imd flach zusammengedrückte Zweige mit kleinen 
eirunden Blättern, die in regelmäßigen Reihen stehen und hart 
an die Zweige angedrückt sind. In den Wintermonaten nehmen 
Zweige und Blätter eine bräunliche oder schwärzliche Färbung 
an, sobald aber das Frühjahr kommt, erglänzen sie wieder in 
dem herrlichsten Grün, das dem Auge sehr wohltuend ist. Der 
Baum in seinem Farbenwechsel im Frühjahr ist ein schönes 
Symbol des in der Natur wiedererwachenden Lebens. 



3. Der Lelbenslbaum als Krenzholz Jesu. 

In der von Tischendorf nach zwei Wiener Handschriften 
aus dem 12. und 13. Jahrhundert (Leipzig 1866) und von Ceriani 
in den Monumenta sacra ö, 1 p. nach einer dritten Handschrift 
(Mailand 1868) veröffentlichten griechischen Apokalypse des Mose 
befindet sich eine Legende von Adam, dem Protoplasten, die im 
Laufe der Jahrhunderte ihren Weg durch die Litteratur aller Kul- 
turländer des Mittelalters genommen hat und bald in kürzerer, 
bald längerer Bearbeitung uns entgegentritt. Die Legende reicht 
viel weiter hinauf, als das Alter der genannten Handschriften; 
wir greifen sicher nicht fehl, wenn wir sie bis in die patris tische 
Zeit hinaufrücken. Zieht man das Sprachkolorit des Werkes in 
Betracht, so gewinnt es den Anschein, daß wir es mit einer 
Übersetzung aus einem hebräischen Originale zu tun haben, 
das uns aber verloren gegangen ist. Die Legende ist in Kürze 
folgende. Nachdem Adam mit Eva 30 Söhne und 30 Töchter 
gestellt hatte, verfiel er im Alter von 930 Jahren in eine Krank- 
heit und versammelte alle seine Söhne, um sie vor seinem Tode 
zu segnen. Von seinem Sohne Seth befragt, worin seine Krank- 
heit bestehe, ob er sich vielleicht nach der Frucht des Para- 
dieses sehne und er sie ihm holen solle, gab er zur Antwort: 
„Nicht doch, mein Sohn, sondern ich bin krank und habe Schmer- 
zen, weil mich Gott wegen meines Ungehorsams bedroht hat 
mit 70 Plagen zu schlagen." Als jedoch neuer Schmerz über 
ihn kommt, schickt er Eva und Seth, ihm zur Beruhigung das 
öl der Barmherzigkeit aus dem Paradiese zu bringen, vielleicht 
daß er dadurch Genesung finde. In der Nähe des Paradieses wird 
Seth von einer Schlange angefallen, worüber Eva in großen 
Schreck gerät, Seth aber verflucht die Schlange und sie weicht 
zurück. Im Paradiese bitten Eva und Seth um das Öl vom 



24 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [74 

Baume der Barmherzigkeit, doch der Erzengel Michael sagt ihnen^ 
daß ihre Bitte keine Erhörimg finden könne und Adam nach 
drei Tagen sterben werde. Bei ihrer Zurückkehr macht Adam 
seinem Weibe die heftigsten Vorwürfe über das Unglück, das 
durch ihren Leichtsinn über das Menschengeschlecht gekommen 
sei, deshalb solle sie ihren Kindern und Kindeskindern den Sün- 
denfall erzählen. In längerer Rede schildert sie darauf, wie sie 
in einer Stunde, wo die Engel sich zur Anbetung Gottes erhoben, 
sich habe bereden lassen, dem Satan und der Schlange die Pforten 
des Paradieses zu öffnen. Der Satan habe sie in der Gestalt 
eines Lichtengels verleitet, von der Frucht des verbotenen Baumes 
zu essen, und sie habe auch Adam von ihr zu essen gegeben. 
Darauf sei Gott mit den Scharen der Engel erschienen und habe 
ihnen und der Schlange die Strafe verkündet. Bei der Vertreibung 
aus dem Paradiese habe Adam um Verzeihung für sein Vergehen 
und um die Frucht vom Baume des Lebens gebeten, welche letz- 
tere ihm aber verweigert und erst für die Tage der Auferstehung 
in Aussicht gestellt worden sei. Nach dieser Mitteilung betet 
Eva, und Adam stirbt. Gott erscheint darauf mit seinen Engeln 
und Sonne und Mond verfinstern sich. Adams Leib wird ge- 
waschen und in den siebenten Himmel gebracht, von wo aus 
Cherubim ihn in das Paradies tragen. Hier strömen die Pflanzen 
einen solchen starken Duft aus, daß alle eingeschläfert werden, 
nur Seth bleibt wach. Nachdem Gott verheißen, daß Adam der- 
einst auf dem Throne sitzen werde, den der Satan früher inne 
gehabt, werden Adams und Abels Leiber in Tücher gehüllt und 
in der Erde des Paradieses bestattet. Sechs Tage später stirbt 
auch Eva und wird, wie sie erfleht, neben Adam begraben. — 
Dies sind in Kürze die Grundzüge der Legende, wie sie in der 
Apokalypse des Mose uns vorliegt. Mit mannigfachen Verände- 
rungen lesen wir die Geschichte sodann in der Vita Adae et Evae, 
herausgegeben von Wilhelm Meyer (Abhandlungen der kgl. bayer. 
Akademie der Wlss. 1. Kl. XIV. Bd. III. Abteil. 1879), sowie in 
dem apokryphischen Evangelium des Nikodemus c. 19. *) Nach 
beiden Quellen spricht der in der Unterwelt weilende Adam zu 
seinem Sohne Seth: Mein Sohn, ich möchte, daß du den Vor- 
vätern des Menschengeschlechts und den Propheten alles sagtest, 



*) Das Nikodemus-Evangelium gehört dem 4. Jahrhundert 
an, genauer scheint es in die Zeit von 361 — ^363 zu fallen. Tischen- 
dorf wollte die Entstehung des ersten Teils des Evangeliums bereits 
in den Anfang des 2. Jahrhunderts verlegen, doch schon Rieh. 
Lipsius hat mit scharfen Gründen den späteren Ursprung nach- 
gewiesen. Vergl. seine Schrift: Die Pilatus-Akten kritisch unter- 
sucht, Kiel 1871, S. 11. Früher schon zeigte Maury, Nouvelles 
recherches sur Tepoque ä laquelle a ete compose Touvrage connu 
sous le nom d'Evangeli de Nicodeme, Paris 1850, daß der erste 
Teil, des Werkes dem 4. Jahrhundert angehöre. 



75] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 25 

was du vom Erzengel Michael gehört hast, als ich dich zu 
den Pforten des Paradieses sandte, um Gott zu bitten, mir zur 
Linderung meiner Schmerzen und, weil ich mich dem Tode ver- 
fallen fühlte, das öl der Barmherzigkeit vom Baume des Lebens 
zu holen. Sofort spricht Seth: Propheten und Patriarchen höret I 
Mein Vater Adam, der Ersterschaffene, sandte mich, da er hin- 
fällig zum Sterben war, an die Pforte des Paradieses, um Gott 
zu bitten, mich durch den Engel zum Baume des Erbarmens 
zu führen, damit ich von ihm Öl nehme und meinen Vater salbe, 
und er dadurch in seiner Hinfälligkeit wiedei* aufstehe. Ich habe 
dem Willen meines Vaters entsprochen. Nach meinem Gebete 
kam der Engel des Herrn zu mir und sprach: Seth, was begehrst 
du? Willst du das Öl, das die Hinfälligen wieder aufrichtet, 
oder den Baum, der solches Ol ausfließen läßt. Beides kannst 
du jetzt nicht erhalten. Gehe aber heim und sage deinem Vater, 
daß nach Vollendung von 5500 Jahren der Erschaffung der Welt 
der eingeborene Sohn Gottes in Menschengestalt zur Erde herab- 
kommen wird, dieser wird ihn mit solchem öl salben und er 
wird wieder auferstehen. Auch wird er die, die von Adam ge- 
zeugt sind, mit Wasser und dem heiligen Geiste waschen, dann 
wird auch dein Vater von aller Krankheit geheilt sein. Die Ge- 
schichte schließt mit den Worten: „Als das die Patriarchen 
hörten, freuten sie sich sehr." *) 

Das Eigenwesentliche dieser Sage besteht darin, daß vom 
Lebensbaume das Öl der Barmherzigkeit kommt, durch welches 
Adam Erlösung von seiner Krankheit erwartet. Es wird ihm 
aber versagt und soll ihm erst nach 5500 Jahren zuteil werdeli. 

Die ohne Zweifel viel spätere, vielleicht erst dem 
9. Jahrhundert angehörende lateinische Übersetzung des grie- 
chischen Textes des Nikodemus-Evangeliums begründet die 
Verweigerung des Öles durch den Erzengel Michael noch be- 
stimmter durch eine weitere Ausschmückung im messianischen 
Sinne, in dem bemerkt wird : Sobald die 5500 Jahre vorüber sein 
werden, wird der geliebteste Sohn Gottes, Christus, auf die Erde 
kommen; er erweckt alsdann den Leib Adams, und mit ihm 
erwachen zugleich die Leiber der Toten. Nach seiner Taufe im 
Jordan wird er mit dem öl der Barmherzigkeit salben alle, die 
an ihn glauben. Das öl wird dienen zur Aufrichtung derer, die 
geboren werden müssen aus dem Wasser und dem heiligen Geisto 



*) Das Evangelium des Nikodemus ist auch in das Proven^a- 
lische und Mittelhochdeutsche übergegangen. In der provenga- 
lischen Bearbeitung ist unsre Legende abgedruckt von Karl Bartsch 
in: „Die Erlösung mit einer Auswahl geistlicher Dichtungen". 
Quedlinburg und Leipzig 1858. S. XXIV— XXIX; in der mittel- 
hochdeutschen von Fr. Pfeiffer in: „Altdeutsches Übungsbuch". 
Wien 1866. S. 1—22. 



v26 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [7ö 

zum ewigen Leben. Darin wird der geliebteste Sohn Gottes, 
Christus Jesus, zur Erde kommen und unsern Vater Adam in 
das Paradies zum Baume der Barmherzigkeit führen. 

Eine neue Wendung in die Legende bringt das wahrschein- 
lich aus dem Arabischen ins Äthiopische übersetzte christliche 
Adamsbuch. Nachdem Adam und Eva nach ihrer Verstoßung aus 
dem Paradiese 43 Tage Buße^) getan und in Mühsal und Leiden 
zugebracht, baten sie Gott, ihnen zur Stillung ihres Hungers 
etwas aus dem Garten zu essen zu geben. Da erschien auf gött- 
lichen Befehl der Cherub mit dem feurigen Schwerte in der 
Hand und überreichte ihnen zwei Zweige mit je einer Feige. Sie 
nahmen dieselben, erkannten aber sehr bald, daß sie von den 
«wei Feigenbäumen herrührten, zwischen denen sie sich nach 
dem Falle, ihrer Lichtnatur entkleidet, versteckt hatten. Um 
nicht in neue Kümmernisse zu geraten, enthielten sie sich der 
Früchte. Nun aber richtete Adam an Gott die Bitte, ihm von 
der Frucht des Lebensbaumes zu geben. Er sprach: „0 Gott, 
gib uns von der Frucht des Lebensbaumes, damit wir essen und 
leben und nicht wieder Leiden auf Erden ertragen müssen. Denn 
du, o Gott, hast uns, als wir den Befehl übertraten, aus dem 
Garten getrieben und den Cherub gesandt, den Baum des Lebens 
zu bewachen, damit wir nicht davon essen und leben und der 
Leidensunruhe nach unserer Übertretung überhoben seien. Und 
nun, Herr, siehe doch, wir haben während dieser Zeit die 
Leiden getragen, so gleiche denn diese 43 Tage aus mit der 
Stunde, in der wir übertraten.** Auf dieses Gebet antwortete ihm 
Gott: „Adam, von dem Baume des Lebens, um den du bittest, 
kann ich dir jetzt noch nicht geben, sondern erst, wenn ö500 
Jahre erfüllt sein werden, werde ich dir von der Frucht de& 
Lebensbaumes geben, damit du essest und in Ewigkeit lebest, 
du und Eva und die Gläubigen deines Samens; und diese 43 
Tage bezahlen nicht die Stunde, in der du meinen Befehl über- 
treten hast. Gedulde dich, bis der Bund, den ich mit dir ge- 
schlossen habe, erfüllt sein wird.*' (S. Dillmann, das christliche 
Adamsbuch des Morgenlandes. Göttingen 1853, S. 36.) Das Neue 
dieser Darstellung liegt darin, daß für das öl des Erbarmens 
die Frucht vom Lebensbaume tritt, damit ist aber die Identität 
des Öles mit der Frucht des Lebensbaumes erwiesen. 

Mit anderweiten neuen Zügen bereichert erscheint sodann 
die Legende in einer von einem unbekannten Verfasser her- 
rührenden Episode der Weltchronik des Rudolf von Ems. Herr- 
mann Fischer, der dieselbe im XXH. Jahrgang (X. Jahrgang 
der neuen Reihe) der Zeitschrift Germania (herausgegeb. von 
K. Bartsch, Wien 1877, S. 316 ff.) nach zwei Handschriften 
aus dem 14. und 15. Jahrhundert publiziert hat, setzt ihren 
Ursprung in das 13. Jahrhundert. Damach liegt Adam krank 
darnieder, er leidet an einem Fuße. Er ruft seinen Sohn Seth 



77j Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 27 

und zeigt ihm den Weg nach dem Paradiese; wobei er ihm be- 
fiehlt, sich dem zu nahen, den er darin finden werde, und ihn zu 
bitten, den kranken Vater doch zu bedenken. Die bei dieser 
Gelegenheit ihm zuteil werdende Lehre soll er sich merken, und 
was er erhalten werde, solle er ihm bringen. Seth, dem Befehl 
seines kranken Vaters Folge leistend, gelangt ins Paradies und 
findet dort einen lichten Engel, der ihn um sein Begehren fragt. 
Er trägt ihm den Wunsch seines Vaters vor und spricht: Mein 
Vater ist sehr krank imd sendet mich zu dir, der du alle 
Krankheiten kennst und zu entfernen vermagst, sage nur, ob 
mein Vater wieder gesund wird. Der Engel spricht zu ihm: 
Ich will dir eine Arznei geben, die deinen Vater gesund machen 
wird. Bei diesen Worten bricht er ein Reis von dem Apfelbaume, 
an den Gott das Verbot geknüpft hatte, und drückt es ihm in 
die Hand mit den Worten: Sobald dieses Reis Wurzel schlägt, 
gesundet dein Vater. Seth nimmt das Reis und tritt den Rück- 
weg an, unterwegs überlegend, wie das Reis am besten in die 
Erde zu pflanzen sei, damit es Wurzel schlage, grüne und 
Früchte trage. Zu Hause angekommen, vernimmt Seth den be- 
reits erfolgten Tod seines Vaters. Er steckt das vReis in den 
Mund seines Vaters und es dauert nicht lange, so beginnt es 
zu grünen, wächst zu einem großen Baume empor und treibt 
Äste, dergleichen es sonst nicht gibt. Die Episode schHeßt mit 
der Bemerkung: Wie Adam von seiner Krankheit genaß, die Gott 
ihm auferlegt und was aus dem Baume nach mehr denn 4000 
Jahren wurde, das weissagt ims Frau Sibylla. Die neue Wendung 
in der Ausgestaltung der Legende Hegt darin, daß Seth in der 
Tat die erbetene Arznei in der Gestalt eines Reises erhält, 
nur rührt es nicht vom Baume der Barmherzigkeit (Lebens- 
baume), sondern von dem Baume der Erkenntnis her, der als 
ein Apfelbaum gekennzeichnet wird. 

In wesentlicher Übereinstimmung mit dieser Fassung, nur hier 
und da mit kleinen Abweichungen erzählen die Legende der Kano- 
nikus der Marienkirche zu St. Omer Lambertus in seinem um 1120 
begonnenen Excerptenbuche Floridus, ferner Vincentius von Beau- 
vais im 13. Jahrhundert in seinem Speculum historiale Lib. VII. 
c. 59 und Jacobus a Voragine in der Legenda aurea c. 68 p. 242 
sq. u. c. 86 p. 306 in der Ausgabe v. Grässe. In derselben Ge- 
stalt finden wir sie in der deutschen Dichtung bei Heinrich 
von Meißen,*) der sie sehr ausführlich behandelt, sowie auch in 
zwei deutschen Passionalen in der Hahnschen Sammlung von 
Gedichten des 12. und 13. Jahrhunderts, in dem einen älteren 
ziemlich knapp, in dem anderen mit „Deu urstende" überschrieben, 
um vieles freier und umständlicher. In dem älteren Passionale 



*) Vergl. Freybe, Das älteste Karfreitagslied, 2. Aufl., Ber- 
lin 1899, S. 27 u. 28. 



28 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [78 

der beschwerliche und mühsame Weg Seths zum Paradiese ge- 
schildert. Nur geringe Abweichungen zeigt die Darstellung 
bei Jean de Clerc in seinen Lekenspieghel, dessen Abfassung 
in die Zeit von 1325—1330 fällt. 

In diesem Stadium der Entwickelung erscheint die Legende 
auch in der ersten Gruppe der aus dem 13. oder 14. Jahrhundert 
stammenden Historienbibeln, welche sich als freie Bearbeitungen 
des Vulgatatextes erweisen und mit allerhand merkwürdigen Er- 
zählungen aus apokryphischen Büchern ausgeschmückt sind. 
Märzdorf, der diese Gruppe nach einer Oldenburger Papierhand- 
schrift (0) aus dem Jahre 1464, die mit der Vorrede : „Do got in 
siner magenkraft" beginnt, herausgegeben hat, bringt die Legende 
im 1. Bde. S. 124 f. Fast den gleichen Wortlaut hat sie in 
der im Besitze von Eduard Reuß befindlichen Historienbibel, wo 
sie den Schluß des 4. Kapitels des ersten Buches Moses bildet. 
Vergl. Ed. Reuß, die deutsche Historienbibel vor der Erfindung 
des Bücherdrucks. Jena 1855. In einer zweiten Gruppe von 
Historienbibeln, die eine Art Auflösung der Weltchronik des 
Rudolf von Ems bilden, nähert sich die Legende dagegen der 
Fassung der Vita und des lateinischen Textes des Nikodemus- 
Evangeliums. Eine wahrscheinlich aus dem 15. Jahrhundert stam- 
mende Papierhandschrift dieser Gruppe von Historienbibeln mit 
der Vorrede: „0 herr Jesu Christ Vogt" befand sich früher im 
Besitze des D. Jacob Friedrich Mayer, 1716 kam sie dann in 
die Hände von Jacob Baumgarten, später in die des Rektors 
M. G. Christgau zu Frankfurt a. d. Oder, aus dessen Bibliothek 
sie der Pastor J. M. Goeze in Hamburg erwarb, der sie der 
Stadtbibliothek zu Hamburg vermachte. Märzdorf teilt die Le- 
gende, die sie in dieser Historienbibel hat, in seinem Werke: 
Die deutschen Historienbibeln des Mittelalters I, S. 61 f. mit. 

Eine neue beachtenswerte Weiterbildung erfährt die Legende 
während des Mittelalters zum ersten Male in der 1864 von 
Ad. Borgnet veröffentlichten Chronik: Ly myreur des histors von 
Jean des Preis dit d'Outremeuse I, p. 416 — 424. Wir heben im 
folgenden die wichtigsten Einschiebsel, Zusätze und Ausschmück- 
ungen, durch welche sich die Darstellung von den vorerwähnten 
unterscheidet, hervor. Zunächst erkennt Seth auf dem von seinem 
Vater ihm beschriebenen Wege nach dem Paradiese noch genau 
die Fußtritte seiner Eltern bei ihrer Vertreibung an dem Fehlen 
jeglichen Graswuchses. Als Seth an den Pforten des Paradieses 
anlangt, hält er ein längeres Gespräch mit dem wachehaltenden 
Cherub, damit dieser ihm den Eintritt in das Paradies gestatte. 
Nachdem Seth und Eva ein inniges Gebet an Gott gerichtet haben, 
erscheint ihnen St. Michael in voller Rüstung und setzt ihnen 
auseinander, warum Adam jetzt das Öl der Barmherzigkeit nicht 
gewährt w^erden könne. Es soll ihm jedoch nach 5200 Jahren 
weniger eins nach der Weltschöpfung, wenn der hohe Sohn 



79] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 29 

des lebendigen Gottes, der teure Jesus, im Flusse Jordan getauft 
sein wird, zuteil werden. Michael verwendet sich sodann beim 
Cherub, dem Seth zu gestatten, seinen Kopf in das Paradies 
stecken zu dürfen. Trefflich ist nun die Schilderung des Para- 
dieses mit seinen Herrlichkeiten. Seth schaut Bäume mit den 
schönsten Früchten und köstliche Blumen, die lieblichsten Ge- 
sänge tönen ihm entgegen, er sieht eine Quelle, aus der die 
vier Paradiesesflüsse entspringen. Oberhalb der Quelle steht ein 
verzweigter Baum, aber ohne- Laub und ohne Rinde. Es ist der 
Baum der Erkenntnis, der infolge der Übertretung Adams und 
Evas noch die Spuren des göttlichen Fluches an sich trägt. 
Als Seth zu St. Michael zurückkehrt, erzählt er ihm alles, was 
sich seinem Auge und seinem Ohre dargeboten. Darauf befiehlt/ 
ihm der Engel, nochmals in das Paradies zu treten und sorg- 
fältig alles zu betrachten. Da sieht er, daß die Schlange um 
den entblößten Baum gewickelt ist. Wie wahnsinnig kehrt er 
zu St. Michael zurück, auf seinen Befehl aber steckt er ein ^, 
drittes Mal seinen Kopf durch das Tor des Paradieses. Jetzt ge- ' 
wahrt er, wie der Baum mit seinem Gipfel in den Himmel ragt, 
auf dem Gipfel aber liegt ein neugeborenes, in Windeln ge- 
wickeltes Kind. Die Wurzeln des Baumes reichen bis in die ( 
Unterwelt hinab und in den Spalten schaut er die Seele seines 
erschlagenen Bruders Abel. Bei seiner Rückkehr erklärt ihm 
der Engel alles, was er gesehen hat. Das Kind auf dem Gipfel 
des Baumes ist der Sohn Gottes und Abel in der Unterwelt 
beweint den Fehltritt seiner Eltern. Darauf gibt ihm St. Michael 
drei Apfelkerne mit der W^eisung, dieselben seinem Vater nach 
dessen Tode in den Mund zu legen. Sie würden sich zu drei 
Bäumen entwickeln, zu einer Zeder, Zypresse und Pinie. Außer 
den drei Apfelkernen nehmen Seth und Eva noch Narde, Safran 
und Zimmt mit — Dinge, die später zur Einbalsamierung der 
Toten verwendet wurden. Als Adam von seinem Sohne Seth 
alles, was dieser an der Pforte des Paradieses gesehen und gehört 
hat, vernimmt, bricht er in helle Freude aus und mit den 
Worten: Mein Leben genügt mir! haucht er seine Seele aus. 
Sonne, Mond und Sterne trauern um Adam und verlieren auf 
sieben Tage ihren Schein. Da stellt sich St. Michael abermals 
ein und fordert Seth auf, auf alles acht zu geben, was Gott mit 
seinem Gebilde machen werde. Seth sieht, wie Gottes Hand 
auf Adams Haupte ruht und wie er den Leichnam St. Michael 
übergibt, und dieser ihn in Schweißtücher hüllt und durch Engel 
und Erzengel in Hebron begraben läßt. Seth legt die ihm über- 
gebenen drei Kerne unter seines Vaters Zunge, und es dauert 
nicht lange, so werden die Kerne zu drei Reisern von der 
Länge einer Elle. Sechs Tage darauf stirbt unter herzinnigem 
Gebet auch Eva, nachdem sie Seth zuvor noch aufgetragen, zwei 
fehlt die Anrede Gottes an Seth, in dem jüngeren wird besonders 



k.1 



30 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [so 

Säulen zu fertigen, die eine von Marmor, die andere von Ziegel- 
steinen und darauf seine und seiner Eltern Lebensschicksale 
zu schreiben. Im Alter von 912 Jahren machte Seth die Tafeln 
und verzeichnete darauf alle Ereignisse von Tag zu Tag. *) Nach 
der Sintflut fand Noah die Tafeln und las, was auf ihnen ge- 
schrieben stand. Darauf kam der weise Salomo in Besitz der 
Tafeln, konnte aber die Schrift nicht lesen. Gott aber sanJdte 
ihm einen Engel, der ihm sagte, er würde einst so gelehrt 
werden, daß er alles lesen und verstehen könne. Nach dieser Ab- 
schweifung .kommt der Erzähler wieder auf die drei Reiser zu 
sprechen und schließt an sie deren weitere Geschichte. Dieselben 
blieben zunächst im Munde Adams bis zur Zeit Moses, sie 
wurden weder größer, noch verloren sie ihr Grün. Nachdem 
Mose die Israeliten aus dem Diensthause Pharaos erlöst hatte 
und die Ägypter im Roten Meere umgekommen waren, besuchte 
er im gelobten Lande das Grab Adams, wo er die drei Reiser 
sah. Durch Eingebung des prophetischen Geistes erfuhr er, was 
die Reiser bedeuteten. Er zog sie deshalb aus dem Munde Adams, 
wobei ihm und seinen Begleitern ein solch aromatischer Duft ent- 
gegenströmte, daß sie alle berauscht wurden. Mose, darüber 
hoch erfreut, hüllte die Reiser in ein feines Tuch ein und be- 
wahrte sie sorgfältig. Alle von Schlangen und Ungeziefer Ge- 
bissenen wurden durch Küssen der Reiser geheilt. Durch sie ent- 
lockte er auch in der Wüste dem Felsen Wasser für das murrende 
und widerspenstige Volk. Als er starb, pflanzte er die Reiser 
in der Nähe seines Grabes in die Erde, wo sie bis zur Zeit 
Davids standen. Durch den heiligen Geist empfing dieser König 
den Auftrag, nach Arabien bis zum Berge Horeb zu gehen und 
die von Mose gepflanzten Reiser nach Jerusalem zu bringen, 
wo Gott dereinst durch sie die Erlösung des Menschengeschlechts 
am heiligen Kreuze bewirken werde. David fand am neunten 
Tage die Reiser, und als er sie ansägte, entströmte denselben 
wieder solcher Wohlduft, daß er und seine Leute darüber in 
die größte Verwunderung gerieten. Musikinstrumente ertönten, 
und der König begann zu tanzen und zu springen und den Namen 
Gottes anzurufen. Auch in Jerusalem genasen durch sie viele 
Kranke und fanden Heilung ihrer Gebrechen. Um sich zu über- 
legen, wo er einen würdigen Platz finde, die Reiser einzupflanzen, 
legte sie David während der Nacht in eine Zisterne bei seiner 
Burg. Wie erstaunte er aber, als sie am folgenden Morgen, 
wo er sie aus der Zisterne herausholen wollte, bereits so tief 
Wurzeln geschlagen hatten, als wären sie ein volles Jahr einge- 
pflanzt gewesen. Infolgedessen dachte er, daß der Ort Gott 



*) Auch Josephus berichtet von den Nachkommen Seths, 
daß sie zwei Säulen, die eine aus gebackenen Steinen, die andere 
aus Felsen errichteten. Vergleiche Antiqu. 1, 1, 2. 



81 j Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 31 

gefiele und er lieü sie daselbst. Unter Salomo wurden die Reiser 
zu mächtigen Bäumen von beinahe 30 Ellen Länge. Beim Tempel- 
bau benötigte man eines Baumes, der länger als alle Bäume 
des Waldes war. Da die Bauleute keinen solchen in der Um- 
gegend fanden, so hieben sie einen der drei Bäume um, und 
er war noch eine Elle länger als nötig war. Beim Einfügen des 
Baumes aber ergab es sich, daß er eine Elle zu kurz war. Sie 
schnitten darauf den zweiten Baum ab, der in der Länge wieder 
eine Elle mehr hatte. Als er eingefügt werden sollte, stellte 
sich jedoch derselbe Mangel wie beim ersten heraus. Die Ar- 
beiter fällten nun den dritten Baum und es verhielt sich mit 
ihm wie mit den beiden anderen. Da somit die Bäume sich als 
unverwendbar zeigten, wurden sie in den Tempel gelegt. Einst 
geschah es, daß viel Volks zur Anbetung Gottes nach Jerusalem 
wanderte, darunter befand sich auch ein Weib Namens Maxi- 
milla. Dieselbe setzte sich auf den Baum, sofort aber fingen 
ihre Kleider an zu brennen und der Geist der Prophetie kam über 
sie. Mein Gott, rief sie, mein Gott Jesus! Die Juden, über den 
Namen Jesus empört, stießen das Weib zur Stadt hinaus und 
steinigten sie. Sie wurde die erste Märtyrerin für den Namen 
Jesus. Man nahm den Baum hierauf aus dem Tempel und warf 
ihn in einen Teich (Piscine*), in dem man die toten Opfertiere 
zu waschen pflegte, die im Tempel dargebracht wurden. Doch 
Gott ließ eines Tages zwischen der dritten Stunde und Mittag 
das edle Holz durch seine Engel fortholen und es an einen 
anderen Ort legen. Dabei trug sich folgendes Wunder zu. Die 
Wasser des Teiches wurden beim Herausheben des Holzes derart 
bewegt, daß diejenigen, die darin badeten, von ihrer Krankheit 
genasen. Als die Menschen dieses Wunder sahen, nahmen sie 
das Holz wieder von der Stelle fort und legten es in der Art 
einer Brücke über das Wasser. Hier verblieb es solange, bis die 
Königin von Saba aus dem Süden nach Jerusalem kam, um die 
Weisheit Salomos kennen zu lernen. Sie nahte der Stadt gerade 
von der Seite her, wo die Brücke war. Als sie die Brücke sah, 
kniete sie nieder, betete sie an, zog ihre Schuhe von den Füßen 
und ging barfuß hinüber, wobei sie mit prophetischer Stimme 
ausrief: ludicii Signum tellus sudore madesceti Als sie sich 
von der Weisheit und Herrlichkeit Salomos überzeugt hatte, 
zog sie wieder in ihr Land. Der Baum aber diente als Brücke bis 
zur Leidenszeit Jesu. 

Mit derselben Ausführlichkeit wird die Legende in einem 
mittelniederdeutschen Gedichte: Van deme holte des hilligen 
Cruzes, herausgegeben von Dr. Carl Schröder, Erlangen 1869, 
erzählt, sowie in einem wahrscheinlich auf einem lateinischen 



*) Gemeint ist der Teich Bethesda oder der Schafteich (pro- 
batica piscina vergL Joh. 5, 2). 



J 



32 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [»2 

Originale beruhenden niederländischen Gedichte von Jacob van 
Maerlant ; *) Dboec vanden houte door Jacob van Maerlant, heraus- 
gegeben von Tidemann, Leiden 1844. Der interessanteste Zug, 
der in dem letzteren Gedichte wie in keiner anderen Darstellung 
in plastischer Schilderung hervortritt, betrifft die Beschreibung 
des auf dem Gipfel des blätterlosen Erkenntnisbaumes ruhenden 
neugeborenen, in Tücher gehüllten weinenden Kindes. Der Engel 
macht über dasselbe dem von dem Tore des Paradieses zurück- 
gekehrten Seth diese Mitteilung (V. 184 ff.): 

Das Kind, danach du fragest, 
soll noch von einer reinen Magd 
empfangen menschliche Figur; 
außer dem Lauf der Natur 
soll Gott haben das Kind. 
Wenn die Jahre sind abgelaufen 
vollkommen zu ihrer Zeit, 
nicht eher mag Adam werden froh. 
Das öl der Barmherzigkeit 
soll dem Kinde aus seinen Leiden 
gepreßt werden so ohne Maßen, 
daß der Vater dabei soll lassen 
sich genügen von aller Schuld, 
die er auf den Menschen hielt. 
Das soll vergießen sein Blut 
an dem Holze, das wachsen muß 
von drei Körnern. 

Darauf heißt der Engel den Seth zu Adam zurückeilen und 
ihm alles erzählen, was er gesehen und gehört hat. Mit der Be- 
merkung, daß Adam nur noch drei Tage leben werde, schließt 
der Engel seine Rede. Seth erzählt seinem Vater: 

Daß das öl der Barmherzigkeit 
von dem Kinde ihm kommen sollte. 

Fast in ebenso reicher Ausschmückung wie in der deutschen 
Litteratur tritt uns die Legende auch in der altfranzösischen ent- 
gegen. So finden wir sie in drei Übersetzungen einer französischen 
Handschrift der früheren kaiserl. Bibl. Fonds franc. Nr. 7864 
behandelt, welche aus einem lateinischen Original: De poeni- 
tentia Adami herrührt. Vergl. Notice sur Colard Mansion von 
Jos. Bas. Bern van Praet. Paris 1829 p. 96 sqq., sowie dessen 
Recherches zur Louis de Bruges. Paris 1831 p. 97 sqq. Das Werk, H 

ohne Angabe des Jalires, des Namens des Buchdruckers und des 
Ortes, stammt wahrscheinlich aus der Presse des Arnold von 
Brüssel, der seine Kunst in Neapel um 1472 ausübte. Die erstere 

*) Jakob van Maerlant gilt als der Vater der niederländischen 
Dichtung und starb im Jahre 1300 zu Damm bei Brügge. 



83] Der Lebensbaum als Kreuzliolz, Jesu. 33 

kürzere 42 Blätter in 4^ umfassende und Herrn Gruthuse ge- 
widmete Übersetzung gehörte Louis von Bruges, wurde aber 
unter der Regierung Ludwigs XIL mit allen übrigen Büchern 
des genannten Flamländers der Bibliothek des Herzogs von Orle- 
ans, des Vaters Ludwigs XIL, im Schlosse Blois einverleibt. 
Die zweite, um einige Kapitel vermehrte Übersetzung, ur- 
sprünglich für einen Herrn Baenst von Bruges angefertigt, be- 
fand sich 1628 in der Bibliothek des Abbaye de Saint- Vaast 
de' Arras, von welcher sie im 18. Jahrhundert in den Be- 
sitz des Marschalls d'Isenghien überging: gegenwärtig befindet 
sie sich in der Bibliothek des Arsenals. Die dritte Über- 
setzung ist durch den Katalog eines Verkaufs in Glasgow durch 
die Foulis im Jahre 1771 bekannt geworden. Die durch Colard 
Mansion, einem Buchhändler und Buchdrucker zu Bruges (Brügge) 
veranstaltete Übersetzung geht besonders hinsichtlich der Aus- 
malung der Details im Leben des ersten Menschenpaares in 
vielen Beziehungen noch über die Darstellung aller vorerwähnten 
hinaus. So bemerkt beispielsweise Seth beim ersten Blick ins 
Paradies die Schlange am Fuß des Baumes, beim zweiten erhebt 
sich der Baum zu einer solchen Höhe, daß sein Wipfel bis an 
den Himmel reicht. Inbezug auf die drei Apfelkerne, die sich 
zu Bäumen verschiedener Höhe entwickeln sollen, sagt St. Michael : 
Der erste, die Zeder, bilde als Baum der Höhe Gott den Vater 
ab, der zweite, die Zypresse, sei als Baum des süßen Duftes 
das Sinnbild des Leidens und Schmerzes des Sohnes, und der 
dritte, die Pinie, die nützliche Frucht trägt, stelle den heiligen, 
Geist mit seinen Gaben dar. Sodann erhält St. Michael von 
Gott deshalb den Befehl, Adam in Gegenwart seines Sohnes Abel 
zu begraben, um die Sterblichen zu lehren, wie sie es mit 
der Bestattung ihresgleichen zu halten hätten. Eva wieder eröffnet 
vor ihrem Tode den um sie versammelten Söhnen und Töchtern, 
daß die Welt um ihres Ungehorsams willen das eine Mal durch 
Wasser, das andere Mal durch Feuer untergehen werde. In- 
bezug auf die zwei Tafeln, die Eva ihren Nachkommen zu machen 
befiehlt, um auf sie die Ereignisse der Schöpfung, das Leben des 
ersten Menschenpaares und alles, was sie sonst noch gesehen 
und gehört, zum Unterricht des menschlichen Geschlechts ein- 
zugraben, wird des Näheren ausgeführt, daß die erste dem Wasser, 
die andere aus Ton dem Feuer Widerstand leisten solle, wenn 
die Welt dereinst durch diese Elementargewalten vernichtet werde. 
Seth stellt die beiden Tafeln nun an den Ort, wo sein Vater 
Adam die Gewohnheit gehabt, sich zum Gebete zurückzuziehen. 
Sie wurden nach der Sintflut aufgefunden, aber niemand konnte 
sie bis zur Zeit Salomos lesen. Dieser König, indem er argwöhnte, 
sie möchten Geheimnisse enthalten, bat Gott, ihm die Fähigkeit zu 
verleihen, sie zu entziffern. Darauf erschien St. Michael und 
befahl ihm, an demselben Orte, wo die Tafeln gelegen, ein^n 

Ex Oriente lux I-/,. 3 



34 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [»^ 

Tempel zu bauen. Auch über die drei Reiser im Tale Hebron 
erfahren wir genaueres. Mose bediente sich ihrer nicht nur 
in den 48 Jahren seiner Wüstenwanderung zur Heilung der 
Kranken und entlockte mit ihrer Kraft dem Felsen Wasser, son- 
dern pflanzte sie vor seinem Tode am Fuß des Berges Tabor, 
woselbst sie tausend Jahre verblieben. Als David die Reiser 
abends in eine Zisterne legte und am folgenden Tage wachsen 
und grünen fand, ließ er sie, entzückt über dieses Wunder, 
darin und umgab sie mit einer Mauer. Nach seinem Ehebruch 
mit der Bathseba tat er unter den Bäumen Buße. Die wich- 
tigste Ergänzung jedoch betrifft den Umstand, daß die Juden den 
Baum, der zuletzt als Brücke über den Bach Silon oder Kidron 
gedient, nahmen, um das Kreuz Jesu herzustellen. 

In sinniger Ausspinnung begegnen wir der Legende femer in 
der altenglischen Litteratur, Wir geben sie nach zwei Dar- 
stellungen bei Richard Morris, Legends of the holy rood. London 
1871, und einer bei C. Horstmann, Sammlung altenglischer Le- 
genden, Heilbronn 1870, in den Hauptzügen ihres Ideenganges. 
Von den beiden Darstellungen bei Morris ist die unter Nr. 2 
How the holy cros was y founde überschrieben in zwei Versionen 
in 520 Versen vorhanden, von denen die eine auf dem Ashmolean 
Ms. 43 in der Bodleian-Bibliothek aus dem 13. Jahrhundert, die 
andere, ein Paralleltext, auf dem Vernon-Ms. derselben Biblio- 
thek aus dem 14. Jahrhimdert beruht. Das Englisch beider Text- 
gestalten bietet dem Übersetzer hinsichtlich des Verständnisses 
mancherlei Schwierigkeiten. Die zweite Darstellung unter Nr. 3: 
The story of the holy rood, nach dem Harleian-Ms. 4196 Fol. 76 b 
ff. im Britischen Museum herausgegeben, enthält 860 Verse und 
ist im Northumbrischen Dialekt geschrieben.*) Sie unterscheidet 
sich von der vorhergehenden besonders dadurch, daß sie neben 
der Geschichte des Materials, aus dem das Kreuz Jesu verfertigt 
wurde, noch die Geschichte von dem Schmieden der Nägel, die 
bei der Kreuzigung in Anwendung kamen, erzählt, eine Episode,, 
die sich in keiner Version irgendeines Volkes findet. Die Dar- 
stellung bei Horstmann aus dem Ms. des Trin. Coli. Oxf. 57, 
Fol. 156, die vordem bereits in Wülkers Anglia Bd. 1, Heft 2 
ediert erschien, umfaßt 1200 Verse und wurde 1375 gedichtet. 
Die Legende lautet: Als Adam und Eva aus dem Paradiese ver- 
trieben wurden, weil sie von dem Apfelbaume gegessen hatten, 
versprach ihnen Gott das öl der Barmherzigkeit zu senden, mit 
deni. sie gesalbt und von den Wunden ihrer Sünden geheilt werden 
sollten. Unter. Sorgen und Mühen lebten sie im Tale Hebron 
mehr als 900 Jahre, verloren während dieser Zeit ihre beiden 



*) In dieser Fassung ist die Legende zu einem kleinen Koman 
angewachsen. 



85] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 35 

Söhne und mieden als eine Art Buße länger als 200 Jahr jeg- 
hchen Verkehr miteinander. Auf göttlichen Befehl aber kamen 
sie wieder zusammen, und es wurde ihnen Seth geboren. Als 
Adam 922 Jahr alt war, fühlte er sich durch Arbeit und Krank- 
heit so geschwächt, daß er Sehnsucht zu sterben hatte. Vor 
seinem Tode aber wünschte er noch mit dem Öl der Barmherzig- 
keit gesalbt zu werden. Daher rief er Seth zu sich und erzählte 
ihm von seiner Krankheit und seinen Schmerzen. Seth jedoch 
hatte keine Vorstellung, was Schmerz und Sorge bedeute, und 
meinte, die Krankheit seines Vaters bestehe darin, daß er sich 
nach den Früchten des Paradieses sehne. Aber Adam erzählte 
von der ihm gewordenen göttlichen Verheißung, als er das Paradies 
verließ, und befahl ihm, nach dem Paradiese zu gehen und 
den Engel an der Pforte desselben zu bitten, ihm das Öl der 
Barmherzigkeit, d. i. das Öl des Lebens, welches Medizin ist 
für Mann und Mark, zu senden. Da Seth den Weg nach dem 
Paradiese nicht kannte, gab ihm Adam ausreichende Unterweisung 
für seine Reise. Seth sah, indem er vom Anfang des Tales 
Hebron ausging, einen grünen Pfad, der nach der Pforte des 
Paradieses führte. Sich immer westlich wendend, gelangte er 
auf den Weg, den Adam und Eva gegangen waren, als sie das 
Paradies verließen, und auf dem seit der Zeit kein Gras mehr 
gewachsen war. Indem er der Spur folgte, erreichte er wirklich 
die Pforte des Paradieses, die ihm durch ein großes Licht gleich 
einem brennenden Feuer sich kennzeichnete, und mit Gebet und 
Flehen bat er Gott, seinem Vater das öl der Barmherzigkeit 
zu senden. Während Seth betete, erschien ihm der Engel 
St. Michael, welcher ihm sagte, daß es nutzlos sei, um dasselbe 
zu bitten. Es würde nicht eher, als nach Verlauf von 5220 
Jahren *) zur Erde gesandt werden, dann würde Christus kommen, 
um für die Menschen zu sterben. Der Engel gebot Seth, seinen 
Kopf in die Pforte des Paradieses zu stecken und auf alles, 
was er sehen und hören werde, zu achten. Er befolgte den Be- 
fehl des Engels und sah mehr Wunderbares, als der Mensch 
aussprechen kann. Die Wiesen waren mit frischen Gräsern und 
Kräutern bedeckt, die ringsumher einen köstlichen Wohlgeruch 
verbreiteten. Die Bäume trugen herrliche Früchte und munter 
zwitscherten und sangen die Vögel. Seth hegte den Wunsch, in 
diesem Lande des Entzückens und der Freude immer wohnen 
zu dürfen. In der Mitte des Paradieses entsprang ein glänzender 
Quell, aus dem vier Strömö flössen, die die ganze Welt bewäs- ' 
serten. Über dem Quell stand ein großer Baum mit zahlreichen j /( \ 
Ästen und Zweigen, aber er sah aus wie ein alter Baum, denn 
er hatte keine Rinde und keihe Blätter. Seth erkannte, daß das 
der Baum sei, von dessen Früchten seine Eltern gegessen haften, 

*) Nach anderen Dai^stelhmgen sind es 5500 Jahre. ' • • 

3* 




X \ 



36 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. fss 

infolgedessen er nun kahl dastehe. Bei näherer Betrachtung sah 
Seth, wie eine nackte Schlange ohne Haut sich um den Bauin ge- 
wickelt hatte. Es war die Schlange, durch die Eva beredet 
worden war, von der verbotenen Frucht zu essen. Als Seth 
seinen Kopf zum zweiten Male durch die Pforte des Paradieses 
steckte, sah er zu seinem Erstaunen, daß mit dem Baume eine 
große Veränderung vorgegangen war. Er war jetzt mit Rinde 
und Blättern bedeckt und auf dem Gipfel desselben lag ein neu- 
geborenes Kindlein in Windeln gewickelt, das wegen Adams Sündo 
jammerte. Die Wurzeln des Baumes ragten abwärts bis zu dem 
äußersten Ende der Hölle, in der er die Seele seines Bruders 
Abel erblickte. Nachdem Seth das alles betrachtet, trieb ihn 
der Engel von der Pforte des Paradieses hinweg und gab ihm 
über die Gesichte die notwendige Aufklärung. Das kleine Kind 
auf dem Gipfel des Baumes war der Sohn Gottes, der in der 
Fülle der Zeit der Menschheit das öl der Barmherzigkeit bringen 
sollte. Als Seth von dem Engel Abschied nahm, erhielt er drei 
Kerne eines Apfels mit dem Auftrage, sie unter die Zunge Adams 
zu legen, sobald dieser gestorben sein würde. Aus den drei Kernen 
würden, als Sinnbild der Trinität, drei Bäume hervorgehen, eine 
Zeder, eine Zypresse und eine Pinie. Die hohe Zeder sei das 
Symbol des Vaters, die Zypresse mit ihrem süßen Dufte das des 
Sohnes und die fruchttragende Pinie das des heiligen Geistes 
und seiner Gaben. Seth kehrte wieder nach Hause zurück und 
erzählte Adam von dem Öle der Barmherzigkeit, das durch die 
Geburt eines gesegneten Kindes der Welt geschenkt werden sollte, 
er selbst aber werde nach drei Tagen sterben. Adam freute sich 
sehr, als er von seinem Tode hörte, und lachte zum ersten Male 
in seinem Leben. Er hatte soviel Sorge und Kummer ertragen, 
daß er lieber in der Hölle wohnen als noch länger auf der Erde 
leben wollte. Als Adam nach drei Tagen gestorben war, trauerten 
um ihn sein Weib und seine Kinder und versuchten, ihn ins 
Leben zurückzurufen, da aber erschien der Engel Michael und 
verkündete ihnen, was sie mit der Leiche tun sollten. Unter 
seiner Leitung trugen Engel den toten Körper nach dem Tale 
Hebron und legten ihn hier in die Erde, um damit anzudeuten, 
wie man künftig die Toten in Erd« oder Stein zu begraben habe. 
Die drei Kerne aber, die unter Adams Zungenwurzel lagen, 
fingen nach einiger Zeit an zu wachsen und wurden zu drei kleinen 
Bäumen. So standen sie in Adams Munde bis zu Moses Zeit 
und jeder wuchs getrennt für sich aus der nämlichen Wurzel 
und war eine Elle länger als der andere. Nachdem die Israeliten 
durch das rote Meer gezogen waren, kamen sie zum Tale Hebron. 
Eines Tages, als Mose das Tal entlang wandelte, gelangte er 
an. die Stelle, w^o die drei Bäume wuchsen. Er begrüßte die 
Zeichen der Trinität und zog sie aus der Erde heraus, wobei 
ihm ein so herrlicher Duft entströmte, daß alle Israeliten glaubten,, 



87] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 37 

sie hätten schon das Land der Verheißung erreicht. Mose heilte 
vermittels der Bäume die Kranken und vollbrachte noch viele 
andere Wunder mit ihnen. Als der Volksführer sich seinem 
Ende nahe fühlte, pflanzte er die Bäume neben einen Strom am 
Fuße des Berges Tabor im Lande Arabien. Hier standen die 
Bäume 1000 Jahre lang, bis der König David, von Gott unterwiesen, 
sie fand und nach Jerusalem brachte. Es war Abend, als er mit 
ihnen anlangte, deshalb stellte er sie in einen Teich und ließ 
sie von zuverlässigen Leuten bewachen, damit niemand ihnen 
einen Schaden zufüge. Am Morgen waren die Bäume zu einem 
einzigen Baume mit drei Zweigen verwachsen, die von dem 
Gipfel ausgingen. Er nahm ihn deshalb nicht aus dem Teiche 
heraus, sondern ließ ihn stehen, zog eine starke Mauer um ihn 
imd legte zur Prüfung des jährlichen Wachstums einen Ring um 
ihn. Nachdem der Baum 30 Jahre an derselben Stelle gestanden, 
wuchs er nicht mehr. Unter dem heiligen Baume tat David Buße 
für seine Sünde wegen Urias Weibe und verfaßte den ganzen 
Psalter. Vierzehn Jahre war David mit dem Tempelbau beschäftigt 
und sein Sohn Salomo baute noch 32 Jahre daran. Als das Werk 
fast fertig war, fehlte es den Zimmerleuten an einem Balken, 
sie konnten aber keinen Baum von der gehörigen Größe finden, 
ausgenommen den, welchen David gepflanzt hatte. Salomo gab 
daher den Befehl, ihn umzuhauen und nach dem Tempel zu 
schaffen. Die Zimmerleute schnitten 31 Ellen von ihm ab und 
nachdem sie das Stück verarbeitet hatten, fand es sich, daß 
es eine Elle zu lang war. Als sie den Überschuß abgeschnitten 
hatten und sie wieder eine Messung vornahmen, war es eine 
Elle zu kurz. So nahmen sie den Balken noch dreimal in An- 
griff und veränderten ihn, aber immer umsonst. Auf ihren Be- 
richt an Salomo über das sonderbare Mißlingen gab dieser den 
Befehl, aus dem Baume eine Brücke über den Bach Kidron 
zu machen. Lange Zeit diente der Balken als Brücke und die 
Leute gingen über ihn hinweg. Als die Königin von Saba zu 
Salomo zum Besuch kam, entdeckte sie sogleich das merkwürdige 
Holz und erwies ihm große Ehre. Sie rieth dem König, den Balken 
an dieser Stelle nicht liegen zu lassen, denn es würde an ihm 
ein Mensch sterben, der das mosaische Gesetz aufzuheben be- 
stimmt sei. Salomo befolgte den Rat, ließ den Balken entfernen 
und tief in der Erde verbergen. Nach einiger Zeit entstand an 
der Stelle eine Piscine von wunderbaren Heilkräften. Alle Kranken, 
die sich in ihr badeten, wurden geheilt. Als Jesus auf die Erde 
kam, schwamm der Baum auf der Oberfläche der Piscine. 

Die Northumbrische Version weicht insofern von der anderen 
ab, als hier die Legende von der Maximilla, der ersten christlichen 
Märtyrerin, eingeschaltet wird. Anstatt den Balken sofort in eine 
Brücke zu verwandeln, ließ ihn Salomo zwischen zwei Pfeiler 
des Tempels stellen und befahl, daß jeder den heiligen Baum 



38 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [«8 

einmal des Jahres besuchen und aufs beste ehren sollte. So ge- 
schah es, daß in einem Jahre die Leute von weit und breit 
nach Jerusalem kamen, um dem Baume ihre Verehrung zu er- 
weisen. Unter ihnen befand sich auch ein ungläubiges Weib 
Namens Maximilla. Da sie glaubte, daß dem Balken keine be- 
sondere Kraft innewohne, setzte sie sich auf ihn. Plötzlich , 
brannten ihre Kleider wie Feuer und sie fing an zu prophezeien 1 
und sprach: mein Herr, mächtiger Jesus! übe Barmherzig- 
keit und erbarme dich meiner! Als die Juden den Namen Jesus 
^ausrufen hörten, wurden sie sehr ärgerlich, weil sie ihren Gott 
durch Erwähnung eines neuen gelästert glaubten. Deshalb trieben 
sie das Weib aus der Stadt und steinigten es zu Tode. Sie war 
die erste, die wegen Erwähnung des Namens Jesus Schmach 
erduldete. Viele Leute aber, die Zeugen des Gesichts vom bren- 
nenden Kleide der Maximilla gewesen, verehrten jetzt den Balken 
mehr als irgend ein anderes irdisches Ding. 

Nach diesem Einschiebsel führt die Northumbrische Version 
die Legende unter verschiedenen Abweichungen, ebenso wie das 
x\shm.-Ms. der Bodleiana-Bibliothek zu Ende. Die Juden entfernten 
aus Zorn heimlich den Baum und warfen ihn in einen Graben, 
denn sie fürchteten sich, ihn zu verbrennen oder zu zerbrechen. 
Doch Gott gab nicht zu, daß der Balken verborgen blieb, sondern 
sandte seine Engel, um das Wasser im Teiche zu bewegen. 
Alle Kranken und Elenden, die an den Graben kamen, wur- 
den, wenn das Wasser bewegt war, geheilt. Da die Juden 
auch daran kein Wohlgefallen hatten, nahmen sie den Balken 
wieder aus dem Wasser und verwendeten ihn zu einer Brücke 
über einen Bach, denn sie hofften, daß er durch das fortwährende 
Betreten sich sehr bald abnutzen und vernichten würde. So lag 
der Balken, bis die weise Königin Sibylle (gemeint ist die Königin 
von Saba) nach Jerusalem kam. Die Brücke sehend, legte sie 
ihre Kleider auf dieselbe und ging barfuß darüber und prophezeite 
in dem Balken das Zeichen des letzten Richters. Als bei der 
Kreuzigung die Juden einen Baum brauchten, dachten sie an 
den schwimmenden Balken, holten ihn heraus und verfertigten 
daraus das Kreuz. Sie verwandten dazu zwei Drittel des Balkens. 
Der aufrecht stehende Balken war 8 Ellen lang, die Stücke an 
der Seite eines jeden 3 Ellen.*) 

Damit schließt das Ashm.-Ms. und wie dieses enden auch 



*) Nach der goldenen Legende (ed. Grässe) S. 155 bestand 
das Kreuz aus vier Stücken, 1. aus dem aufrechtstehenden Balken, 

2. aus dem Querstücke, auf welches die Arme genagelt wurden, 

3. aus dem Stücke, auf welches die Tafel mit der Überschrift 
' befestigt war, und 4. aus dem Sockel, auf dem der Hauptbalken 

ruhte. Dieselben waren aus vier verschiedenen Holzarten gefertigt : 
aus der Palme, aus der Zypresse, der Zeder und der Olive. 



89] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 39 

mehrere mittelhochdeutsche und niederdeutsche Bearbeitungen. Die 
Northumbrische Version schließt aber noch eine Legende über die 
Verfertigimg von den drei Nägeln an, die bei der Kreuzigung Christi 
erforderlich waren. Das Kreuzholz war fertig, es fehlten aber 
drei Nägel. Da gingen die Juden zu einem Schmied und ersuchten 
ihn, ihnen schnell drei gute, starke Nägel zu fertigen. Als der 
Schmied hörte, daß dieselben zur Kreuzigung Jesu, den er für 
einen wahren Propheten hielt, dienen sollten, ward er sehr be- 
trübt. Entschlossen sprach er zu den Juden: Ihr sollt keine 
Nägel von mir erhalten, Grott hat mir dieses Zeichen gesandt, 
daß ich nicht arbeiten kann. Dabei legte er seine Hand an 
die Brust und erklärte, sie sei bei einem Brande verletzt worden 
und er habe solche Schmerzen in ihr, daß er fürchte, sie zu ver- 
lieren. Die Juden, die seinen Worten nicht glaubten, verlangten 
die Hand zu sehen. Als er sie ihnen zeigte, erschien sie ihnen 
sehr krank und sie gaben sich zufrieden. Schon wollten die 
Juden ihres Weges gehen, als die Frau des Schmiedes mit Un- 
gestüm aus dem Hause trat und zu ihrem Gatten sprach: Seit 
wann hast du solche Krankheit, gestern Abend waren deine Hände 
noch unverletzt? Die Männer sollen nicht unbedient bleiben, 
ich selbst werde ihnen die Nägel so schnell wie möglich schaffen. 
Sie machte sich sogleich an die Arbeit, blies kräftig den Blase- 
balg und glühte das Eisen. Da die Juden ihr mit das Eisen 
schmieden halfen, so waren die Nägel bald fertig. Obgleich sie 
sehr groß und dick waren, so nahmen sie dieselben doch und 
begaben sich fröhlichen Herzens zu Pilatus. 

Während die beiden von Morris veröffentlichten Legenden 
mit den erwähnten früheren und späteren Bearbeitungen alle darin 
übereinstimmen, daß das Kreuzholz Jesu von dem Baume des 
Lebens aus dem Paradiese abstammt, fehlt es auch nicht an solchen 
die dasselbe mit dem Baume der Erkenntnis in Beziehung 
bringen. *) Der verknüpfende Gedanke ist dann dieser : Der Baum, 
der nach der Darstellung des biblischen Sündenfallberichts den 
Tod in die Welt gebracht, gibt der Welt das Leben wieder. 
Das todbringende Holz wird zum Lebensholz. 

Alle Kreuzlegenden, wie namentlich- die von der Auffindung 
des Kreuzholzes Jesu durch Helena, oder die von der Kreuz- 
erhöhung durch den Kaiser Heraklius nehmen bald mehr, bald 
minder auf unsere Legende Bezug. Wie bekannt die Legende 



*) Die beiden Bäume des Paradieses, der Baum der Erkennt- 
nis und der Baum des Lebens in ihrer Anwendung auf die Person 
Jesu und insbesondere auf das Kreuz desselben gehen bereits 
schon in der patristischen Litteratur auseinander, vergl. daxüber 
Ferd. Piper, Der Baum des Lebens im Evangel. Kalender für das 
Jahr 1863. S. 52 ff. 



40 Der Lebensbaum als Kreuzliolz Jesu. [»o 

vom Kreuzholz« Jesu, sei es als Lebensbaum oder als Baum 
der Erkenntnis, im Mittelalter gewesen, erhellt daraus, daß sie 
in den Hauptzügen nicht nur von Petrus Comestor (s. Hist. 
evang. c. 81), Gervasius von Tilbury (s. Otiosa imperialia, herausg. 
von Felix Liebrecht, Hannover 1856, S. 25), sondern auch von 
Gottfried Viterbo (s. Pantheon P. XIV. p. 242 in Pistor. German. 
Script, ed. Struve T. 11), und von Heinrich von Meißen in einem 
Buche (s. EttmüUer, Heinrichs von Meißen Leiche, S. 20) ver- 
wertet wird. Außerdem gibt es in der christlichen lateinischen 
Poesie zahlreiche Gedichte, welche das Kreuz Jesu als lignum 
vitae preisen. So lautet eine Stelle in dem Carmen de Jesu 
Christo deo et homine: Ligno vita perit, per lignum vita revertit. 
(Fabricius p. 761; A. Rivinus, Sanctae reliquae duum Victori- 
norum etc. Gotha, 1652 p. 124.). S. M. Manitius, Geschichte 
der Christi, lat. Poesie S. 116 ff. 

In der jüdischen Litteratur steht in materiellem Zusammen- 
hange mit der Legende die Sage vom Stabe Moses, der ebenfalls 
bis auf Adam zurückgeführt wird. Das wahrscheinlich dem 8. Jahr- 
hundert angehörende Tiaggädische Werk Pirke di Rabbi Elieser 
berichtet im 40. Kapitel : Als Adam das Paradies verlassen mußte, 
erhielt er von Gott einen Stab. Derselbe war in der Dämmerung 
am Vorabend des Sabbats erschaffen worden. Von Adam kam 
derselbe auf Henoch, von diesem auf Noah, von diesem an Sem, 
von diesem ging er dann auf die Erzväter Abraham, Isaak und 
Jakob über. Jakob brachte ihn mit nach Ägypten und überlieferte 
ihn seinem Sohne Joseph. Als man nach dessen Tode sein 
ganzes Haus plünderte, kam er in den Palast Pharaos.^) Da auf 
ihm der unaussprechliche Gottesname Jehova eingegraben war, 
so fand, wie der Midrasch Vi^ajoscha bemerkt (vergl. Jellinek, 
Beth ha-Midrasch I, 42), Jethro, einer von den Bilderschriftkun- 
digen Pharaos, Wohlgefallen an ihm, stahl ihn und verpflanzte 
ihn in seinen Garten, wo er blühte, sproßte und Mandeln trug. 
Mit ihm prüfte er jeden, der eine von seinen Töchtern heiraten 
wollte. Auch Mose mußte sich, als er in sein Haus kam und 
Zippora zum Weibe begehrte, der Probe unterziehen. Da er aber 
in den Garten ging, den Stab brachte und nicht von ihm ver- 
schlungen worden war, rief Jethro aus : Das ist wahrlich der 
Prophet, auf den alle Weisen Israels hingewiesen haben, daß einst 
ein Prophet aus Israel hervorgehen werde, durch dessen Hand Ägyp- 
ten und alle Ägypter umkommen werden.®) Vergl. noch Sefer haj- 
jaschar S. 93 ab in der Prager Ausgabe von 1840. Auch sonst 
finden sich in der jüdischen Litteratur mancherlei Anklänge an 
die christliche Legende. Unter anderem wird sowohl im Midrasch 
Bereschith rabba Par. XXII als Erläuterung der Textworte von 
1. Mose 4, 16, wie auch in den schon erwähnten Pirke di Rabbi 
Elieser Kap. XX der Buße Adams Erwähnung getan. Er soll 
sich in den Paradiesesstrom Gichon soweit hineingestellt haben. 



91] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 41 

daß ihm das Wasser bis an den Hals reichte und durch ein sieben- 
wöchentliches Fasten sei sein Leib wie ein Sieb geworden. 

An den Zweig Seths vom Lebensbaum anknüpfend, hat die 
Sage vom Stabe des Moses im jüdischen Sinne Gottlieb v. Leon 
in seinen rabbinischen Legenden, Wien 1824 S. 18 ff., zu fol- 
gendem schönen Gemälde gestaltet: „Als Seth den Zweig des 
Paradieses, den ihm der Wächter an der Pforte des Paradieses 
zur letzten Labung seines kranken Vaters darbot, vor Adam ge- 
bracht und der Sterbende sich an ihm mit dem Wohlgeruch 
des ewigen Lebens auf seine Hinfahrt gestärkt hatte und sanft 
in seinem erquickenden Lenzesduft entschlafen war, da trug 
des Verblichenen frommer Sohn das himmlische Reis, wie ihm 
der Engel befohlen hatte, in eine unbekannte Wüste und pflanzte 
es heimlich in die unfruchtbare Sandebene. Der zarte Sproß 
grünte und wuchs bald zu einem hohen Stamm empor, breitete 
seine reich belaubten Äste weitschattend umher und verkündete 
alljährlich in seiner Blüte ringsum der kahlen Einöde die Wieder- 
kehr des Frühlings. So stand er, allen Sterblichen verborgen, 
nur Gott allein bekannt, viele Jahrhunderte lang verwaist auf 
der dürren Sandstrecke. — Da geschah es zweitausend Jahre 
nachher, daß Moses nach seiner zweiten Weisung von Gott jen- 
seits des Gebirges Horeb in die Wüste Sin kam. Und als der 
Auserwählte Gottes, gebeugt von der Bürde des Prophetenamtes, 
die auf seinen Schultern ruhte, einsam in der unwirtlichen Land- 
schaft umherwanderte, es schwül um ihn ward und er nirgends 
eine Stätte der Erholung erblicken konnte, rauschte es mit einem 
Male wie ein kühler Garten um ihn und ein Wohlgeruch, ange- 
nehm wie das Blühen im Lenz, fächelte ihn wie ein belebender 
Odem Gottes an. Verwundert blickte der Prophet umher. Siehe! 
da stand in voller erfrischender Maigrüne und in der Fülle 
lieblichen Blütenschmuckes der Baum des Herrn vor ihm und 
streckte ihm liebevoll, gleich einem längst erwarteten Freunde, 
seinen grünen, weithinschattenden Arm entgegen. Ermüdet sank 
Moses unter seinen Schatten hin, und als er, an seinen edenischen 
Düften sich erquickend, ausruhte, übermannte ihn der Schlaf 
und er schlummerte sanft am Fuße des Baumes ein. Am Morgen 
nun, als der Prophet erwachte und sich zum Antritt seiner 
hohen Sendung mächtig wie ein Löwe fühlte und er aus der 
erhabenen Einöde zurückkehren wollte, siehe, da stieg aus der 
Wolke, in die der Gipfel des Baumes hinaufreichte, schnell ein 
ätherischer Jüngling zu ihm herab. Der funkelnde Morgenstern 
stand über seinem Haupte, seine Hüften umgürtete das Zeichen 
der Allgewalt Gottes, das flammende Schwert Jehovas und die 
Huld und Hoheit des Herrn glänzte in seinem Angesicht. Er- 
schrocken ob der furchtbar schönen Wundergestalt fiel Moses 
auf sein Angesicht, aber der Engel hub ihn sogleich sanft empor 
und redete traulich also zu ihm: Fürchte dich nicht, Mose! ich 



. 



42 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. {92 

bin der Hüter des Gartens in Eden, du schlummertest unter den 
Zweigen des Paradieses. Ermanne dich und höre, was dir der 
Herr, dein Gott, durch seinen Knecht verkünden läßt. Wie nun. 
Mose§ die freundliche Rede des Cherubs vernahm, sammelte er 
sich und harrte demütig des Wortes, so ihm von Gott, seinem 
Grebieter kommen sollte. . Da entblößte der himmlische Krieger 
die flammende Wehr und hieb von des Baumes Gezweig einen 
dichten Stamm, schnitzte ihn alsobald zum schmächtigen Hirten- 
stab und berührte mit demselben sanft das Haupt des Propheten. 
Sogleich fuhren aus Moses Scheitel zwei breite Feuerstrahlen 
empor, die während seines königlichen Priesterwandels sein Haupt- 
schmuck blieben. Da nimm hin, sprach der himmlische Bote, 
den Stab Zebaoths, mit ihm weihet er dich zum Hirten und 
Richter seines Volkes in Israel. Vollbringe des Herrn Willen, 
wie er ihn dir selbst offenbaren wird. Mit diesem Stabe wirst 
du die Feinde Gottes züchtigen und deine Sendung durch kräftige 
Zeichen und Wunder in Ägypten kundtun. Da sah sich Moses 
von Gott selbst bemannt; denn die Kraft des Herrn war in dem 
Stabe mit ihm. Auf ihn gestützt trat er trotzig in Pharaos 
Gemach und forderte kühn von ihm die Befreiung des Volkes. 
Und als der Stolz des Königs sich erhärtete, hub Moses den 
Stab und tat durch ihn der Wunder und Zeichen viele in Ägypten. 
Mit ihm führte er Israel aus der Dienstbarkeit, spaltete mit ihm J 

das Meer, schlug mit ihm den Quell aus dem Felsen und zer- 
trümmerte durch ihn die fremden Götzenbilder. Und als ^r 
endlich das Werk seiner heiligen Sendung glorreich vollbracht 
hatte, legte er den Stab zum dankbaren Gedächtnis seines hohen 
Hirtenamtes an der Morgenseite der Stiftshütte neben dem Aller- 
heiligsten, dem Gott selbst innewohnte, nieder. Mit dem Stabe 
teilte er sein Volk in zwölf Stämme, und nachher übergab er ihn 
seinem Bruder Aaron und salbte ihn zum Priester des Aller- 
höchsten. Und als später unter den zwölf Stämmen Israels 
der Zwist über Aarons Priesterdienst anhub, siehe, da blühte 
unter den zwölf Stäben Jsraels der priesterliche Stecken Aarons 
allein und trug Mandeln zur augenscheinlichen Bestätigung Gottes 
in seiner geistlichen Würde und deren Erbschaft auf sein ganzes 
Geschlecht. Nach ihm kam der Stab in die Hände vieler Pro- 
pheten und LiebHnge Gottes, die durch seine Wunderkraft das 
Zeugnis ihrer Erleuchtung . von oben bekräftigen, bis Gott nach 
der Zerstörung des Tempels in Jerusalem ihn mit der Bundes- 
lade zum Vorbehalt auf den Tag des letzten Gerichts durch seinen 
Engel an einen verborgenen Ort überbringen ließ. — Hat Gott 
auch dem Menschengeschlecht den Stab genommen und wirket 
seine Wunderkraft nicht mehr sichtbar auf der Erde, so waltet 
er doch unsichtbar in den Händen derer, die biedere und fromme 
Richter und Lehrer ihrer Brüder sind, und er trägt in den 
Händen weiser und milder Fürsten, die als wahre Hirten Gottes 



I 



93] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 43 

ihr Volk auf den Auen des Friedens und der Gerechtigkeit weiden, 
noch unverkennbare Früchte seiner göttlichen Macht und Eigen- 
schaft."*) 

Auf Leons Darstellung beruht dann weiter aller Wahrschein- 
lichkeit nach die poetische Einkleidung der Sage von M. Letteris. 
(Sagen aus dem Oriente, Mannheim 1852, S. 15 ff.). 

Als Adam schon im Sterben lag, 
Zur Neige ging sein Lebenstag, 
Sandt* er, das Aug* umnachtet schon, 
Zum Paradiese hin den Sohn; 
Daraus er, in der Liebe Hast, 
Ihm hole einen duft'gen Ast 
Vom friedumblühten Lebensbaum, 
Der ihn entzieh' dem Todestraum, 
Und ihn vielleicht Genesung bringe 
Auf baisam weh'nder Lebens schwinge. 

Seth brach das Reis, nicht ohne Beben, 
Da Cherubin den Baum umschweben; 
Der Himmel selber doch gewährte. 
Was fromm das Menschenkind begehrte. 
Als Seth nun dieses hergebracht. 
Lag Adam schon in Todesnacht. — 
Der Zweig, gepflanzt auf Adams Grab, 
Ward bald ein duft'ger Blütenstab. 

Und als der Menschen frevle Saat 
Der Sündflut DäLmon wild zertrat, 
Da wahrt* ihn Noah wie sein Leben; 
Er pflanzte um ihn seine Reben — 
Da sah man sie den Stab imiranken, 
In seinem Duft die Trauben schwanken. 
Von seinem Licht und seiner Kraft 
Erglänzt und glüht der Traubensaft! • 

Und fortgepflanzt von Sohn zu Sohn, 
Erschien der Stab am Herrscher thron. 
In Josephs Hand — dem seine Sterne 
Das Glück gewiesen aus der Ferne. 

Er ging — nach Josephs Lebenslauf ^-- 
In Jethros Garten blühend auf, 
Von seiner Tochter Hand genährt, 
Und von des Himmels Licht verklärt. 
Und früh und abends, mild und bang'^ 
Erzittert er, wie Harfenklang, 
Als sehne er sich, doch vergebens. 
Zurück zu seinem Baum des Lebens. 



*) Wir haben den Bericht mit geringfügigen stilistisohen Verände- 
rungen wiedergegeben. 



I 



44 Der Lebensbaum als Kreuzliolz Jesu. [h* 

und Mo&ea naht', vom Herrn gesandt, 

An des geliebten Mädchens Hand, 

Ein heller Blitz aus finstrer Wolke, 

Als ein Befreier seinem Volke : 

Er nahm den Zweig, in dessen Blüte 

Jehovas heiiger Name glülite, 

Er schwang ihn, wandelte die Erde, 

Und Wuuder wirkt' sein neues : Werde ! — ^ 

Den Stab traf der entbrannte Blitz 
Aus Gottes düsterm Wolkensitz', 
Als Jakobs Stämme sich vergangen, 
Und fremden Göttern nachgehangen; 
Der Blüte ward gesetzt ein Ziel, 
Sein Holz geformt zum Saitenspiel; 
Es wurden ihm von Königshand 
Die goldnen Saiten aufgespannt, 
Die niederzauberten den Himmel, 
Ins gramumwölkte Weltgetümmel, 
Und süß, wie einst vom Lebensbaum, 
Ertönt der Psalmen Himmelstraum. 

Als Davids Leben ausgetönt — 
Die Harfe an die W^and gelehnt. 
Erbebt, von milder Nacht betaut. 
Am Fenster leis ihr Klagelaut;*) 
Auch wimmerte ihr Schmerzenston, 
Als Juda zog nach Babylon,**) 
Und noch vom Weidenzweig am Bach 
Zog leis' ihr Laut dem Strome nach. 

Und als des Himmels Blitzes strahl 
Jeschurun***) traf zum zweiten Mal, 
Als wunderbar dahin auf immer 
Verschwunden all' die Heiligtümer, 
Die schnell und unversehrt, beisammen. 
Sich Gott gerettet aus den Flammen, 
War auch das Saitenspiel verschwunden. 
Und ward bis heut' nicht aufgefunden.f) 

Ist es vielleicht entschwebt der Flamme, 
Zurückgekehrt zu seinem Stamme, 
Fortträumend jetzt am Lebensbaum 
Von Zions Glanz den schönen Traum. 
Und weckt es da des Volkes Kummer 
Zu leiser Klage aus dem Schlummer? 



*) Vergl. Berachot 36 b. 
**) Vergl. Ps. 137,2. 

***) Jeschurun ist ein poetischer Name für Israel, 
t) Jerusch. Sanh. 72a. 



95] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 45 

Ein schwacher Nachklang der jüdischen Sage ist sogar in 
die mohammedanische Überiieferung gedrangen. Nach derselben 
begleitete Mose eines Morgens die Töchter Schoeibs auf der 
Weide. Da er aus Ägypten ohne Stock entflohen war, holte ihm 
Safuria den Wunderstab ihres Vaters, welcher vor ihm allen 
anderen Propheten zur Stütze und zur Verteidigung gedient hatte. 
Adam hatte ihn aus dem Paradiese mitgenommen, nach seinem 
Tode fiel er in die Hände Seths, später bekam ihn Idris, dann 
Noah, dann Salih, dann Abraham. (S. G. Weil, biblische Legenden 
der Muselmänner, Frankf. a. M. 1845 S. 149 f.) Fr. Rückert 
wieder hat diesem mohammedanischen Nachklange einen poe- 
tischen Ausdruck gegeben in dem Gedichte: Der Stab Moses 
(s. Sieben Bücher morgenländischer Sagen und Geschichten I, 
S. 32 ff.). Mose lebte bei seinem Schwiegervater Schoeib im 
Lande Midian. Als er dessen Herde in die Wüste treiben sollte, 
bedurfte er eines Stabes. Da sprach zu ihm Schoeib: 

Die Stäbe stehen dir zur Wahl, die größern hier und kleinern , 

Die schwächern und die stärkeren, den einen ausgenommen 

Der hinten in der Ecke steht, bestäubt und übersponnen. 

Den hat ein unbekannter Mann, ein fremder, hingestellet. 

Daß er hier aufbewahret sei, bis seinen Herrn er fände, 

Und seitdem steht er unberührt von mir dort und den Meinen. 

Mose probt die Stäbe durch, doch keiner will ihm passen, 
bis er in die Ecke kommt und den staubig überwebten ergreift. 
Dieser paßt ihm in die Hand, er nimmt ihn und geht mit ihm 
von hinnen. Als Schoeib die Stäbe zählt, vermißt er den fremden; 
sofort eilt er Mose nach und fordert ihn mit Ungestüm zurück. 
Doch dieser klebt in Moses Hand fest, und so sehr sich auch 
Schoeib bemüht, das ihm anvertraute Gut seinem Schwieger- 
sohne zu entreißen, er vermag es nicht. Ein unbekannter Mann, 
der gerade des Weges dahergegangen kommt, wird zum Schieds- 
richter angerufen. Er sprach: 

Legt auf den Boden hin den Stab, und wer vor meinen Augen 
Ihn mit der Hand aufheben kann, der ist der Herr des Stabes. 

Schoeib versucht es zuerst, aber er muß ihn liegen lassen, 
Mose dagegen hob ihn mit leichter Mühe vom Boden und eilte, 
seines Sieges froh, der Herde nach in die Wüste. Darauf sprach 
der Unbekannte zu Schoeib: 

Kennst du mich wieder? 
Ich habe dir den Stab vertraut, den du bewahren solltest. 
Bis einst er seinen Herren fand', er hat ihn nun gefunden. 
Vom Paradiesesgrenzebaum, dem heil'gen Stamme Sidra, 
Brach Adam diesen Zweig, als er von dort auswandern musste, 
Und von dem Stah gestärkt, ging er bis an sein Grab durchs Leben. 
Der war bestimmt, zum Wanderstab in Mosis Hand zu werden; 



46 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [»6 

Mit dem er jetzt hur Wölfe scheucht, wenn sie der Herde drohen, 
Und Laub von Bäumen scTilägt, wenn ihr am Boden Futter fehlet. 
Mit diesem Stabe wird er einst, indem er wird zur Schlange, 
Den Hochmut schlagen Pharaos und seiner Zaubrer Zauber; 
Mit diesem Stabe wird er bald die Herde seines Volkes 
Frei führen aus des Zwanges Haft und durch des Meeres Fluten. 
In Wüsten schlagen ihrem Durst Erquickung aus dem Felsen, 
Nachdem er schlug der Feinde Land mit siebenfacher Plage. 

Doch kehren wir nach dieser Unterbrechung wieder zu unserer 
Legende zurück. Auch an dramatischen Bearbeitungen derselben 
hat es während des Mittelalters nicht gefehlt. Zunächst verdient 
gegen das Ende des 15. Jahrhunderts das bekannte niederdeutsche 
Schauspiel von dem Flebanus zu Eimbeck, Arnold Immessen, 
Erwähnung, welches den Gang der Heilsgeschichte von der 
Schöpfung bis zur Aufnahme der Jungfrau Maria in den Tempel 
bisweilen in lebendig ergreifender Schilderung vorführt. Wie 
in dem Gedichte des Jakob van Maerlant erhält Seth hier vom 
Cherub des Paradieses von einem Apfel, den Adam gegessen, 
drei Kerne mit der Weisung, sie seinem Vater, wenn er nach 
drei Tagen gestorben sein werde, unter die Zunge zu legen. Sie 
sollen zu einem dreieinigen Baum verwachsen, zu einer Zeder, 
zu einer Zypresse und zu einem Ölbaum, den Sinnbildern des 
Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Deutlich tritt der 
Gedanke hervor, daß dem Adam von dem Baume, durch den 
er gesündigt, auch der Friede kommen soll. 

Aber das Holz noch wachsen muß 
Von drei Körnlein zusammen, 
Die von dem Apfel kamen, 
Gewachsen an demselben Reise, 
Der Adam in dem Paradeise 
Als Frucht schmeckte und genoß. 
Die ihm Gott zu essen doch verbot. 

(V. 1479—1485.) 

Vergl. 0. Schönemann, der Sündenfall und Marienklage. Han- 
nover 1855 S. 44 ff. In kürzerer Fassung findet die Legende in dem 
Redentiner Osterspiel vom 20. Nov. 1464 : Comedia de Christi pas- 
sione et resurrectione Verwertung. Vergl. Mone, Schauspiele des 
Mittelalters, 2. Bd. S. 45 ff., wo das Spiel bereits szenisch ge- 
gliedert ist. Am eingehendsten hat sich bekanntlich Albert Freybe 
mit dem Spiele beschäftigt; nicht allein daß er eine sorgfältige 
Textausgabe veranstaltet hat, er hat es auch in gemein-deutsche 
Sprache übersetzt. *) Der Lebensbaum erscheint als Baum der 
Barmherzigkeit. Seth spricht bei der Ankunft Jesu nach seiner 
Auferstehung in der Vorhölle zum Propheten Jesaia S. 339 ff. : 

*) Die Handschrift des Redentiner' Osterspiels befindet sich 
auf der Großherzoglichen badischen Hof- und Latidesbibliothek in 
Karlsruhe unter Nr. 369 des Katalogs. 



97] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 47 

Mein Vater Adam lag in großer Krankheit 

Und in des Todes bittrem Leid, 

Da sprach er: Sohn, nun höre mich, 

Noch eine Bitt hab' ich an dich: 

Geh zu des Paradieses Pforte 

Und sprich, wie ich dir sag' die Worte: 

„Gott Vater, allgewaltig, 

Adam, mein Vater, bittet dich, 

Durch deinen Engel wollest du ihm geben 

Vom öl der Barmherzigkeit, daß er mög' leben." 

Das tat ich nach meines Vaters Gebot, 

Darauf sprach ein Engel von Gott 

— Das war der Engel Michael — , 

„Seth, hör' auf zu weinen schnell! 

Das Öl kann dir zwar nicht werden. 

Doch pflanz' nur dies Reis in die Erden: 

Wann nur gangen sind fünftausend Jahr 

Und sechshundert, frommt's deinem Vater fürwahr 

Und dazu seinem ganzen Geschlecht". 

Habe ich das verstanden recht, 

So ist die Zeit nunmehr vollbracht. 

Gott hat unser wohl gedacht. 

Er will uns erlösen mit diesem Schein 

Von der tiefen Finsternis Pein. 

Zum dritten Male begegnet uns die Legende in einem niederlän- 
dischen Schauspiel: Die eerste bliscaps van Maria, das 1444 
von den Rederijkern zu Brüssel aufgeführt wurde. Im Franzö- 
sischen begegnet uns die Legende in dem Mysterium La Nativite 
de N. S. Jesus Christ, das mit der Erschaffung Adams und dem 
dem Sündenfall beginnt. Vergl. Achille Jubinal, Mysteres inedits 
du XV. siecle (Paris 1837, Vol. IL, p. 10—19.). Hier bittet der 
der Hölle gewärtige Adam Gott selbst um das öl des Erbarmens 
(uille de miserie-corde), doch dieser ermahnt ihn, in Geduld 
den Tod aui sich zu nehmen, und gibt ihm die Verheißung, daß 
er nach ö500 Jahren von der Höllenpein durch das Blut des 
Gottessohnes, das ihm aus der Seite, wie aus Händen und 
Füßen fließen werde, Erlösung zu erwarten habe. Als Adam im 
Sterben liegt, geht Seth auf Wunsch seines Vaters trotzdem 
zum Paradiese und bittet um das Öl des Erbarmens. Da er- 
scheint ihm der Engel Raphael und reicht ihm statt des er- 
betenen Öls einen Zweig von dem Erkenntnisbaume mit dem 
Auftrage, ihn auf das Grab Adams zu pflanzen. 

Von den großen spanischen Dichtern haben zwei die Legende 
zu Autos verarbeitet: Tirso de Molina und Pedro Calderon de 
la Barca, jener in : El ärbol del mejor f ruto (der Baum der besseren 
Frucht), dieser in einem Stücke gleichen Namens und in: La 
Sibila del Oriente y gran Reina de Saba. Im ersten Calderon- 
schen Stücke haben Arbeiter auf dem Libanon zum Tempelbau 
, einen merkwürdigen Baum gefällt, der bei den scharfen Hieben 



E...-. /.♦*-.• 1.«': A r.i.-»r- :z^rjbcJjidfTHirni, 

f>^r Baurn wiri rfiil df-n an i^^rn. vor S-iL :•:::•.> i-^brat:h:. Als die 
K^/Tiiärin ron rfa^^a über den Bach Kiiron s«-Lrei*"-ra will, wa^ 
^.^? nicr*f, arjf eirt^rn '^rhnriai+rfi ^tamru zu tr*^"eti iind in Verwrunde- 

Weiw nicr.t. wr^cr^er LioLtref>x 
»iTier lJämmernr.g. der bLeiidet 
C'r.d 2S1 2ieic:**rr Zeit erleuchtet. 
31 ich so r^eftl^ hier ergreift, 
:^o cf^waitijr mich betrübt. 
Weil nicht C'hne >cr>au'r ich al.ae. 
Daß ich l^ififrn wohl hier schaue. 
Zieh' zurü^'k dich iicid Ijetritt ni'-Lt 
Urivor-»ic»iti«r hier und biirid 
Jenes Holz, darf dort inmitten 
7^^-^M:t aiirirer .Stämme liegt, 
Vx\<\ von .Sion nach Calvaria 
Führt, alä hriirke über'ü. Ce<.lron- 
Denn wie mich des hohen Geistes 
Wehen jetzt erleuchtet, sandte 
Arlam einst den Seth ins ird'sche 
i'aradies, um öl des Heile? 
J>ort zu holen, und er brachte 
Als Bfjlohnung des Gehorsams 
Ihm drei Kömer jener ersten 
Fnicht des Baumes der Erkenntnis. 
7)iese dann, gesät auf Adams 
Grab, sie sprossen als ein Baum mit 
Zedern-, Palmen- und Zypressen- 
I.jatib, der bei der Teilung, welche 
Unter seinen Söhnen und den 
Neffen Xoah vornahm mit der 



991 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 49 

Welt und den Gebeinen Addams, 

AVard dem Jericho zuteil, 

Der den Schädel hier ließ, und den 

Baum nach Libanons Gefilden 

Brachte, wo im grünen Zentrum 

Seiner Wälder er heranwuchs, 

Und dem stets gewohnten, schnellen 

Schicksal, das die Zeit bereitet. 

Dann verfiel. Doch aus dem Traume 

Solch verschuldeten Vergessens 

Weckte ihn das scharfe Eisen 

Einer Axt, die, schuldbar nicht. 

Doch geheimnisvoll, damit er 

Hierher komme, um zu dienen 

Bei dem großen Tempelbaue; 

Ja geheimnisvoll, denn weder 

Jene noch ein andres Eisen 

Sollt' ihn dafür vorbereiten, 

AVeil dem Maß des Künstlers niemals 

Er entsprach, und bald zu lang. 

Bald zu kurz erfunden wurde. 

Doch was Wunder wohl, was Wunder, 

Wenn vom Himmel er bestimmt ist 

Für noch besseren, lebend'gen 

Tempel. Achl ich sehe an ihm 

Hängen einen Mann, so schön, 

Daß die Schönheit er bewahret 

Selbst inmitten grauser Dornen, 

Die mit Blut sein hehres Antlitz 

Überströmen, die als spitzig 

Diadem des Haares, ihn mit 

Blut'gen Bächen übergießend. 

Von dem Scheitel bis zur Brust 

Seinen ganzen Leib mit Purpur 

Färben, als ob diesem fehlten. 

In den ausgerenkten Muskeln, 

Den durchbohrten Händen, Füßen 

Blutiger Wunden bittre Schläge! 

Und er breitet seine Arme 

Gegen die Beleid'ger aus und 

Scheint zu sterben! Ach, bei diesem ' 

Leidensanblick weiß ich wahrlich 

Nicht, ob tot ich, ob lebendig! 

Doch, mag's auch mein Leben kosten, 

Ihr Bewohner Israels, höret! 

Haltet dieses heil'ge Holz 

Für ein tief geheimnisvolles. 

Denn nicht euer Heil allein 

Hängt an ihm; das Heil der ganzen 

Welt, es hängt an diesem Holze! 

Ja, verehrt es, betet's an! 

Tief erschrocken, voller Ehrfurcht 

Wag' ich's zu betreten nicht, 

Ex Oriente lux I«/.. 

4 



50 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [loo 

Schau es nur mit heil'gen Zittern, 
Und ein Opfer hier des Kampfes 
Zwischen meiner Purcht und Liebe 
Weiß ich nicht, ob ich erstarre, 
Oder mich in Glut verzehre; 
Nur das weiß ich, daß ich zitternd 
Seufzen nur und weinen kann, 
Daß mir Seele, Stimm' und Atem 
Und das Leben selbst entschwindet I 

(Lorinser, Der Baum der besseren Frucht. S. 89 — 92.) 

Nach diesen Worten fällt die Königin von Saba ohnmächtig 
zu Boden. Nachdem sie wieder zu sich gekommen, erscheint im 
Hintergrunde der Bühne in einer Glorie ein Kreuz, und die Königin 
spricht : 

Dieses ist das Holz, an welchem 

Hängt das Heil der ganzen Welt, 

Denn aus jenem Blut, mit dem 

Es die Erde überströmet. 

Wird als heiVge Gnadenquelle 

Künftigen glücksel'gen Zeiten 

Einst aus sieben Köhren fließen, 

Jenen sieben Sakramenten, 

Aller Menschen ew'ges Heil, 

Und als größtes unter ihnen 

Jenes Wunder Gottes glänzen, 

Jenes heiligste Geheimnis, 

Wo in Fleisch und Blut verwandelt 

Brot und Wein wird ausgespendet. 

Und der Geist zur Gnade wieder 

Kommt durch aller Gnade Fülle. 

(Das. S. 94 f.) 

Als der König Salomo die prophetischen Worte der Königin 
von Saba vernommen, verspricht er, dem Holze selbst seine 
Ehrfurcht als erster erweisen zu wollen. Da es für den Tempel 
nicht geeignet ist, so will er es auf seinen eigenen Schultern an 
einen würdigen Ort tragen, wo es verborgen liegen bleiben soll, 
bis es die Zeit später finden werde. Darauf nimmt er unter 
freudiger Zustimmung der Königin von Saba das Holz und bringt 
es nach dem Teiche Bethesda unter dem Gesänge: 

Ein himmlisch Holz, ein einziges der hehrsten, 
Mit süßer Frucht, die's seinerzeit soll geben, 
AVird Gegengift dann jenes bitt'ren ersten, 
Weil's Tod gibt einem und den andren Leben. 
Und wenn das Weltall ringt im allers chwersten 
Vernichtungskrampf, um ewig zu entschweben, 
Sind die Bezeichneten im ewigen Lichte, 
Wenn sie mit ihm gerufen zum Gerichte. 

(Das. S. 97.) 



101] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 51 

Damit schließt das Stück. Der Dichter läßt Salomo gleich- 
saiii als das Vorbild des Kaisers Heraklius erscheinen, der tias 
Kreuz bei seiner Wiedereroberung aus den Händen der Perser 
auf seine Schultern nahm und forttrug. 

Ganz ähnlich verwertet Calderon auch in dem zweiten Stücke : 
ha. Sibila del Oriente den Stoff der Legende. Das Kreuz stammt 
wieder nicht vom Baume des Lebens, sondern vom Baume der 
Erkenntnis. Als der Engel den Seth auffordert, ins Paradies zu 
blicken, da heißt es von ihm: 

Da erschaute von den Pforten 
Er ein herrliches Gesichte 
Eines Baumes, dessen Blätter 
Dürr und welk und abgewittert, 
Kahl den Stamm gelassen, welcher 
Zwischen tausend Blütenwipfeln 
Aller Bäume stund allein 
Ohne Pomp und ohne Schimmer, 
Leichnam auf der grünen Au. 
Alle andern, ihn umringend, 
Hatten Seelen, er allein, 
Ohne Pflanzenseel' im Jnnern, 
Stand mit Ästen ohne Leben, 
Ein entblößtes Baumgerippe. 
Und der Engel sprach und zeigte 
Nach dem Baum hin mit dem Finger: 
Siehe, ist s auch nur ein Zeichen, 
Jenes ist das öl der Liebe. 

Endlich als Adam des Engels Botschaft von seinem Sohne 
vernommen und Seth aufgetragen, ihn in Hebron zu bestatten, 
spricht er; 

Dort ersprießet 
Über meinem Grab ein Baum; 
Dieses hat bedeutet, siehe, 
Daß du sahst den Baum des Todes. 
Doch, wenn es des Himmels Milde 
Will, dann wird aus meinem Staube 
Er als Baum des Lebens sprießen. 

Endlich ist die Legende vom Kreuzholz auch in die neuere 
Litteratur übergegangen und wird bald mit dem Lebensbaum, 
bald mit dem Baum der Erkenntnis in Verbindung gebracht. Zu- 
nächst hat ihr Herder in seinen Legenden und morgenländischen 
Sagen, Berlin 1870, S. 95 ff. folgenden Wortlaut gegeben : „Neun- 
hundertunddreißig Jahr war Adam alt, als er das Wort des 
Richters in sich fühlte: Du sollst, des Todes sterben I „Laß alle 
meine Söhne vor mich kommen,** sprach er zur weinenden Eva^ 
„daß ich sie noch sehe und segne." Sie kamen alle auf des 
Vaters Wort und stunden vor ihm da, viel hundert an der Zahl 

4* 



52 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [loa 

und f lebeten um sein Leben. — „Wer unter euch," sprach Adam^ 
„will zum heiligen Berge gehen? Vielleicht daß er für mich Er- 
barmung finde und bringe mir Frucht vom Lebensbaum." — 
Alsbald erboten sich alle seine Söhne, und Seth, der frömmste, 
ward vom Vater selbst zur Botschaft auserwählt. 

Sein Haupt mit Asche bestreut, eilte er und säumte nicht, 
bis er vor der Pforte des Paradieses stand. „Laß ihn Erbarmung 
finden. Barmherziger," so flehte er, „und sende meinem Vater 
eine Frucht vom Lebensbaum." — Schnell stand der glänzendste 
Cherub da, und statt der Frucht vom Lebensbaum hielt er einen 
Zweig von drei Blättern in seiner Hand. „Bringe dem Vater 
ihn," so sprach er freundlich, „zu seiner letzten Labung hier; 
denn ewiges Leben wohnt nicht auf der Erde. Nur eile, seine 
Stunde ist da!" — Schnell eilte Seth und warf sich nieder 
und sprach: „Keine Frucht vom Baum des Lebens bringe ich 
dir, mein Vater, nur diesen Zweig hat mir der Engel gegeben, 
zu deiner letzten Labung hier." — Der Sterbende nahm den 
Zweig und freute sich. Er roch an ihm den Geruch des Para- 
dieses; da erhob sich seine Seele. „Kinder," sprach er, „ewiges 
Leben wohnt für uns nicht auf der Erde; ihr folgt mir nach. 
Aber an diesen Blättern atme ich den Hauch einer andern Welt, 
Erquickung." — Da brach sein Auge, sein Geist entfloh. — 
Adams Kinder begruben ihren Vater und weinten um ihn dreißig 
Tage lang; Seth aber weinte nicht. Er pflanzte den Zweig auf 
seines Vaters Grab zum Haupte des Toten und nannte ihn Zweig 
des neuen Lebens, des Auferwachens aus dem Todesschlaf. — 
Der kleine Zweig erwuchs zum hohen Baum und viele Kinder 
Adams stärkten sich an ihm mit Trost des anderen Lebens. — 
So kam er auf die folgenden Geschlechter. Im Garten Davids 
blühte er schön, bis sein betörter Sohn an der Unsterblichkeit 
zu zweifeln anfing; da verdorrte der Zweig, doch kamen seine 
Blüten unter andere Völker. — Und als an einem Stamm von 
diesem Baum der Wiederbringer der Unsterblichkeit sein heiliges 
Leben aufgab, streute sich von ihm der Wohlgeruch des neuen 
Lebens umher, weit unter alle Völker." 

Während Seth nach Herder den Cherub um die Frucht des 
Lebensbaumes bittet, verlangt er nach Friedr. Rückert, dem zweiten 
Bearbeiter des Stoffes (s. Gedichte, Erlangen 1836, 1. Band S. 59), 
ein Reis von demselben, welches er auch erhält und nach dem 
Tode Adams auf dessen Grab pflanzt. Hier entfaltet das Reis 
sich zum Baum, der seine Düfte und Blüten bis zur Zeit der 
babylonischen Gefangenschaft treibt. Von da ab wurde er dürr 
und bleibt es, bis er durch die Verwendung zum Kreuzholz 
wieder zum Lebensbaum wird, der immer mehr sich ausbreitet 
und schließlich die ganze Welt unter seinen Schirm aufnimmt. 
Nach Rückert erscheint das Kreuzholz als das die Welt über- 
windende Symbol des Christentums. 



103] Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. 53 

Zuletzt hat Johann Gabr. Seidl die Legende angeblich nach 
einer wendischen Sage im Morgenblatt für gebildete Leser 1840, 
Nr. 78, poetisch verwertet.*) Als Seth von seinem Vater hört, daß 
er todkrank sei, fängt er bitterlich an zu weinen und eilt nach dem 
Paradiese, um ein Kraut zu suchen, das ihm Hilfe bringe. Der 
Engel aber spricht: 

Kehr um, mein Sohn, schon ist es zu spät, 
Zu spät mit Kräutlein und mit Arznei, 
Mit deinem Vater ist's längst vorbei. 

Damit überreichte er ihm einen Zweig vom Baum des Lebens 
mit dem Befehle, ihn auf das Grab zu setzen. Von Gottes milder 
Sonne bestrahlt, wächst der Zweig und wird ein starker Baum. 
Als die Menschen aber immer mehr und mehr verwilderten, fällten 
sie den Baum, schleppten ihn fort und boten ihn feil. Nachdem 
er mit Hammer und Beil glatt gehauen war, legte man ihn als 
Steg über einen rauschenden Wildbach, wo er jahrhundertelang 
von den Leuten beschritten wurde. Wer aber das erste Mal über 
ihn hinwegging, der spürte in der Brust einen tiefen Schmerz, 
und das Herz wurde ihm so schwer, daß ihm in seinem Leben, 
nicht oft mehr ein Lachen ankam. Als durch Gottes Zorngericht 
die Gegend in Sumpf und See verwandelt wurde, da sank auch 
der Steg in das Wasser hinab und blieb verschwunden. Doch 
in der Sage lebte der Stamm als versunkener Steg noch fort 
und lief wie ein Märchen von Mund zu Mund. Bei Jesu Ver- 
urteilung fiel einem seiner Feinde die Sage von dem versunkenen 
Baum im Traume ein. 

Ei, dacht er sich, dieser Baumstamm paßt 
Zum Kreuzstamm eben als beste Last; 
So voll gesogen, schon halb wie Stein, 
So mag er als Bürde recht drückend sein. 

Die Feinde Jesu gingen darum hinaus, den Stamm in seinem 
Wasser grabe zu suchen, und nach kurzem Bemühen zogen sie ihn 
als schweren Klotz aus dem See. Sie zimmerten daraus das 
Kreuz, unter dem der Herr auf seinem Erlösungsgange so schwer 
und bang seufzte. Seidl schließt sein Gedicht mit den Worten, 
die zugleich die Tendenz des ganzen Gedichtes aussprechen: 



*) Vielleicht ist damit die in dem ,,altkirchenslavischen Adam- 
buch", das Jagic (Denkschr. d. Wiener Akad. der wiss., pliil.-histor.. 
Kl. XLII, 1893, 1 ff.) herausgegeben und ins Lateinische übersetzt 
und erläutert hat, enthaltene Legende gemeint. Vergl, C. Fuchs 
das Leben Adams und Evas in: G. Kautzsch, die Apokryphen und 
Pseudepigraphen des Alten Testaments II, S. 516 ff. 



54 Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu. [i04 

So wuchs auf des ersten Menschen Grab 
Der Stamm, der der Menschheit das Leben gab, 
Und so wie der Tod, so ward auch das Heil . 
Uns wieder vom Baume des Lebens zuteil. 

Die Schlußworte enthalten nur insofern eine kleine Unrichtig- 
keit, als nach der Darstellung der Bibel der Tod nicht vom Baume 
des Lebens, sondern vom Baume der Erkenntnis in die Welt kam. 

Eine Anspielung auf unsere Legende findet sich endlich 
noch bei Goethe in Reineke Fuchs, Gesang 10, V. 7 ff., wo es 
von dem goldenen Ringe mit den drei eingegrabenen hehfäischen 
Worten, den der Fuchs vorgibt dem Könige zugedacht zu haben, 

heißt : 

Die drei gegrabenen Namen 
Brachte Seth, der fromme, vom Paradiese hernieder. 
Als er das öl der Barmherzigkeit suchte. 

Nach einer alten Überlieferung (s. Fabricius, Codex pseude- 
pigr. I. p. 3, 34 und IL p. 4, 5) erhielt nämlich Adam bei seinem 
Auszuge aus dem Paradiese nicht einen Stab, sondern einen 
geomantischen Ring mit dem Weltkreuze (0, 5)» welchen er 
seinen Nachkommen überlieferte ; durch diese kam er nach Ägyp- 
ten und wurde als Geheimnis aller Wissenschaft betrachtet. Als 
Symbol dieses Ringes gelten die sogenannten Adamsäpfel, die 
bei jedem Schnitte ein Kreuz zeigen sollen. 

Damit haben wir die wunderbare Legende vom Kreuzholz 
Christi, das teils vom Baum des Lebens, teils von dem der Er- 
kenntnis im Paradiese stammt, in ihrer geschichtlichen Entwick- 
lung während des Mittelalters in der lateinischen, mittelhoch- 
deutschen, niederdeutschen, altfranzösischen und altenglischen 
Literatur und in der Neuzeit bei den spanischen Autosdichtern 
Tirso de Molina und Pedro Calderon vorgeführt. Ebenso haben 
wir gezeigt, welche reiche Verwertung dieselbe in der neueren 
deutschen Litteratur gefunden hat. Wir haben gesehen, wie sich 
in den verschiedenen lyrischen, epischen und dramatischen Be- 
arbeitungen im Laufe der Zeit immer neue Zusätze und Ein- 
schiebsel ankristallisiert haben und bald dieser, bald jener Zug 
weiter ausgesponnen und in neue Beleuchtung gerückt wird. Nur 
an der christlichen lateinischen Lyrik des Mittelalters sind wir 
vorübergegangen und haben ihr wenig Beachtung geschenkt, weil 
ein Zusammentragen der in ihr vorhandenen Elemente mit Dar- 
legung ihres Nexus, in dem sie stehen, eine Abhandlung für 
sich beanspruchen würde. 

Erwähnt sei nur noch, daß aus der Beziehung des Lebens- 
baumes oder des Erkenntnißbaiimes zum Kreuzholze Jesu zahl- 
reiche Malereien und Skulpturen in der kirchlichen Kunst des 
Mittelalters vom 12 — 15. Jahrhundert ihre Erklärung finden. Das 
Kreuz erscheint entweder als Baumstamm mit abgehauenen Ästen 



105] Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. 55 

oder als blättertreibender Baum. Wir verweisen nur auf ein 
Fenstergemälde der Kathedrale zu Burgos aus dem 13. Jahr- 
hunderte und auf eine Handschrift des britischen Museums aus 
dem 14. Jahrhundert. Auf eine Zusammenschmelzung der Vor- 
stellung von der Weltesche Yggdrasil mit der vom Kreuzholze 
Jesu scheint das Denkmal bei Bewcastle in Cumberland hinzu- 
deuten, das bis auf das Jahr 670 zurückgeführt wird. Es stellt 
auf der einen Seite Jesus dar, auf zwei anderen das christliche 
Symbol der Weinranken, und auf der vierten schlingt sich der 
Lebensbaum rankenartig bis an die Spitze des Steines; verschie- 
dene Tiere fressen von seinen Früchten, zu unterst ein vier- 
füßiges Tier, dann zwei Drachen, weiter zwei Vögel, wahrschein- 
lich ein Adler und ein Rabe, und ganz zu oberst zwei Eich- 
hörnchen. 

Eine ähnliche Darstellung befindet sich auf dem Kreuze von 
Ruthwell in Schottland. Auf einer Weinranke sitzen von oben 
nach unten zwei Vögel, zwei Drachen, zwei Raben und zwei Vier- 
füßler, auf der andern ein Eichhorn, ein Vogel, zwei Drachen, 
zwei Vögel, ein vierfüßiges Tier und ein Vogel. 

Derselben Ideenverbindung begegnen wir auf einem Grab- 
stein des 13. Jahrhunderts von St. Pierre in Monmouthshire. Der 
nordische Weltenbaum erscheint als Lebensbaum, in dem Drache," 
Adler un.l Habicht wohnen. Die Blüte des Baumes ist das Kreuz. 
Vergl. P. Herrmann, Nordische Mythologie, S. 26 f. 

Zur Litteratur, in welcher das Kreuzholz Jesu in Beziehung 
zum Lebens- und Erkenntnisbaum der Paradieserzählung gesetzt 
wird, haben wir nur noch anzumerken die Abhandlung Pipers 
im evangelischen Kalender für das Jahr 1863; ferner G. Schirmer, 
die Kreuzeslegenden im Leabhar Breac. Inauguraldissertation. 
St. Gallen 1886; F. Kampers Mittelalterliche Sagen vom Paradiese 
und vom Holze des Kreuzes Christi. (Erste Vereinsschrift für 
1897 der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft.) Köln 
1897; Fr. Hüttgenbach, die Geschichte des Kreuzes von und 
nach Golgatha. Aachen 1898. 

4. Das Gedicht Tom heiligen Ereuz yon 
Heinrich von Freiberg. 

Das von Heinrich von Freiberg verfaßte Gedicht vom heiligen 
Kreuz gehört sicher ebenso wie seine Wappendichtung über die 
Kitterfahrt eines böhmischen Herrn namens Johann von Michels- 
berg und der Schwank vom Schrätel und vom Wasserbär zu den 
Jugendarbeiten des Dichters. Als Quelle diente dem Verfasser, 
wie er selbst bemerkt, eine lateinische Vorlage. Das Gedicht, 
das sich in der Handschrift der Wiener Hofbibliothek Nr. 2886 vom 
Jahre 1393 auf Blatt 196 a — 203 b befindet, ist zum erstenmal ab- 
gedruckt in Fr. Pfeiffers altdeutschem Übungsbuche, Wien 1866s, 



56 Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. [i06 

S. 126 — 135 mit allen Fehlern, Abkürzungen und sonstigen Eigen- 
tümlichkeiten der Handschrift. Dr. Albert Fietz bietet im Pro- 
gramm des k. k. Staatsgymnasiums in Cilli 1881 einen gereinigten 
Text des Gedichtes, auf welchem die nachstehende Übertragung ins 
Hochdeutsche beruht. Auf eine längere Einleitung, die von der 
Schöpfung der Welt und des Menschen, dem Sündenfalle und der 
Erlösung nandelt, und mit Anrufung Jesu um Weisheit und Kraft, 
um zur Ehre Gottes schreiben zu können, schließt, folgt die 
Legende vom Lebensbaum, der das Holz zum Kreuzesstamm lieferte. 

Als Adam seines Lebens Zeit 

Getragen unter Sorg' und Leid 

Neunhundertzweiunddreißig Jahr, 

Warf ihn zu Hebron, wo er war. 

Ein Siechtum auf c^s Lager nieder. 

Frostklappernd schlugen ihm die Glieder, 

Und durch die Pulse sonder Glut 

Rann ihm das greisenmatte Blut. 

Gerät und Hacke ward fortan 

Zu Stütz' und Stab dem müden Mann. 10 

Indes, wohin den Blick er kehrte. 

Sah böses Tun er auf der Erde, 

Dem seiner eignen Kinder Schar 

In Frevelmut ergeben war. 

Vor solchem Elend ward am Schlüsse 

Das Leben ihm zum Überdrusse, 

Daß er in Kümmernis und Not 

Seth, seinen Sohn, zu sich entbot. 

„Sohn", sprach er, „hör' und merke dies : 

„Ich sende dich ins Paradies 20 

„Zum Engel Cherub hin, dem Horte 

„Des Einganges der Lebenspforte, 

„Der mit dem Feuerflammenschwert 

„Für Sterbliche den Zutritt wehrt." 

Und Seth erwiderte: „Ich bin 

„Bereit, mein Vater. Doch wohin 

„Der Pfad mich leite, sollst du sagen, 

„Auch was ich bitten soll und fragen 

„Beim Engel Cherub, künde mir." 

Der Vater sprach: „Mich lüstet schier 30 

„Nach Endung meines Erdenseins. 

„Nun möcht' ich vor dem Tode eins 

„Erlangen durch des Engels Mund: 

„Daß mir die Stätte werde kund, 

,,Wo ich gewinnen für mein Leid 35 

„Das öl mag der Barmherzigkeit, 

„Das mir dereinst des Schöpfers Huld 

„Verheißen, als für Sund und Schilld 

„Er mich vom Paradies vertrieben." 

Nun steht im Bibelbuch geschrieben, 40 

Daß Seth, wie ihm geheißen ward, 

Sich rüstete zur Pilgerfahrt. 

Des Vaters Wort belehrte ihn: 



.107] Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. 57 



„Gen Sonnenaufgang mußt du zieh'n 
„Der nebelgrauen Ferne zu. 
„Auf dieser Fahrt gelangest du 
„Zu einem Steig auf grüner Wiese; 
„Der führt dich zu dem Paradiese. 
„Ihm folge dreist und merke auf: 
„Leicht zu erkennen ist sein Lauf 
„An Menschentritten, die im Grase 
„Gezeichnet sind als dürre Straße; 
„Und zwar entstammt die Fährte hier 
„Von deiner Mutter und von mir 
„Und ist als leere Spur verblieben, 
„Seit um der Sünde Sold vertrieben 
„Wir flohen aus dem Paradies, 
„Von dem uns Gott, der Herr, verstieß 
„So schwer kam Sünde und Vergehen 
„Uns Unglückselige zu steh'n, 
„Daß selbst die sprossende Natur 
„Kein Gras erzeugte auf der Spur, 
„Auf welche unser Fuß getreten." 
Und Seth, von seines Vaters Reden 
Erschüttert zog dem jungen Tag 
Entgegen, wo die Richtung lag, 
Die Adams Wort als Ziel verhieß 
In das ersehnte Paradies. 
Und als er seinen Lauf vollendet. 
Ward ihm das Auge schier geblendet, 
D§nn^vor ihm. lag in lichter Glut 
€febreitet rote Feuerflut. 
Doch war er vor der Flammen Macht 
Von seinem Vater vorbedacht '~' 

Versehen mit geheimen Zeichen, 
Die in der Wunderwirkung gleichen 
Demr-Zatrber Tetragramaton. 
Auf -gutem Weg, im- Schutze von 
Dem Zauber, den er wirken ließ. 
Kam Adams Sohn ans^ Paradies.- — _ 



60 



60 



70 



80 



Der Cherub, der den fremden Mann 
Erschaute, trat zu ihm heran 
Und fragte nach des Kommens Grund. 
Drauf gab ihm Seth die Antwort kund: 
,Mein Vater Adam, alt und schwach, 
, Trägt einer Krankheit Ungemach. 
,Er ist des Erdendaseins müde, 
,Und im Vertraun auf deine Güte 
,Hat er zu dir mich hergesandt. 
,Nun mache mir den Ort bekannt, 
,Wo ich gewinnen für sein Leid 
,Das öl mag der Barmherzigkeit, 
,Das ihm dereinst des Herren Huld 
, Verheißen, als für seine Schuld 
,Er ihn vertrieb vom Garten Eden." 



90 



»« 



58 Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. fio* 

Der Engel sprach darauf zu Sethen: 
„Geh, richte deine Schritte vor 
„Des Paradieses Eingangsthor 
„Und strecke Haupt und Angesicht 
„Hinein, doch weiter folge nicht, 100 

„Und merke wohl, was drinnen deinen 
„Gespanntfen Blicken mag erscheinen, 
,,Und sorge, daß dir nichts entgeht." 
Und Adams Sohn, der treue Seth, 
Tat, was der Engel ihm erlaubt; 
Er streckte durch die Tür das Haupt. 
Da sah er unnennbare Wonnen, 
Wie noch kein Menschengeist ersonnen, 
/ " Und keine Sprache hat erdacht. 

Köstliche Früchte, Blütenpracht 110 

Schaut* er in unermessner Menge, 
Vernahm auch liebliche Gesänge 
Und wie vom Golde, flüssig klar, 
Das Paradies erleuchtet war. 

^ "Und mitten durch die Herrlichkeiten 
Ließ Adams Sohn die Blicke gleiten 
Zu einem silberklaren Quell, 
Daraus vier Wasserströme hell. 
Der Pison, Gihon, der mit Namen 
Tigris zur Welt entflossen kamen, 120 

Der vierte Euphrat ist benannt 
Es ist auch männiglich bekannt, 
Daß von den vier die ganze Welt 
Der Wasserfülle Gut erhält. . 
Unfern des Orts, wo silberklar 
Der Quelle Fluten rannen, war 
Ein Baum von starkem Stamm und Haupt, 
Doch kahl die Äste, unbelaubt. 
Und Seth erwog in seiner Seele, 

Warum das Laub dem Baume fehle, 130 

Und durch die Sinne plötzlich fuhr 
Ihm die Erinnrung an die Spur 
Im Grase, welche dürr verblieben. 
So mocht* es auch des Baumes Trieben 
Ergangen sein, seit Sündenschuld 
Dem Adam raubte Gottes Huld. 

Und vor des Engels Angesicht 137 

Trat Seth zurück und gab Bericht, 

Was er gesehen durch die Pforte, 

Der Cherub hörte seine Worte, 140 

Und als er sie vernommen, wies 

Er nochmals ihn zum Paradies 

Ans Tor, zu schauen. Das geschah. 

Und Seth, zum Garten kommend, sah 

An jenem Baume eine lange 

Gewundene, erstarrte Schlange, 



■^ 



109] Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. 59 

Und voller Schrecken wandte er 
Den Fuß zurück zur Wiederkehr, 
Dem Engel Gottes voller Grauen 
Zu melden, was es gab zu schauen. 150 

Und sieh, des Engels Mund befahl 

Den Pilgergang zum drittenmal. 

Als Seth nun mit bewegten Schritten 

Dem Tor des Heils genaht zum dritten, 

Wandt' er die Blicke nach dem Baum. 

Der streckte durch den Weltenraum 

Die Wucht der Äste weit empor 

Hinauf bis zu des Himmels Tor. 

Der Gipfelkrone höchste Spitze 

War ausgespannt zum Ruhesitze 160 

Und für ein Kindlein, neugeboren, 

Gleich einer Wiege auserkoren, 

Das hoch da oben wunderbar 

In Tüchlein sanft gebettet war. 

Bestürzt schlug Seth die Augenlider 

Vom Baume' nach der Erde nieder. 

Da ward ihm neues Wunder kund. 

Bis in der Erde tiefsten Grund 

Sah er die Wurzeln, Ästen gleich 

Verschlungen und entblößt zum Reich 170 

Der Hölle sich zur Tiefe strecken. 

Ja, er erkannte voller Schrecken 

Daselbst von Pein und Qual umhüllt 

Auch seines Bruders Abel Bild. 

Darauf zum Cherub lenkte mit 

Bedacht er wieder seinen Schritt 

Und tat ihm das Erlebte kund. 

Iloldläclielnd öffnete den Mund 

Der Engel und belehrte ihn: 

,Das Kindlein, welches dir erschien, 180 

jMach' ich mit Namen offenbar; 

,Denn Gottes Sohn ist es fürwahr, 

,Der, tränenschwer das Aug' betaut, 

,Von jenes Baumes Gipfel schaut. 

,Denn wie er mag die Blicke kehren, 

,Muß er erkennen unter Zähren 

,Die schwere Sund' und Missetat, 

,Die euer Stamm begangen hat. 

,Doch hör* mein Wort und merke auf: 

,Wenn einstmals in der Jahre Lauf 190 

,Die rechte Zeit erfüllet ist, 

jWird Gottes Sohn, Heiland und Christ 

,Das öl sein der Barmherzigkeit 

,Und für euch tragen Schuld und Leid. 

jDann soll euch und den Eltern dein 

,Samt allem Volk vergeben sein, 

,Das Gott erschuf nach seinem Bilde 

,Als Zeichen seiner Huld und Milde." 



60 Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. fno 



Belehret durch des Engels Wort 

Ging Seht zu scheiden von dem Ort. 

Doch ehe beide Abschied nahmen, 

Gab jener ihm drei Körnlein Samen, 

Die aus der Apfelfrucht entsprossen, 

Von der sein Elternpaar genossen, 

Und drauf als Strafe Plag' und Not 

Erlitten und verdient den Tod. 

Und weiterhin der Engel sprach : 

jWenn heimgekehrt am dritten Tag 

,£eim Vater du bist angekommen, 

,Wird ihm sein Erdenleid genommen, 

,Und er erlöst zu sanfter Ruh. 

,Und dem Entschlaf 'nen senke du 

,Die Apfelkörnlein in den Mund. 

,Bald werden sich von seinem Schlund 

,Drei Bäume heben aus dem Samen. 

,Die Zeder heißt des ersten Namen; 

, Zypresse man den zweiten nennt, 

,Den dritten man als Tanne kennt. 

,Der Bäume Dreizahl ist geweiht 

,Der heiligen Dreifaltigkeit. 

,Die Zeder ist des Vaters Zeichen, 

,Dem Sohne die Zypresse eigen 

,Vom heirgen Geist die Tanne spricht, 

,Der Gottheit Bild und Sinngedicht. 

jDenn merkt, wie ich das Rätsel löse : 

, Gleichwie der Zedernbaum an Größe 

,Die andern Bäume überragt, 

,So stellt sich auch des Vaters Macht 

,Hoch über die erschaff 'ne Welt. 

, Hingegen die Zypresse hält 

, Lieblichen Duft und würz 'gen Hauch 

,Vor allen Bäumen; so ist auch 

,Des Sohnes Süßigkeit und Liebe. 

jDoch durch den Reichtum ihrer Triebe 

,Und Frucht die Tanne ragt empor 

jDrum stellt den heirgen Geist sie vor, 

,Des ungezählte Gnadengaben 

,Das sterbliche Geschlecht erlaben." 



200 



210 



220 



i 



230 



238 



Auf selbem Pfad wie er gekommen. 
Hat Seth die Heimfahrt unternommen, 
Und angelangt beim Vater dort 
Berichtete er Wort für Wort, 
Wie ihm des Engels Mund beschieden. 
Drauf lächelte der Greis zufrieden; 
Sein Antlitz, wie die Schrift uns lehrt, 
Erschien von frohem Mut verklärt 
Zum erstenmal in seinem Leben, 
Da ihm die Hoffnung war gegeben. 
Zu schaffen für sein Erdenleid 



-I 



10 



111) Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. 61 

Das öl sich der Barmherzigkeit. 

Den Blick zu Gott empor gewandt 

Kief er: „O Herr, in deine Hand 

Empfehr ich meine müden Glieder I" 

Und sterbend zu dem Boden nieder 

Fiel, wie der Engel es versprach, 

Der welke Leib am dritten Tag. 

Und da das Leben ihm entfloh*n, 

Begrub zu Hebron ihn der Sohn, 20 

Die Körnlein aber, die geweihten. 

Ließ sacht er nach der Wurzel gleiten 

Der Zunge in des Toten Mund. 

Und fruchtbar zeigte sich der Grund, 

Darinnen eingesenkt sie lagen; 

Drei Keime aus der Erde brachen 

Und wuchsen nach des Herrn Geheiß 

Auf Armes Länge jedes Keis. 

Sie wurzelten auch fort und fort 

Li Adams Mund zu Hebron dort, 30 

Bis Noahs Zeit der Welt erschieenen. 

Ja, mehr noch sagt die Schrift von ihnen: 

Daß sie gestanden wundersam 

Von Noah bis auf Abraham, 

Und weiterhin in Zeiten fern. 

Da Moses auf Geheiß des Herrn 

Im Volk der Kinder Israel 

Mit Weisheit führte den Befehl. 

Ja, wunderbar klingt der Bericht: 

Die Reiser wuchsen und auch nicht; 

Sie blieben stehen als frische Reben 

Von immergrünem Laub umgeben. 

Nun führte Moses, der Prophet, 
Wie in der Schrift geschrieben steht, 
Um Gottes, seines Schöpfers Willen 
Und Wort gehorsam zu erfüllen, 
Die Juden, die durch Furcht gebannt 
Verzagten, aus Ägyptenland. 
Vor Pharao und seinem Heer 

Entkam er durch das rote Meer, 50 

Indes der Feinde arge Brut 
Hinabsank in des Meeres Flut. 
Und als er, der Gefahr entkommen, 
Zu Hebron Lagerstatt genommen. 
Und abends, da die Sonne sank. 
Gesprochen Segen, Preis und Dank, 
Erblickte er die grünen Zweige, 
Die wurzelnden in Adams Leiche; 
Und von Prophetengeist erregt 
Sowie von Gottesfurcht bewegt 
Rief Moses, der Begeistrung voll: 
„Der Reiser grüne Dreiheit soll 
,,Ein Sinnbild, heilig und geweiht, 



I 



62 Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. fna 

„Für uns sein der Dreieinigkeit." 

Er zog die Reiser, die im Mund 

Des Adam wurzelten, vom Grund; 

Da strömten sie so holde Düfte 

Balsamisch hauchend in die Lüfte, 

Daß rings erfüllet ward der Raum. 

Und alle fühlten, wie ein Traum, 70 

Den ihnen Gott, der Herr gesandt, 

Versetzt sich ins gelobte Land. 

Die Freude in des Volkes Kreis 
Nahm Moses wahr, entzog das Reis 
Dem Blick der Jubelnden und band 
Es sauber ein in Leinewand, 
Und hielt das Bündel voller Sorgen 
Gleich einem Heiligtum geborgen. 
Als bald darauf der Weg den Zug 
Zog er mit ihm die Kreuz und Quer 
Des Volkes in die Wüste trug, 80 

An vierzig Jahre lang umher. 
. Wo aber aus des Heeres Schar 
Ein Leidender zu finden war, 
Der, von der Schlangen Biß getroffen. 
Verzagend Qual trug sonder Hoffen, 
Weil von des Wurmes Gifte voll 
Die blutige Wunde eiternd schwoll, 
AVard er von seinem Weh und Leid 
Durch des Propheten Macht befreit: 90 

Die Zweige drückt er an den Mund; 
Das machte ihn alsbald gesund. 
Als weiter nun des Volkes Stamm 
Zu dem verlornen Wasser kam, 
Und wilde Reden voller Spott 
Auf Moses schrie und wider Gott, 
Rief der Prophet in heirgem- Zorne: 
„Vielleicht, daß dieser Stein, zum Borne 
„Geworden, spendet Wasser klar 
„Für euch, ihr glaubenlose Schar. 
„Laßt sehen, ob auf mein Beginnen 
„Aus diesem Felsen Quellen rinnen." 
So schlug er an den Kieselstein, 
Und siehe, silberklar und rein 
Entsprang dem Felsen eine helle 
Durststillend süße Labequelle. 
Und vor des Moses Auge trat 
Der Herr nach dieser Wundertat. 
„O Moses," sprach er, „mein Gericht 
„Trifft nun dich selber, der du nicht 110 

„Vertrau'n zu meiner Macht und Huld 
„Gewirkt hast, und de's Zweifels Schuld 
.,Von ihren Lippen nicht verbannt. 
„Drum wirst du nimmer in das Land 
.,Sie führen, d£ts ich euch verheißen." 



1 



118] Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. 63 

„Wer aber wird sie fürder weisen?" 

Erforschte Moses sorgenschwer; 

Und ihm erwiderte der Herr: 

„Von allen, die da ausegangen, 

„Wird keiner in das Land gelangen, 120 

„Das ich dem Volke ausersah, 

„Als Kaleb und als Josua." 

Und Moses, als sein Ohr vernommen. 

Daß auch sein Lebensziel gekommen. 

Begab sich, mit bedachtem Geist 

Zu einem Berg, der Tabor heißt. 

Dort nahm er seine Zweige und 

Vertraute sie des Bodens Grund, 

Und neben der geweihten Stätte 

Schuf er sich selbst zum Ruhebette 130 

Des Grabes kühles Kämmerlein, 

Und legte sterbend sich hinein. 

Und wieder gegen tausend Jahre 

In immer grünem Schmucke war 

Der Reiser Wuchs und grünes Kleid 

Bis auf des Königs David Zeit. 



Ein voll Jahrtausend war verschwunden. 

Seit der Prophet den Tod gefunden. 

Da ist's geschehen in Israel, 

Daß König David den Befehl 

Erhielt, nach jenem Berg zu reisen, 

Den Tabor wir zuvor geheißen. 

Im Lande zu Arabia 

Würd' er Gesträuche finden da, 

Wo nebenan der Erde Schoß 

Moses Gebeine in sich schloß. 10 

Und kehren sollte er mit dem 

Gezweige nach Jerusalem, 

Der Königsburg, die er gegründet. 

Der Herr, der Gnad' und Heil verkündet, 

Gedachte aus der Zweige Grün 

Für Menschenschuld den Baum zu ziehen, 

Aus dessen Holz für Christi Leiden 

Das Kreuz des Heils man würde schneiden. 

Der König David lenkte auf 

Des Engels Weisung seinen Lauf 20 

Zum Land Arabia, mit Fleiß 

Zu forschen nach dem edlen Reis. 

Als er die Zweige von dem Boden 

Gelöst, entstieg ein linder Broden 

Balsam'schen Hauches in die Luft, 

Berauschend mit dem süßen Duft 

Den König und die Dieners charen ; 

Und alle, die gekommen waren. 

Erfüllend mit der Zuversicht 

Auf Gottes Gnade, Heil und Licht. 30 



(54 Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. [ih 

Aus seines Harfenspieles Saiten 

Ließ David goldne Töne gleiten. 

Auch andren ward das Zeichen kund: 

Wer leidgequält und ungesund, 

Und wer mit Aussatz war geschlagen, 

Mit Blindheit, Taubheit, andren Plagen, 

Wer Krankheit trug und Schmerzen litt, 

Sie alle lenkten ihren Schritt 

Nach den am Berg gefundenen Zweigen, 

Und Seuch* und Elend mußten weichen. 40 

Und wenn der Kranke ward gesund. 

Erscholl sein Lob und Preis zur Stund: 

„Erlösung ward und seliges Leben 

„Und Gottes Huld uns heut gegeben 

„Durch des geweihten Kreuzes Macht.** 

Der König aber, wohlbedacht. 

Vom heil'gen Geist erleuchtet, weise, 

Erkannte, daß von diesem Reise 

Ein Kreuz auf Erden sollt' ersteh'n, 

Das Gott, der Herr, sich auserseh'n. öO 

Und da er dieses klar erkannt, 

Nahm er die Zweige in die Hand 

Und lenkte heimwärts seinen Lauf 

Und kam den neunten Tag darauf 

Zu seiner Stadt Jerusalem. 

Doch drückt' ihn schwere Sorge, wem 

Wohl zu vertrauen der heiige Zweig, 

In welchem Grund und Erdenreich 

Er Wurzeln treibe und am besten 

Erhebe sich zu Stamm und Ästen. ^ 60 

In ein Zisternlein, das er fand. 

Legt' er die Reiser vor der Hand, 

Damit sie in der Nacht geborgen 

Verblieben, bis am nächsten Morgen 

Er wiederkam' und sie von dort 

Verpflanzte an den rechten Ort, 

Für immer ihre Statt zu gründen. 

Und mächt'ge Kerzen anzuzünden, 

Befahl der König, auf dem Platz, 

Dem er vertraut den hehren Schatz, 70 

Und um die Stelle stellt' er Hüter 

Zum Schutz des köstlichsten der Güter, 

Ermahnte sie zu strenger Wacht 

Und ging zum Lager selbe Nacht. 

Des Schöpfers allgewalt'ge Kraft, 

die alles wirkt und alles schafft, 

Die keinen noch bisher betrog. 

Der sich ihm gläubig unterzog. 

Gab ihrer Macht ein neues Zeichen 

Beim Morgengrauen an den Zweigen. 80 

Festeingewurzelt tief im Grund 

Entragten sie des Brunnen Schlund. 



116] Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. 65 

Der König David aber stand 

Erstaunt, als er das Wunder fand, 

Das sich ereignet, da er schlief. 

Zeigt er des Volkes Schar und rief: 

„Soviel auf Erden Völker leben, 

„Sie mögen Gott die Ehre geben, 

„In Furcht und Demut zu ihm fleh*n; 

„Denn über Wissen und Verstehen 90 

„Unendlich groß ist seine Macht." 

Die Zweige in des Brunnens Schacht 

Ließ er in ihrem Wurzelbette, 

Sie sollten keine andre Stätte 

Erhalten, da der Herr zuvor 

Den rechten Platz für sie erkor. 

Drum ließ er auch dem Ort, dem hehreu. 

Durch Wall und Mauer Schutz gewähren 98 



Nun wuchsen, wie zuvor erzählt. 

Die Keiser, die von Gott erwählt 

Und schon entstammt aus Adams Zeit, 

Geschmückt mit laubig grünem Kleid 

Und Blütenschönheit in dem Bronnen. 

Als eines Jahres Lauf verronnen. 

Ließ einen reinen Silberring 

Der König schmieden und umfing 

Den Stamm damit in seiner Runde. 

Nun wußte er zu jeder Stunde, 10 

Wieviel der wunderbare Baum 

An Höh' und Umfang sich im Raum 

Von Jahresanfang bis zum Ende 

Allmählich in die Weite dehnte. 

Als wieder dreißig Jahr entfloh'n. 
Ward König David auf dem Thron 
Von bittrer Reuequal erfaßt 
Ob seiner schweren Sündenlast 
Und rief in seines Kummers Harme: 
„Erbarm* dich meiner, Herr, erbarme, 20 

Und geh mit mir nicht ins Gericht I" 
Des Psalters herrlich Lobgedicht 
Sang er zur Buße seiner Sünden, 
Begann darairf den Bau zu gründen 
Des Gottestempels in der Stadt 
Jerusalem. Mit rascher Tat 
Und rastlos arbeitsamem Fleiße 
Betrieb das große Werk der greise 
Beherrscher zweimal sieben Jahr. 
Doch einem Sünder, wie er war 30 

Ließ Gottes Rat es nicht gelingen, 
Des Tempels Aufbau zu vollbringeD, 
Und dem sich Mühenden erschien 
Gott selber und belehrte ihn: 31 

Ex Oriente lux I-/, 5 



66 Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. [ii« 

„Nicht du, der selbst ein Sünder, traun, 

„Sollst einen Tempel für mich bau'D I" 

„Doch wer, statt meiner?" „Salomon, 

„Der bald dir folgen wird, dein Sohn." 

Da wurde es dem König klar, 

Daß er am Lebensziele war; 40 

Die ältesten Israeliten 

Jerusalems ließ er entbieten 

Und sprach zu ihnen von dem Thron : 

„Der Herr erkor den Salomon 

,,Zu eurem König, da ich scheide." 

Und darauf starb er. Sein Geleite 

Erhob des toten Leibes Last 

Auf eine Bahre, trug zur East 

Ihn zu des Grabes grünem Hügel, 

Und Salomon ergriff die Zügel 50 

Des Herrschertums in Israel. 

Der brachte auf des Herrn Befehl 

Nach voller drei Jahrzehnte Wendung 

Den Tempel endlich zur Vollendung. 

Als nach so langer Zeit des Baus 

Bereitet stand das Gotteshaus, 

Sich der Gesellen Hand gerührt, 

Der Meister schaffend sie geführt. 

Bis sie dem Werke noch den letzten 

Geschlagenen Stamm als Balken setzten, 

Fand sich kein Baum im weiten Wald, 

Noch im Gebirge dergestalt, 

Daß er zu jenem Zwecke taugte. 

Und da man einen Balken brauchte. 

Ergab die Not, um fortzubau'n, 

Den Baum des Heiles umzubau'n. 

Den König David, wie bekannt. 

Hierher gepflanzt aus fernem Land. 

Drauf zimmerte aus seinem Holz 

Man einen Balken, schön und stolz. 

Doch als behau'n er und gefällt 

Ward in die Öffnung eingestellt, 

Erschien er eine Elle kleiner, 

Als von den Balken irgendeiner, 

Trotzdem, daß sein erwähltes Maß 

Die Länge reichlich doch besaß. 

Nahm man den Stamm vom Bau herunter. 

So reichte er — ein neues Wunder! — - 

Vor andrem Balkenholz des Baus 

Fast über Armeslang hinaus. 80 

Die Maurer und der Meister sah'n 

Kopfschüttelnd sich das Rätsel an. 

Sie mühten sich drei volle Stunden; 

Der Baum ward auf- und abgewunden, 

Doch der Erscheinung AViederkehr 

Bewog den Werkesmann, die Mär 



•17J Heinrichs v.- Freiberg Gedicht vom heiligen Ereuz. 67 

Zu bringen vor des Königs Thron. 

Der weise König Salomon 

Befahl darauf, des Wunders wegen 

Den Stamm ins Gotteshaus zu legen. 90 

Nun zog das Maurervolk des Baus 

Aufs neue nach dem Balken aus 

Zum Waldgebirge Libanon, 

Und ihre Mühen fanden Lohn: 

Es ward ein schöner Baum gefällt 

Und in die Öffnung eingestellt, 

So daß sie unter ihren Händen 

Die Arbeit sahen sich vollenden. 

So ward der Tempelbau bereit, 

Zur Gottesstätte eingeweiht, 100 

Als in dem Lande Salomon 

Als König herrschte, Davids Sohn. 

Nach einem Brauch im alten Bunde 

Ließ jede Ortschaft in der Kunde 

Jerusalems von nah und fern 

Zur Wallfahrt nach dem Haus des Herrn 

Die Glieder der Gemeinde geh'n. 

Um Gottes Gnade anzufleh'n, 

Und mit Gebet und Psalmensingen 

Ein gläubig Opfer darzubringen. 110 

Nun steht geschrieben in dem Buch: 

An einem Festestage trug 

Sich zu, daß eine große Schar 

Von Betern eingetroffen war. 

Dem heiigen Stamm mit Lob und Preisen 

Und Singen Andacht zu erweisen. 

In dem Gefolge dieser Frommen 

War auch ein fremdes Weib gekommen, 

Maxiila, wie ihr Name hieß, 

Die mit den andren sang und pries. 120 

Dieselbe hatte sich zuletzt 

Zufällig auf den Stamm gesetzt. 

Da siehe I Aus der Frau Gewanden 

Schlug Feuer, ihre Kleider brannten, 

Und die Unselige, umloht 

Von Gluten, schrie in ihrer Not, 

Daß es erscholl durchs ganze Haus, 

Und wie prophetisch rief sie aus : 

j.IIerr Jesus Christ, erbarm' dich mein!" 

Die Juden, als sie dieses Schrei'n 130 

Vernommen und zum Orte kamen. 

Entsetzten sich ob Jesu Namen 

Und zeterten, das fremde Weib 

Sei unrein und ihr Sündenleib 

Vom Teufel selber oder dessen 

Gottlästerlicher Lehr besessen. 

Sie schleppten sie zum Kichtplatz fort 

5* 



68 Heinrichs v-, Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. Ui» 

Und steinigten die Ärmste dort, 

Die erste Zeugin, die inmitten 

Der Welt den Martertod erlitten 

Für unsren Heiland Jesus Christ, 

Wie in der Schrift berichtet ist. , 

Doch eine Menge Juden kam 

Und nahm hinweg den heiFgen Stamm 

Und trug ihn aus des Tempels Hut 

In eines Weihers braune Flut, 

Den man den Schafteich hieß im Volke. 

Das Wasser war voll trüber Wolke 

Des Schlammes, stinkend sein Geruch, 

Weil man darin zum Bade trug 150 

Jedwedes Juden toten Leib, 

Ohn' Unterschiede, Mann und Weib. 

Nun hört, was weiter ist gescheh'n. 

Die Gnade Gottes wollte den 

Verworfnen Stamm im eklen, nassen 

Sumpfteiche nicht verderben lassen 

An Heilkraft und an Wirksamkeit. 

Alltäglich zweimal um die Zeit 

Der dritten und der sechsten Stunde 

Begann das Wasser aus dem Grunde, 160 

Durch eines Engels Macht erregt. 

Zu wallen, schäumend und bewegt. 

Wenn nun ein Mensch, der krank und siech, 

Zuerst hinein ins Wasser stieg, 

So wurde er zur selben Stund' 

Befreit von Siechtum und gesund. 

Die Juden wurden das gewahr 

Und mühten sich in großer Schar, 

Den Baum zu ziehen aus dem Teich. 

Nun formten sie zu einem Steig 170 

Den Baumstamm über einen Bach, 

Und einer aus der Menge sprach: 

,,Wenn dieses Holz, das wir gelegt, 

„In Wahrheit Wunderkräfte trägt, 

„Wird jeder, der den Steig mit Füßen 

„Betritt, für diese Sünde büßen'' 

„Und ist von keiner Schuld befreit." 

So lag der Balken lange Zeit 

Als Brücke über jenem Bach, 

Bis in der Jahre Lauf darnach 180 

Der Morgenlande Königin 

Sibilla zu dem Steige hin 

Gelangte auf der Fahrt zu dem 

Beherrscher von Jerusalem, 

Daß sie von seiner Weisheit lerne, 

Die hochgerühmt ward in der Ferne. 

Und auf der Wandrung trat sie vor 

Jerusalem zum Eingangstor, 

Doch ehe sie zur Pforte kam, 190 



iw] Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. 69 

Bemerkte sie den heiligen Stamm. 

Da beugte sich die Herrscherin, 

Kniefällig betend fiel sie hin, 

Und lüftete den Saum der Kleider 

Mit bloßem Fuß, den sie enthiillt. 

Darauf sprach sie, vom Geist erfüllt, 

Demütiglich das Haupt gesenkt. 

Und zu sich selbst das Wort gelenkt: 

„Das Zeichen des Gerichtes ward 

„Vor meinen Blicken offenbart, 200 

„Davon wird alles auf der Erden 

„In seinem Schweiß gebadet werden." 

Und als sie mit dem König viel 

Verhandelt und der Wandrung Ziel 

Erreicht, nahm Abschied sie und wandte 

Zurück sich nach dem Heimatlande. 

Nun lag der Balken lange Frist, 

Bis unser Heiland Jesus Christ, 

Da er die Welt erlösen wollte. 

Des Kreuzes Marter leiden sollte. 210 

Da er, obwohl der Sünde bar. 

Schuldlos zum Tod verurteilt war, 

Und da der Juden arge Brut 

Erwog, wie man sein heilig Blut 

Vergießen solle, welches Leiden 

Ihn solle von dem Leben scheiden, 

Geschah es, daß etwelche schrie'n 

Aus ihrer Mitte: „Kreuzigt ihn!" 

Und Beifall tobte aus der Menge. 

Doch da an Balken von der Länge 220 

Zu einem Kreuz es just gebrach, 

Trat einer ihrer auf und sprach 

Mit Frevelworten voller Spotte 

Zu der von Wut erregten Kotte: 

„Hört, Freunde, folget meinem Wort! 

„Nehmt jenen starken Baum, der dort 

„Am Bache liegt unweit der Stadt!" 

Und sie bejubelten den Rat 

Und spalteten mit einem Beil 

Des heiFgen Baumes dritten Teil 230 

Vom Ganzen ab zur selben Stunde. 

Und weiter gibt die Schrift uns Kunde» 

Daß aus dem Holze, fest und zart, 

Ein prächtig Kreuz gezimmert ward. 

Das schlugen sie mit scharfen Hieben 

So groß, daß seine Höhe sieben 

Armlängen faßte, in der Quer 

Maß es drei Ellen ungefähr. 

Nach Golgata, der Schädelstatt, 

Wie uns die S'chrift berichtet hat, 24.0 

Auf seinen heiFgen Schultern trug 

Das Kreuz der Heiland, und man schlug 



70 Heinrichs v. Freiberg Gedicht vom heiligen Kreuz. li«> 

Daran ihn fest an Bein und Annen. 

Das ist geschehen aus Erbarmen 

Für alle, die an Jesus Christ 

Sich wenden, der der Heiland ist, 

Und selbst gehorsam bis zum Tode 

Dem Vater war und dem Gebote. 

Drum sei ihm Lob und Preis geweiht 

Von Ewigkeit zu Ewigkeit. 250 

Hier ist des Liedes Mär zu Ende. 

Den heirgen G^ist, o Vater, sende 

Uns allen, die als Christi Zeugen 

Uns vor dem heiigen Kreuze beugen. 254 



B. 

1. Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedentung in 

den Yerschledenen Eulturreligionen. 

• 

Wie wir aus den kosmogonischen und theogonischen Mythen 
und Sagen der Völker das Rauschen des Lebensbaumes vernehmen, 
durch dessen Früchte sich Götter und Menschen ihre unge- 
schwächte Lebenskraft und ewige Jugendfrische erhalten, so nicht 
minder das Sprudeln einer Quelle des Lebenswassers, die Leben 
schafft und zu Ende gehendes oder bereits erloschenes Leben 
wieder zu neuem Sein erweckt. Daß gerade dem Wasser eine 
solche Wirkung zugeschrieben wird, darf nicht Wunder nehmen. 
Schon in der altindischen Götterlehre wird nach den Veden Va- 
runa neben Indra, dem Gotte der Binnenwelt, und Agni, dem 
Gotte des Erdfeuers, als Gott des Überhimmels gedacht, der mit 
seinem himmlischen Wassersee in das irdische Wasserreich, da 
wo die Himmelsdecke mit dem Weltozean zusammenstößt, herein- 
ragt und überall Leben hervorruft. Nach der orphischen Lehre 
des Hieronymus und Hellanikos gilt das Wasser als das Prinzip,, 
aus dem sich die Erde verdichtete und mit ihr als Dyas den nie 
alternden Drachen erzeugte. In der Ilias XIV, 200 wird der 
Okeanos als der Erzeuger der GöiieT(ß'6ävyeP6aip)yinö. der Mutter 
Tethys betrachtet. Ähnlich verhält es sich mit der eddischen 
Schöpfungslehre. Auch hier bildet das Wasser (Eliwagar) den 
Hauptbestandteil des Weltstoffes, aus dem das erste menschliche 
Gebilde, der Urriese Ymir, entstand. 

Doch wenden wir uns den Mythen und Sagen vom Quell 
des Lebens in den verschiedenen Mythologien der Völker im 
einzelnen zu. Wie der Lebensbaum so hat auch das Lebens- 
wasser sein Prototyp im babylonisch-assyrischen Mythenkreise. 
Nach der Adapalegende hatte Adapa einst bei spiegelglatter See 
gefischt, war aber von dem heranstürmenden Südwind ins Meer 
geworfen worden. Darüber ergrimmt, setzte er ihn außer Wirk- 
samkeit, indem er ihm die Flügel zerbrach, so daß er sieben 



72 Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. [122 

Tage lang nicht wehen konnte. Infolgedessen hörte die Frühlings- 
vegetation auf, und die Götter Tammuz und Giä-zi-da flüchteten 
sich in den Himmel des Anu. Adapa wurde darauf von Anu 
zur Rechenschaft gefordert, da er aber in einem Trauergewande 
erschien und die entflohenen Götter fürbittend für ihn bei Anu 
eintraten, wurde dieser nicht nur zur Milde gestimmt, sondern 
beabsichtigte sogar, weil er das Innere der Erde und des Himmels 
geschaut, ihm die Unsterblichkeit zu verleihen, und setzte ihm 
deshalb die Speise des Lebens und das Wasser des Lebens vor. 
Doch Adapa schlug die Gabe Gottes aus, weil Ea ihm gesagt 
hatte, man wolle ihn mit der Speise des Todes und mit dem Wasser 
des Todes bewirten. Auf diese Weise verscherzte er sich die 
Unsterblichkeit. 

Von einem Wasser des Lebens ist sodann in dem babylo- 
nischen Epos: Die Höllenfahrt der Istar die Rede. In diesem 
Gedicht unternimmt Istar, wahrscheinlich der Morgenstern und als 
Göttin die Fruchtbarkeit darstellend, eine Wanderung in das 
Totenreich. Doch dafür muß sie büßen, die Befruchtung hört 
^uf, das Leben auf der Oberwelt erlischt. Um dem Unheil ein 
Ende zu machen, schreiten die oberen Götter ein; ein Diener er- 
hält von ihnen den Auftrag, den Genius der Erde herbeizubringen, 
um die Istar mit dem Wasser des Lebens zu besprengen, damit 
sie auf die Oberwelt zurückkehren könne. 

Im babylonischen Pantheon wird Ea, der Herr aller Geheim- 
nisse, als Schöpfer der lebenspendenden Quellen betrachtet, die 
bei Beschwörungen in Anspruch genommen werden. Da er wegen 
seiner Erhabenheit und Größe nicht selbsttätig beim Beschwörungs- 
werke mit eingreifen kann, so tritt sein großer Sohn Marduk an 
seine Stelle, unter dem wir uns die aus dem Ozean sich erhebende 
Frühsonne vorzustellen haben. Er bringt als der große Priester 
der Beschwörung das zu derselben erforderliche Wasser der Rei- 
nigung herauf. In einer Textstelle (IV R. 25, col. IV vergl. 
Zimmern, Beiträge S. 139) heißt es: 

„Glänzende Wasser brachte er hinein ; 

Nin-zadim, der große Juwelier des Anu, 

Hat dich mit seinen reinen Händen zubereitet; 

Ea nahm dich weg an den Ort der Reinigung, 

an den Ort der Reinigung nahm er dich, 

mit seinen reinen Händen nahm er dich, 

zu (?) Milch und Honig nahm er dich, 

Wasser der Beschwörung tat er dir in den Mund, 

Deinen Mund öffnet er mittels Beschwörungskunst : 

wie der Himmel sei rein, wie die Erde sei rein, wie das Innere 

des Himmels glänze.***) 



*) Es handelt sich um einen bei Einweihung eines Götter- 
bildes (Mundöffnung und Mundwaschung) sich beziehenden Text. 



123] Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. 73 

T>foch heute existieren die Wasserlustrationen der Babylonier 
in der nicht weit von dem alten Eridu lebenden Sekte der 
Mandäer fort. Vergl. A. Jeremias, Das Alte Testament im Lichte 
des alten Orients S. 101. 

Wie die Inder in dem Wasser der Wolke das belebende und 
heilende Element in der ganzen Natur gesehen, zeigen zwei kleine 
Lieder im Rigveda I, 23. 

Die Wasser (Apas) geh'n auf ihrem Pfad, . 

Verschwistert sie den Opfernden, 

Mit Honig mischend ihre Milch. 

Die Wasser bei der Sonne dort, 

Bei denen auch die Sonne weilt, 

Sie seien unserm Opfer hold. i 

Die Wasser, unsrer Kühe Trank, 

Kuf' ich herbei, die Göttinnen, 

Den Strömen will ich Opfer weih'n. 

In den Wassern ist Amrita, in den Wassern Heilkraft, 

Die Wasser zu verherrlichen, 

Seid, ihr Priester, schnell zur Hand. 

In den Wassern, sagte Soma mir, 

Sind alle Heilmittel im Verein 

Und Agni, der das All erquickt. 

O Wasser, gießt der Krankheit Heilkraft 

Verscheuchend auch auf meinen Körper, 

Daß ich noch die Sonne schau*. 

(Nach Graßmann.) 

Der Unsterblichkeitsquell heißt bei den Indern Amrita, und 
die Götter trinken aus ihm auf dem Berge Meru, welcher auf 
folgende Weise entstanden sein soll. Götter und Riesen trugen 
«einst den Berg Mandar in das Milchmeer, wickelten die Schlange 
Ananden um ihn und drehten ihn so lange im Wirbel herum, 
bis die Milch des Meeres zu Butter gerann. Aus dieser gingen 
der Mond, das Glück, der Überfluß und die Wissenschaften 
hervor. Zuletzt erschien ein Genius, Namens Danawandi, mit 
einem kostbaren Gefäße, welches den ewiges Leben wirkenden 
Amritatrank enthielt. Um ihn entstand ein gewaltiger Streit 
zwischen den Göttern und Riesen, die einen wie die andern 
wollten ihn haben, doch jene bezwangen diese und stürzten sie 
den Berg hinunter in den Abgrund. Im alleinigen Besitze des 
Trankes genießen die Götter ihn fortan auf dem Berge Meru in 
ungestörter Ruhe. 

Dieser Mythus ist von den einen im astronomischen Sinne 
dahin gedeutet worden, daß der im Milchmeer sich drehende 
Berg Mandar die im Luftmeer sich um ihre Axe bewegende Erde 
und die Schlange Ananden den Äquator vorstelle. Andere da- 
gegen denken an gewaltige Erdrevolutionen, auf welche eine 
Zeit glückseliger Kulturentwickelung folgte. 



1 



ä 



74 Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. U24 

Um vieles einfacher gestaltet sich der Mythus, wenn er auf 
das Gewitter bezogen wird. Das Milchmeer ist der Wolkenhimmel,, 
der Berg Mandar die Gewitterwolke, durch die das ganze Wolken- 
meer sein segenbringendes Naß der Erde spendet und alles be- 
lebt und erquickt. Der Götterberg Meru wird dann zu der aus 
dem Gewitterkampfe hervorgegangenen einzelnen lichten Wolke,, 
aus der die Götter den belebenden Trank schöpfen. 

Von dem Amritatrank aber muß sicher noch der Somatrank 
unterschieden werden, den die Gottheit Trita in einem Brunnen 
zur Erhaltung der Unsterblichkeit bereitet. Max Müller (Vor- 
lesungen, Serie II, Deutsche Übersetzung, S. 453) und v. Hahn 
(Sagwissenschaftliche Studien S. 121 f.) sehen in dem Soma 
der Inder das den Himmelsraum erfüllende weiße und gelblich 
weiße Lichtwasser. 

Im altpersischen Mythenkreise liegt die Quelle des Lebens, 
gegen Osten in einem unbekannten dunklen Lande, oder zwischen 
Abend und Mittag gegenüber dem Throne des Iblis (Teufels) und 
heißt Ab-Zendeghian. Wer aus ihr trinkt, wird unsterblich und 
bleibt ewig jung. Andere lebenspendende Quellen des himm- 
lischen Paradieses sind Arduisur und Selsebil. Jene gehört mit 
zu den vier Quellen auf dem Berge Alborsch, von denen die Be- 
wässerung der Erde ausgeht. An ihr wächst der heihge Hom,. 
der Baum der Unsterblichkeit. Vergl. Windischmann, Zoroastrische 
Studien, Berlin 1863, S. 171 ff. Mit dieser vergleicht der große 
persische Lyriker Hafis die Lippen des Gehebten. 

O du, mit Wangen, schön wie Eden, 
Und Lippen gleich dem Selsebil. 
Der Selsebil setzt dir zu Liebe 
So Herz und Seele auf das Spiel. 
Der junge Flaum um deine Lippe, 
Gehüllt in grünliches Gewand, 
Ist einer Schar von Ämsen ähnlich 
Rings um des Selsebiles Rand. 

(S. Rosenzweig-Schwanau, Der Divan des Hafis II, Nr. 3. 
S. 189.) 

Im Alten Testament finden sich nur Andeutungen vom Lebens- 
wasser. In der Paradieserzählung Beziehungen zu ihm sehen 
zu wollen, sei es in dem Gen. 2, 6 von der Erde aufsteigenden 
Nebel ('ed), der die ganze Oberfläche des Erdbodens tränkt, oder 
in dem 2, 10 von Eden ausgehenden Strome, welcher den (harten 
bewässert, erscheint uns gesucht. — Anders steht es dagegen 
mit der Schilderung der Tempelquelle Ezech. 47, 1—12, wo- 
sicher dem Propheten Erinnerungen an babylonische Tempel- 
heiligtümer vor der Seele stehen. Er schaut, wie unter der 
Schwelle des Hauses Wasser hervorkam, das unterhalb der süd- 



125] Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. 75 

liehen Seitenwand des Tempels, südlich vom Altar, hinabfloß. 
Ein Mann führte ihn durch das Wasser, er konnte es aber nicht 
durchschreiten, weil es zum Flusse geworden war. Das Wasser 
machte alles andere Wasser, durch das es kam, gesund und 
an seinen Ufern wuchsen wunderbare Bäume mit gesundmachenden 
Früchten. Auf dieselbe Vorstellung weist Sach. 14, 8 hin, wo 
in messianischer Zeit von Jerusalem aus sich lebendige Wasser 
ergießen werden. 

Nach den sibyllinischen Orakeln erhalten die für das Paradies 
bestimmten Frommen vom Himmel herab lieblichen Trank süßen 
Honigs. 

In der jüdischen Sage wirkt der mysteriöse Brunnen der 
Mirjam belebend und wundertätig. Die Israeliten erhielten ihn 
auf ihrem Durchzuge durch die Wüste wegen der Tugend der 
Mirjam, der Schwester Moses. Nach ihrem Tode wurde er ihnen 
aber wieder entzogen und ruht im See Tiberias versenkt, wo er 
nur dann und wann heraufsteigt und seine wundertätige Wirkung 
auf die im See Badenden ausübt. Der babyl^ Talmud erzählt Tr. 
Tha^nit 9 a. Einmal ging ein ilussätziger nach Tiberias hinab, um 
sich in dem See zu baden, da fügte es sich, daß der Brunnen der 
Mirjam aufstieg, und er wurde dadurch gesund. Im Midrasch 
Koheleth zu Kap. 5, 9 vergl. Midrasch Wajikra r. Par. 22 wird 
die Frage, wo sich der Brunnen der Mirjam befinde, nach 
einer Ansicht dahin beantwortet: Wer den Berg Jeschimon be- 
steigt, sieht im See Tiberias etwas wie ein kleines Sieb. Das 
ist der Brunnen der Mirjam. Nach einer anderen Ansicht befindet 
er sich gerade gegenüber dem mittleren Tore der alten Synagoge 
von Serongin. S. Jerusch. Kil. IX, 32 d g. E. 

Öfter als im Alten begegnen wir im Neuen Testament der 
Vorstellung vom Wasser des Lebens. Wie die Selbstbezeichnung 
Jesu als „das Brot des Lebens" (Joh. 6, 35) an die unsterblich 
machende Frucht des Lebensbaumes im Paradiese erinnert, so 
hat nach unserem Dafürhalten das im ersten Teile des Ge- 
sprächs Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen vorkom- 
mende lebendige oder lebenspendende Wasser den alten Mythus 
von der Quelle des Lebenswassers zur notwendigen Voraus- 
setzung*). Obwohl das Weib keine rechte Vorstellung von dem 
lebendigen Wasser Jesu hat, auch nicht begreift, woher er das- 
selbe hernehmen will, da er keinen Schöpfeimer besitzt und der 
Brunnen tief ist, so bekommt das Gespräch durch die geschickte 

*) Sicher ist das griechische hydor z6n hebräisch nicht mit 
majim chajjim, lebendiges Wasser, sondern vielmehr mit me chaj jim 
W^asser des Lebens zu übersetzen. Majim chajim, das bloß fließen- 
des, in steter Bewegung treibendes Wasser im Gegenteil zu still 
stehendem, ruhigem Wasser bedeutet, paßt nicht in den Zu- 
sammenhang. 



76 Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. [i2ß 

Dialektik des Redners doch eine solche Wendung, daß in ihrem 
Herzen das Verlangen nach dem Wasser erweckt wird und sie 
in die bittenden Worte ausbricht: „Herr, gib mir dieses Wasser, 
damit ich keinen Durst bekomme, noch hierher zu gehen brauche, 
um zu schöpfen** (Job. 4, 15). Da Jesus merkt, daß er auf die 
begonnene Weise mit der Frau nicht zum Ziele kommt, indem 
sie an der sinnlichen Vorstellung vom lebendigen Wasser haften 
bleibt, bricht er plötzlich das Gespräch ab und nimmt einen neuen 
Anfang. 

In verwandtschaftlichem Zusammenhange mit dem babylo- 
nischen Vorstellungskreise stehen die Aussprüche über das Wasser 
des Lebens in der Apokalypse. Johannes schaut 22, 1 den Strom 
des Lebenswassers glänzend wie Kristall, hervorkommend aus 
dem Throne Gottes und des Lammes mitten in der Gasse der 
heiligen Stadt. C. 7, 17 leitet das Lamm die Seligen zu den 
Wasserquellen des Lebens und 21, 6 vergl. 22, 17 will der auf 
dem Throne Sitzende, der sich das Alpha und das 0, den Anfang 
und das Ende nennt, den Dürstenden umsonst von der Quelle des 
Lebenswassers geben. 

Nach den mythologischen Vorstellungen der Griechen gelten 
Ambrosia und Nektar als der Trank, durch den sich die Götter 
unsterblich und jugendlich und frisch erhalten. Als Zeus sich 
^ mit Hera verheiratet, schoß im Hesperidengarten im fernen Westen 
' auf einem Eiland nicht nur ein Baum mit den Unsterblichkeits- 
äpfeln auf, "sondern es entsprang auch der Ambrosiaquell mit 
/ dem Unsterblichkeitstranke. Homer zwar betrachtet Ambrosia 
;' für die Speise und Nektar für den Trank der Götter. Wild- 
i---^ tauben müssen durch die Flankten (Irrfelsen) hindurchfliegen, 
um dem Zeus die Ambrosia zu bringen (Odyssee 10, 59 ff.), 
oder es schaffen die Plejaden, eine Art Nymphen, dem Zeus die 
Speise aus dem Sitze der Seligen vom Okeanos herbei. Jedoch 
nach anderen Zeugnissen ist Ambrosia eine Flüssigkeit, die in 
Bächen vor dem Schlafgemach des Zeus vorbeifließt. 

So sehnt sich der Chor im Hippolytos des Euripides V, 
735 ff. nach den Wonnegärten des Elysiums: 

„Da der Atlas den Himmel trägt, 
Und ambrosische Bäche wallen 
Beim bräutlichen Lager Kronions." 

Nicht minder kennt der keltische Mvthus, wie H. Zimmer 
in seinem Aufsatze: Keltische Beiträge II (s. Zeitschrift für 
deutsches Altertum Bd. XXXHI [1889] S. 257 ff.) ausgeführt, ein 
im Westen gelegenes Land, in welchem die seligen Wesen sich 
nicht nur an den Früchten wunderbarer Äpfelbäume mit silber- 
weißen Zweigen laben, sondern sich auch an süßen Wasserströmen, 
die kostbaren Meth und Wein spenden, bei ihren ewig dauernden 
Wettspielfesten ergötzen.';' 



127] Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. 77 

In der hellenistischen Literatur haben wir in der Bearbeitung 
des Alexanderromans durch Pseudo-Kallisthenes, dessen Anfänge 
bis in die Zeiten der Herrschaft der Ptolemäer hinaufreichen, 
eine Episode, welche von Alexanders Zuge nach dem Lebens- 
quell handelt. Dieselbe ist dann zu den Arabern und Persem 
übergegangen, und wir begegnen ihr nicht nur in der Welt- 
chronik des Tabari und bei Thaälabi in den Geschichten des 

Propheten, sondern auch im Schähnäme des Firdusi, im Iskander- 
näme des Nizämi und in einem persischen Prosaromane. *) Wieder- 
holte Anspielungen auf die Episode finden sich bei Hafis (s. 
V. Rosenzweig-Schwanau, der Diwan des Hafis II, S. 3; I, S. 573), 
Dschelal-ed-din Rumi und anderen Dichtern. Im persischen Hel- 
denpos Schähnäme des Firdüsi (+ 1030) spricht Alexander zu 
Chidher, seinem Begleiter : „Wenn wir das Lebenswasser in unsre 
Grewalt bringen, so wollen wir dort lange weilen, um ihm V^erehrung 
zu erweisen. Niemand stirbt, der seine Seele wohl nährt und auf 
verständige Weise bei Gott seine Zuflucht sucht. Ich habe hier 
zwei Siegelringe bei mir, die gleich der Sonne die finstere Nacht 
durchstrahlen, sobald sie Wasser erblicken. Einen davon nimm 
du, gehe voran und gib wohl acht auf deine Seele und deinen 
Körper. Der andere wird mir als Leuchte des Weges dienen, 
und so will ich mit dem Heer in die Finsternis hineinziehen. 
Wir werden ja sehen, was der all waltende Weltenherr auf Erden 
augenscheinlich verborgen hält. Du gehst als Führer voran, du, 
der meine Zuflucht bildet und mir das Wasser und den Weg 
zeigen wird." Nachdem sie zwei Tage und zwei Nächte dahin- 
gezogen, ohne etwas zu essen, da erschienen am dritten mitten 
in der Finsterniß zwei Wege, und nun verirrte sich der König 
von Chidher. Letzterer erreichte wirklich den Lebensquell und 
„er. wusch in jenem leuchtenden Naß sich Leib und Haupt und 
suchte keinen außer den heiligen Gott zu seinem Schützer; er 
genoß davon, ruhte aus und kehrte dann um; und seine Dank- 
sagung (gegen Gott) vermehrte er noch durch Lobpreis**. Während 
Chidher durch sein Trinken aus dem Lebensquell und durch 
Ablutionen darin die Unsterblichkeit erlangte, blieb diese dem 
Alexander versagt. 

Eine wesentlich andere Rolle spielt Chidher in den Alexan- 
derbuche (Iskendernäme) des persischen Dichters Nizämi aus 
Gendsch (f 1180). Derselbe bringt sogar vier Berichte über 
Alexanders Zug nach dem Lebensquell, von denen der erste, 
der ausgeführteste und wichtigste, nach des Dichters eigener 
Angabe auf altpersische Überlieferung zurückgehen soll. Chidher 
erscheint bei Nizämi als ein in die Tiefen süfischer Weisheit 



*) Vergl. W. Hertz, Aristoteles in den Alexander-Dichtungen 
des Mittelalters. Abhandlungen der K. b. Akademie der Wissen- 
schaften XIX. Bd., 1. Abt. 1890, S. 33 f. 



r 



78 Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. [i28 

eingeweihter Meister und Alexander ist sein Schüler, der von 
ihm unterrichtet wird. Weil der Lehrer tiefer in der süfischen 
Kontemplation steht, wird er deshalb auch gewürdigt, das Wasser 
des Lebens zu finden und davon zu trinken. Ausgerüstet mit 
einem kostbaren Juwel, den ihm Alexander übergehen, und der 
die wunderbare Eigenschaft besitzt, hell aufzustrahlen, wenn ein 
Quell sich in der Nähe zeigte, unternimmt Chidher die Reise 
auf einem weißen, schnellen Roß. Der König spricht zu ihm: 

„Überall auf diesem Wege hier 
Führst du allein uns an und keiner außer dir! 
Kundschaftend sprenge du nach jeder Richtung hin 
Und öffne wohl dein Aug' und klug verständigen Sinn. 
Und wo der Lebensquell aufstrahlt, sagt ohne Fehl 
Es dir in Wahrheit an der leuchtende Juwel. 
Dann trink*, und winkt beim Trunk ein lichter Glücks strahl dir, 
Auf daß auch meine Gunst dir werde, künd' es mir." 



Mit verschiedenen Dingen wird der herrliche Quell verglichen. 
Er glänzt wie lauteres Silber, wie das Sternenlicht am frühen 
Morgen, wie das in Morgenrot verwandelte nächtliche Dunkel, ja 
sein Glanz ist heller als der in finstrer Nacht strahlende Mond. 
Dabei ist das Wasser keinen Augenblick still, sondern dem Queck- 
silber gleich stets in Bewegung. Chidher legte sofort seine Kleider 
ab, stieg in das Wasser und wusch sich den Leib und das 
Haupt, dann trank er in mächtigen Zügen und errang damit ein 
Recht auf ewiges Leben. Bis zur Ankunft Alexanders blieb er 
bei der Quelle stehen, den Blick unverwandt auf dieselbe ge- 
heftet. Allein in dem Augenblick, als er zu Alexander sprach: 
„Siehe, hier ist der Quell !** entschwand er seinem Blick. • So 
blieb Alexander die Quelle verschlossen, und sein sehnlichster 
Wunsch, unsterblich auf Erden zu werden, ging nicht in Er- 
füllung. 

Nach der zweiten Darstellung Nizämis, in der der Dichter 
angeblich griechischer Überlieferung folgt, zeigt Elias dem Chidher 
den Weg nach dem Lebensquell. Wir haben hier einen deutlichen 
Beweis, daß auch Elias als Hüter des Lebensquells vorgestellt 
wird. Als Beide an ein Wasser kommen, wollen sie sich durch 
Speise und Trank stärken. Ein gedörrter und wohlgesalzener 
Fisch, den sie als Wegzehrung mitgenommen, soll die Zukost 
zum Brote bilden. Um diesen schmackhaft zu machen, hält einer, 
es ist nicht deutlich zu ersehen, ob es Elias oder Chidher ist, 
ihn ins Wasser, doch da geschieht ein Wunder. Der Fisch 
wird im Wasser plötzlich lebendig und entgleitet der Hand, 
und es kostet Mühe, ihn wieder einzufangen. Jetzt wissen sie, 
daß sie sich an der Quelle des Lebenswassers befinden und sie 



129] Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. 79 

schlürfen das kostbare Naß.*) Da nach späterer Vorstellung 
man sich den Unsterbhchkeitsquell im Paradies dachte, so wurde 
Elias als Wächter desselben zugleich das Ideal der Anhänger 
des Islam. Als solchen preisen ihn die Worte eines türkischen 
Dichters: „Hüte dich wohl, zu glauben, daß die Erde dein 
Aufenthaltsort sei. Deine wahre Wohnung ist keine andere als 
der Himmel, Strenge alle deine Kräfte an, damit du durch deine 
Tugend dahin gelingen mögest, wo Elias ist; denn in diesem 
erhabenen Garten ist dir dein Ort angewiesen." Über den dritten 
Bericht Nizämis können wir hinweggehen, da Chidher in ihm 
nicht erwähnt wird, dagegen müssen wir des vierten gedenken. 
Dem Alexander wird nach diesem im Lande der Finsternis nicht 
das Wasser des Lebens zuteil, sondern er erhält von Serosch, 
dem Engel, der die göttlichen Botschaften den Menschen ver- 
mittelt, einen kleinen Stein. Als er bei seiner Rückkehr dessen 
Schwere auf der Wagschale erprobt, findet er, daß selbst hundert 
andere Steine dem Gewicht des winzigen nicht gleichkommen. 
Da erteilt ihm Chidher den Rat, eine kleine Hand voll Staub 
zu nehmen, sie werde den Stein aufwiegen. Wie Chidher gesagt, 
so geschieht es. Alexander erkennt daraus, daß seine Herrsch- 
suchtsgelüste nicht eher Befriedigung linden werden, bis er selbst 
zu Staub geworden sein wird. 

Als Niederschlag, gewissermaßen als das Ergebnis der ver- 
schiedenen morgeriländischen Auffassungen' der gedachten Episode, 
geben wir in folgendem Surüris Darstellung in seinem Kom- 
mentare zu Sadis Gulistan. 

Nachdem der Verfasser eingehend die Genealogie des Königs 
von Rum**) erörtert und alle Ansichten über dessen Beinamen: 
Dsulkarnein, der Zweigehörnte, beigebracht hat, schildert er die 
zahlreichen von ihm unternommenen Eroberungszüge. Nach der 
Unterwerfung Persiens wendet er sich nach den Ländern des 
Ostens, wo die Sonne aufgeht. El Chidher und Aristoteles sind 
seine Begleiter, ersterer befehligt den Vortrab des Heeres, Aristo- 
teles weilt als Ratgeber an seiner Seite. Als er zur Abwehr 
der Einfälle der Völker Gog und Magog eine hohe Mauer errichtet 
hat, sprach er: „Es ist kein Land mehr übrig, in das ich nicht 
gekommen wäre, außer dem Lande der Finsternis, wo man mir 
gesagt hat, daß sich die Quelle des Lebenswassers befindet.***) 

*) Vergl. über beide Darstellungen H. Ethe, Alexanders Zug 
zum Lebensquelf im Land der Finsternis in den Sitzungsberichten 
der philosophisch-philologischen Klasse der k. bayerischen Aka- 
demie 1871. 

**) Unter Rum verstehen die Araber das oströmische Reich 
in seiner ranzen Ausdehnung. 

***) Auf einem Versehen des Propheten beruht es, daß nach 
moslemischer Sage auch Mose die Welt nach allen vier Himmels- 
gegenden durchreist. Zehn Jahre allein zog er nach Norden, 



80 Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. [i3o 

Und er wandte sich nach den Gegenden, die gegen den Nordpol 
liegen, bis er sich jener Finsternis nahte. Da sprach er zu seinem 
Lehrer und zu den Gelehrten, die ihn begleiteten : „Ich will in diese 
Finsternis einziehen." Sie erwiderten: „0 König, die Propheten 
und Könige, die vor dir gewesen, sind nicht in dieselbe eingetreten, 
wir fürchten, es möchte dir etwas Unangenehmes widerfahren.** 
Er beharrte aber auf seinem Entschlüsse hineinzugehen und 
fragte hierauf die Gelehrten: „Welches von den Tieren hat das 
schärfste Gesicht?** Sie antworteten: „Das Pferd.** „Und welches 
Pferd,** fragte er weiter, „sieht am besten?** Sie antworteten: 
„Die junge braune Stute.** Da schied er aus den braunen Pferden 
6000 weibliche Füllen aus und wählte 6000 Männer von Verstand 
und Erfahrung und setzte über jedes Tausend einen von den 
Weisen zum Anführer und stellte El Chidher an die Spitze 
von 2000, welche den Vortrab bildeten. Dann befahl er dem 
übrigen Heere, sie sollten da bleiben, wo sie wären, und sich 
Wohnungen bauen und sich nicht entfernen, bis er zu ihnen 
zurückgekommen wäre. El Chidher sprach zu ihm: „0 König, 
wenn wir nun in die Finsternis hineingegangen sind, so wird 
keiner den anderen sehen, was sollen wir dann machen, wenn 
wir uns verirren?** Da gab er ihm ein rotes Amulet und sagte: 
„Wenn ihr euch verirrt, so wirf dieses Amulet auf die Erde: 
wenn du es hinwirfst, wird es klingen, so geht dann ihm nach.** 
El Chidher zog nun vor ihm her, bis er an das Tal gelangte, 
wo die Quelle war. Da roch er einen starken Geruch, und 
er dachte, die Quelle möchte in diesem Tale sein. Er warf 
daher das Amulet in das Tal und es klang. El Chidher stieg 
sofort vom Pferde und fand die Quelle, und es war ein weißes 
Wasser, weißer als Milch und süßer als Honig und wohlriechender 
als Moschus, und er trank daraus und wusch sich und bestieg 
wieder sein Pferd und erreichte seine Gefährten; aber der Zwei- 
gehörnte fand das Tal und die Quelle nicht. Beim Herausgehen 
kamen sie an einem Tale vorbei, in welchem rote Rubinsteine 
und grüne Smaragdsteine lagen, und er sagte zu ihnen: „Nehmt 
davon.'* Einige nahmen etwas davon, andere nahmen nichts; 
als sie aber aus der Finsternis herauskamen, fanden sie, daß 



weder die Wildheit dieses Himmelsstriches, noch die Kauheit des 
Klimas fürchtend. Nachdem er auch diese Gegend nach allen 
Kichtungen durchstreift hatte, gelangte er an eine große eiserne 
Mauer, die Alexander, der Zweigehörnte, errichtet, um die Be- 
wohner der Gegend gegen die Einfälle der räuberischen Völker 
Jadschudsch und Madschudsch zu schützen. Erst nachdem er 
diese aus einem Stücke gegossene Mauer bewundert und Gottes 
Allmacht gepriesen, trat er nach 40 jähriger Wanderung den Kück- 
weg nach der arabischen Wüste an. S. Weils bibl. Legenden der 
Muselmänner S. 181. 



131] Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. 81 

das, was sie genommen hatten, Edelsteine waren, und es reute 
die, welche nichts genommen, und die, welche genommen, daß 
sie nicht noch mehr genommen hatten. Die Dauer ihrer Wande- 
rung in der Finsternis war 40 Tage, nach anderen noch mehr." 
S. Graf, Anmerkung zu Sadis Rosengarten S. 264 ff. 

Nach Surüri liegt die Quelle des Lebenswassers in den Gegen- 
den am Nordpol. Die wichtigste Abweichung der Darstellung bei 
Surüri von den anderen moslemischen Überlieferungen besteht 
darin, daß Chidher den Weg nach dem Lebensquell Jtennt und 
dem Alexander als Wegweiser dient, während er sonst mit den 
Wegverhältnissen durchaus nicht vertraut ist, obwohl er an der 
Spitze des Vortrabs des Heeres steht. 

Mit wesentlich neuen Zügen ausgestattet erscheint der Zug 
Alexanders nach dem Lebensquell in einem persischen Prosa- 
roman. Von Chidher ist da keine Rede, sondern an seine Stelle 
tritt Elias. Der Sachverhalt ist dieser. Alexander hat durch 
Leute eines Schiffes Kunde von einem Doppelgänger bekommen, 
der sich ebenfalls zahlreiche Völker unterworfen und sie zu 
einem großen Reiche verschmolzen hat. Flugs erwacht in ihm 
die Begierde, diesem beizukommen und ihn zu unterwerfen. Sein 
Lehrer Aristoteles warnt ihn vor dem Unternehmen und zeigt 
ihm durch den Propheten Elias in seinem Zauberspiegel*) die 
großen Eroberer der Vor- und Nachwelt, die ihm ihre Schick- 
säle erzählen und die Nichtigkeit aller irdischen Größe predigen. 
Doch Alexander läßt sich dadurch nicht zurückhalten, sondern 
ist der Ansicht, daß der, welcher wirklich etwas großes voll- 
bringen wolle, die Sterblichkeit ablegen müsse. Zu diesem Zwecke 
zieht er in das Land der Finsternis, um den von Elias ihm 
verheißenen Lebensquell aufzusuchen. Mit einem Heere dringt 
er, begleitet von Aristoteles, tagelang mit kühnem Mute und 
unter großer Anstrengung vorwärts, bis sich der Weg plötzlich 
in zwei Wege teilt, in einen breiten und in einen schmalen. Alexan- 
der schlägt mit seiner Mannschaft den breiten Weg ein, während 
Aristoteles ganz allein mit einer Lampe den schmalen wählt. 
Er findet den Lebensquell und schöpft aus ihm eine Schale Wassers 
für seinen König; er selbst trinkt nicht, sondern hält es für 
hinreichend, seinen Leib mit dem Wasser zu besprengen. Nach 
unsäglichen Mühen und Anstrengungen kommt Alexander zu der 
Erkenntnis, den Weg zum Quell des Lebens verfehlt zu haben; 
es überfällt ihn ein hitziges Fieber und er ist bald eine Leiche. 

*) Der Zauberspiegel Alexanders, der zu den sieben Reichs - 
kleinodien gehört, besaß die Eigenschaft, daß sein Inhaber alles, 
was im Himmel und auf Erden verborgen war, sehen konnte. Zu 
seiner Erlangung unternahmen die alten Könige Persiens Züge 
in das fabelhafte Gebirge Kaf am Erdrande und bestanden viele 
Abenteuer mit Dämonen. 

Ex Oriente lux 1-/3. 6 



82 Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. [i32 

2u spät kommt Aristoles mit dem Lebenswasser, er kann nur 
noch den toten Körper seines Königs damit besprengen. Aber 
schon das reicht hin, den Namen Alexanders bei der Nachwelt 
unsterblich zu machen, wie er selbst durch die Besprengung 
seines Leibes ein unverwischliches Andenken sich bereitet hat. 
Nach dem arabischen Greschichtsschreiber Tabari war Chidher 

der Anführer des Vortrabs Dsulkarnains des Älteren, der zur Zeit 
Abrahams, des Freundes Gottes, lebte. (S. Flügel in der Zeit- 
schrift der DMG Bd. IX, S. 795.) Diese Ansicht teilen auch 
andere orientalische Geschichtschreiber. Man nimmt an, daß es 
einen alten persischen König Namens Iskander Dsulkarnain ge- 
geben habe, der große Eroberungszüge unternahm, sich viele 
Völker unterwarf und ein großes mächtiges Reich gründete. Da 
nun die Taten Alexanders des Makedoniers den Unternehmungen 
jenes Persers in vielen Stücken glichen, so kam es, daß bei der 
unkritischen Richtung der Zeit beide miteinander verwechselt 
und viele Züge des alten persischen Helden auf den jüngeren 
makedonischen übertragen wurden. 

Bei persischen Dichtern kommen auch sonst noch zahlreiche 
Anspielungen auf das Wasser des Lebens vor. So heißt es in 
dem mystischen Epos: Schah wa-Guda: „Wenn nachts aus der 
Finsternis das Haupt empor der Mond hebt, so ist das gerade 
so, als wenn aus der Finsternis heraus das Lebenswasser er- 
scheint." (Vergl. Eth6, Alexanders Zug zum Lebensquell im 
Land der Finsternis. S. 362.) 

Der Dichter Hafis sagt in einem seiner Lieder: 

„Fernehin aufsuchte des Lebens Quell 
Alexander — er hat ihn nicht gekostet; 
Wir, wir kosten ihn im Vaterland 
Bei der Schenke grauem Guardiane." 

(Daumer, Hafis Nr. 120, S. 138.) 

In einem anderen Liede heißt es : 

„Kein Lebenswasser schenket 
Man einem Iskender: 

Durch Kraft und Gold erreichet 
Man dieses nimmermehr." 

(S. V. Rosenzweig-Scliwanau, Der Diwan des Hafis II, S. 3.) 

In einem Gedichte vergleicht Hafis den grünen Flaum des 
Mundes des Geliebten mit . der grünen, die Wiederverjüngung 
der Natur symbolisierenden Farbe Chidhers und dessen Lippen 
mit dem von ihm gehüteten Lebensquell: 

..Deines Mundes Flaum ist Chiser, 

Und sein Quell dein Lippenpaar." (Das. I, S. 285.) 



133] Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. 83 

Dahin gehört auch der Vergleich: 

„Welch* ein Abstand! Chisers Wasser 
Fließet in des Dunkels Schoß; 

Und der Urquell meines Wassers 

Sind die W^orte : „Gott ist groß I" (Das. I, S. 93.) 

Als eine Anspielung auf das Lebenswasser dürfen auch die 
Worte des Dichters gelten: 

„Gestern Morgens hat man Rettung 
Vor der Trauer mir gebracht, 

Lebenswasser mir gegeben 
In dem Dunkel jener Nacht; 

Mich dem eignen Ich entrissen 
Durch des Wesens Strahlenschein 

Und in heller Eigenschaften 

Glase mir gereicht den Wein." (Das. I, S. 573.) 

In der Schlußstrophe eines Stückes des Nizämischen Alexan- 
derbuches, das nach W. Bacher ursprünglich der Einleitung des 
Werkes einverleibt war, wird Chidhers als Hüter des Lebens- 
quells gedacht. Der Dichter richtet die Apostrophe an sich: 

„Besser ist*s, du schlagest, o Nizämi, 
Chidher gleich dein Zelt am Lebensquell auf. 
Trink dich satt, wie die verborgene Perl' am 
Klaren Trunk, den Madschnun's Liebe bietet!" 

(W. Bacher, Nizämis Leben und Werke und der zweite Teil 
des Nizäml'schen Alexanderbuches S. 39.) 

Wie Chidher gilt aber auch Elias für den Wächter und 
Hüter des Unsterblichkeitsquells. Er wohnt an dem Quell, der 
dicht bei dem Baume der Unsterblichkeit sprudelt und erfreut sich 
der Unsterbhchkeit und ewiger Jugendfrische. Gerade dies Moment 
mag zu der Verschmelzung beider Personen wesentlich beigetragen 
haben. 'Der gewaltige Gottesstreiter Elias war so groß, daß die 
in den Büchern der Könige gezeichnete Gestalt leicht ein Gegen- 
stand volkstümlicher Überlieferung werden konnte. Muhammed 
erhielt sicher durch jüdische Erzähler von Elias (nach arabischer 
Aussprache Iljäsj Kunde und er kommt im Koran zweimal auf 
ihn zu sprechen. In Sure VI, 85 wird er mit Jesus zu den 
Gerechten gezählt, dagegen wird Sure XXXVII, 123 ff. seines 
Kampfes mit dem Volke über den Baalsdienst mit den Worten 
gedacht: „Auch Elias war einer unsrer Gesandten. Er sagte 
zu seinem Volke: Wollt ihr denn nicht Gott fürchten? Warum 
ruft ihr Baal an und vergeßt den herrlichsten Schöpfer? Gott 
ist ja euer Herr und der Herr eurer Väter. Aber sie beschuldigten 

6* 



84 Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. [i34 

ihn des 'Betrugs, daher sie, mit Ausnahme der aufrichtigen Diener 
Gottes, der ewigen Strafe anheimfielen. Ihm aber ließen wir 
noch bei der spätesten Nachwelt den Segen zurück : Friede komme 
über Elias I So belohnen wir die Frommen; denn er war einer 
unsrer gläubigen Diener." 

Nach einer moslemischen Überlieferung bei Buchäri wohnt 
Chidher am Lebensquell. Als Mose sich einst vor mehreren 
vornehmen Israeliten mit seiner Weisheit gebrüstet und behauptet 
hatte, daß niemand gelehrter wäre als er, mißfiel Allah dieses 
prahlerische Benehmen und er sprach zu ihm; Geh an den Ort, 
wo sich die beiden Meere vereinigen, da wirst du meinen frommen 
Diener treffen, der dich an Weisheit übertrifft. Woran werde ich 
ihn erkennen? fragte Mose. Nimm einen Fisch in einem Korbe 
mit, sprach Allah, er wird dir zeigen, wo sich mein treuer Diener 
aufhält. Mose machte sich sofort mit seinem Diener Josua auf 
den Weg, immer den Fisch im Korbe mit sich tragend. Einst legte 
er sich am Ufer des Meeres, ganz ermattet nieder und schlief 
ein. Als er erwachte, war es schon spät und er eilte, um den 
ihm von Allah bezeichneten Ort noch zu erreichen. Josua ver- 
gaß in der Eile den Fisch mitzunehmen und dachte auch nicht 
daran, Mose daran zu erinnern. Erst am nächsten Morgen ver- 
mißten sie den Fisch und wollten daher wieder dahin zurück- 
kehren, wo sie am vorhergehenden Tage geruht hatten. Sobald sie 
aber an das Ufer kamen, sahen' sie einen Fisch ganz aufrecht auf 
der Oberfläche des Wassers dahingleiten, statt wie andere Fische 
liegend im Wasser zu schwimmen, sie erkannten in ihm sofort 
den ihrigen und folgten ihm dem Ufer entlang. Nach einigen 
Stunden tauchte der Fisch plötzhch unter. Sie blieben stehen 
und dachten: Hier muß der gottesfürchtige Mann wohnen, den 
wir suchen. Bald erblickten sie auch eine Höhle, über deren 
Eingang geschrieben war: Im Namen Gottes, des Allbarüiher- 
zigen. Allgnädigen I Sie traten hinein und fanden einen Mann, 
der blühend und kräftig wie ein siebzehnjähriger Jüngling aus- 
sah, aber einen schneeweißen Bart hatte, der bis zu den Füßen 
herabhing. Es war der Prophet Chidher. 

Nach Tabari übernachtete Mose nicht am Meeresufer, son- 

dern an einem Felsen und der Fisch diente ihm nicht allein als 
Wegweiser, sondern zugleich als Wegzehrung und er wurde wieder 
lebendig, weil ihn Josua auf einen Felsen hingelegt hatte, an 
dem eine frische Quelle sprudelte und einige Tropfen ihn be- 
netzten. 

Nach anderer Darstellung wollte Josua den Fisch zum Mahle 
zubereiten und begab sich deshalb zu der Quelle; als der Fisch 
aber ins Wasser kam, entschlüpfte er seiner Hand und er hatte 
Mfihe, ihn wieder einzufangen. Obgleich Josua den Vorgang sehr 
seltsam fand, weckte er Mose doch nicht, weil er seit langem 
an Wunder und außerordentliche Begebenheiten gewöhnt war, er 



135] Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. 85 

vergaß auch bei der Fortsetzung der Reise ihm die Begebenheit 
mitzuteilen. Erst als Mose am andern Morgen Mahlzeit halten 
wollte und nach dem Fische fragte, erzählte ihm Josua, was 
ihm begegnet war. Sie kehrten darauf zu dem Steine wieder 
zurück und fanden Chidher in der Höhle. Vergl. über diese 
Varianten von Hammer-Purgstall, Rosenöl I, S. 116 ff. 

Nach germanischem Götterglauben ruht das Unsterblichkeits- 
wasser in der Unterwelt verborgen. Wir erinnern zunächst an 
den Urdsbrunnen. Derselbe quillt unter einer der drei Wurzeln 
der Weltesche Yggdrasil, Schwäne schwimmen auf ihm, und die 
Nornen, die Schicksalsjungfrauen, sitzen an ihm und schöpfen 
täglich Wasser aus ihm und besprengen damit den Weltenbaum, 
damit er seine Lebenskraft behält und nicht durch die Schlange 
Nidhöggr, welche die Wurzeln benagt, und durch die Ziege Heidrun 
und die vier Hirsche, die das Laubwerk abfressen, verdorrt. 

„Begossen wird die Esche, die Yggdrasil heißt, 
Der geweihte Baum, mit weißem Nebel. 
Davon kommt der Tau, der in die Täler fällt; 
Immergrün steht er über Urds Brunnen." 

(Simrock, Edda S. 260.) 

Das Wasser der Urdsquelle ist so heilig, daß alles durch 
dasselbe verklärt und verjüngt wird. „Alles," so heißt es, „was 
in den Brunnen kommt, wird weiß wie die Haut, die inwendig 
in der Eierschale liegt.** Gerade dieser Zug zeigt, daß das Wasser 
nicht bloß belebende Kraft besitzt, sondern auch auf alles, was 
mit ihm in Berührung kommt, verjüngend wirkt. 

Die naturalistische Deutung des Urdsbrunnens liegt nahe. 
Er stellt das dunstige Himmelsgewässer dar, die auf ihm schwim- 
menden Schwäne sind die schwangestalteten Walküren oder 
Wolkenfrauen, v. Hahn versteht unter dem Urdsbrunnen den 
Mond d. i. die kreisrunde Öffnung, welche der ausgebildete Hof 
des Mondes in die dunstige Himmelsdecke schneidet und dem 
Menschen die Durchsicht nach dem Überhimmel, ,dem altindischen 
Varüna, mit dem weißen oder gelben Lichtwasser gewährt. Nur 

anders gedacht, fällt der Urdsbrunnen mit Odainsakr d. i. dem 
Unsterblichkeitsfelde zusammen, einem Ort im Lande Glaesis- 
vellir (Glanzfeld, Glanzhimmel), worunter sicher das blaue, von 
den Strahlen der Sonne erleuchtete Luftreich zu verstehen ist, 
wo niemand stirbt, jeder Kranke gesund wird, jeder Greis sich 
verjüngt. 

In der deutschen Göttersage besitzt der Brunnen der Hulda 
oder Holda belebende Kraft, in dem sie hinter der Wolke in 
einem schönen blauen Garten die zu ihr emporgestiegenen Seelen 
der Verstorbenen bewahrt, welche sie dann durch das himmlische 
Gewässer erneuert und durch ihre heiligen Tiere, vor allem durch 



86 Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. [136 

den Storch Adebar (d. i. Odem- oder Lebensbringer), oder durch 
das Marienkäferchen als Kinderseelen zu neuer Geburt den ge- 
bärenden Frauen auf die Erde zurücksendet*). Durch Lokali- 
sierung des himmhschen Wolkenbrunnens oder Wolkenberges auf 
die Erde ist die Ammenrede entstanden, daß die neugeborneri 
Kinder aus dem Brunnen geholt oder vom Storche gebracht 
werden. Wir besitzen eine niedersächsische Sage, in der erzählt 
wird, daß Waldminchen (d. i. Waldminne), wahrscheinlich nur 
ein anderer Name für die Göttin Hulda, einmal ein unartiges 
Mädchen in die Berghöhle führte. Hier traf sie mit vielen anderen 
kleinen Mädchen zusammen, lief mit ihnen auf eine Wiese, pflückte 
Blumen und spielte mit ihnen. Da sich aber auch hier das 
kleine Mädchen nicht besser aufführte, so kam es in eine Mühle, 
in der es mit vielen Weibern und Männern nicht nur jung ge- 
mahlen wurde, sondern auch gut geartet daraus hervorging» Vgl. 
Colshorn, Märchen und Sagen S. 92, Nr. 31. 

Die zum Himmel in Huldas Reich emporgestiegenen Seelen 
gestorbener Menschen können aber nicht ohne weiteres wieder 
zurückkehren, sondern müssen erst in ihrem Brunnen erneuert 
werden. Wegen der erneuernden und verjüngenden Kraft hat 
Huldas Brunnen auch den Namen Jungbrunnen erhalten. Scham- 
bach und Müller verzeichnen in ihrem Werke: Niedersächsische 
Sagen und Märchen Nr. 81 S. 59 f. viele Brunnen und Teiche, 
die als Kinderbrunnen gelten, wie den Molkenborn bei Münden, 
den Weeneborn bei Ballenhausen, den Kinderpump bei Senecken- 
rode, den Perborn oder Rischenborn bei Gelliehausen, den Hasel- 
born bei Großen-Lengden, den Klingeborn bei Diemarden, den 
Jühnborn bei Waake, das Heerbörneken (Hirtenbrünnlein) bei 
Rohringen, den Reinhardsbrunnen (Reinsbrunnen) bei Göttingen, 
den Glockensumpf bei Grone, den Gubbekesbrunnen bei Adelebsen, 
den Hasse] brunnen bei Northeim, den Spekeborn bei Moringen, 
den Kapellenborn bei Fredelsloh, den Weingarten bei Hohnstedt, 
den großen Teich bei Vogelbeck, die Böke bei Echte, den Wonne- 
born bei Negenborn, den Hungerbom bei Eber, den Johannis- 
brunnen bei Einbeck, den Hühnerborn bei Kohnsen, das Kaspaul 
bei Kurventhal, den Hilleborn bei Mark-Oldendorf, den Slopborn 
bei Krimmensen, den Ilkenborn bei Sievershausen am Sollinge. 
Im Braunschweigischen gelten der Luhborn bei Greene, der Müh- 
lenbrunnen bei Brunsen, der Tünnekenborn Bartshausen, der 
Vogelborn bei Emen als Kinderbrunnen. 



*) Es ist bezeichnend, daß in vielen indogermanischen und 
semitischen Sprachen die Seelen immer als Lufthauch gedacht 
sind, wie dies die Wörter: Pneuma, Spiritus, anima (von enemos, 
Wind) nephesch, ruach in ihrer etymologischen Bedeutung be- 
weisen. Daher herrscht auch der Glaube, daß die Seelen beim 
Tode des Menschen den Körper verlassen, zum Himmel auf- 
schweben und als Schäfchen an ihm dahinziehen. 



137J Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. 87 

In Odagsen kommen die Mädchen aus dem Tünneken- 
born, die Knaben aus dem Wellenborn. Auch Vardeilsen hat einen 
besonderen Knabenbrunnen „under der steinküle" und nicht weit 
davon einen Mädchenbrunnen in einem Bache. In Holzerode 
kommen die Kinder aus dem Glockenborn und aus dem Ratten- 
stein, einem Felsen mit einer kleinen Höhle. Zufolge einer Sage 
holt eine Wasserjungfer die neugeborenen Kinder aus einer Quelle, 
die sich zwischen der Papiermühle bei Kleinen-Lengden und dem 
Eichenkruge befindet. In den Ilkenborn bei Sievershausen sollen 
die Kinder noch heute Brot, Zwieback und Blumen werfen als 
Gaben für die neugeborenen Kinder, die darin sitzen. Des- 
gleichen ließen früher die Mütter oder Mägde ihre Kinder Kuchen 
oder Zwiebäcke in den Reinhardsbrunnen bei Göttingen werfen 
oder taten es auch selbst. 

Sicher liegt der Vorstellung von dem Heraufholen der Neu- 
gebornen aus Brunnen, Teichen und Bächen auf die Oberwelt 
der Gedanke zu Grunde, daß das vegetative und animalische 
Leben aus der Unterwelt hervorkeimt. 

Der Brunnen der Hulda, aus dem die Kinder geboren werden, 
deckt sich sicher auch mit dem eddischen Brunnakr (Brunnen- 
feld), dem Reiche der Göttin Idhun, die als eine schmerzheilende 
Maid geschildert wird, welche des Götteralters Heilung kennt, 
wie nicht minder mit dem von der Schicksalsjungfrau Urdhr be- 
wachten Brunnen Odhroerir. Daß auch letzterer das Wolken- 
gewässer darstellt, beweist die Mythe von Süttunger, welcher den 
Unsterblichkeitstrank in einen Berg (den Wolkenberg) verschloß, 
Odhin aber befreite ihn, indem er den Riesen mit Hilfe der 
Riesenmaid Gunnlödh überlistete. Vielleicht fällt sogar Mimirs 
Brunnen und der kosmogonische Brunnen Hvergelmir, aus dem 
alles Leben seinen Anfang nimmt, mit Huldas Brunnen zusammen. 

In den Dichtungen des Mittelalters ist uns nur der trojanische 
Krieg des Pfaffen Konrad von Würzburg*) bekannt, in dem von 
einem Wasser der Wiederverjüngung die Rede ist. Dasselbe 
kommt aus dem Paradiese, und es heißt von ihm Vers 10 657 
bis 10 664: 

Ein wazzer vor dem paradis 

teilet in vier ende sich 

an sime urspringe liuterlich, 

daz kam ir euch ze heile. 

von iegelichem teile 

ein wenic bete si genomen. 

ez was mit ir ze lande kernen 

in vazzen lieht von golde rot. 



*) Der trojanische Krieg von Konrad von Würzburg herausgeg. 
von A. Keller, Stuttgart. Litterarischer Verein. 1858. 



S8 Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. i88] 

Mit Hilfe dieses Wassers bereitete Medea den Zaubersaft, durch 
den sie den Vater Jasons wieder ins Leben zurückrief. 

Und dö din salbe in ^rst getraf 
und im diu lider sin durch gienc, 
dö nam der küniq und empfienc 
dar in stn herze blüende jugent. 
er was an kreften und an tugent, 
als er vor drizic jären was. 
geheilet wart er und genas 
von aller siner swaere da. 
sin häx, alsam ein tübe gra, 
daz wart im sam ein side get 
und wart sin runzelehtez vel 
gestrecket unde scöne glat. 
sin munt alsam ein rösenblat 
begunde bluejen unde roten, 
im wart diu snellekeit geboten, 
daz er spranc rehte alsam ein hirz. 

(V. 10 782—10 797*).) 

Schließlich verweisen wir noch auf das finnische National- 
epos Kalewala. In diesem erscheint das Lebenswasser als eine Art 
Honig, der die Kraft besitzt, Tote wieder ins Leben zu rufen. 
Lemminkäinen, der bei der Werbung um die herrliche Tochter 
der Louhi, der Wirtin von Pohja (Nordland), durch die dritte 
ihm gestellte Aufgabe, einen Schwan auf dem Tuonela zu schießen, 
ums Leben gekommen ist und in Stücke zerhauen im Flusse des 
Totenlandes liegt, wird von seiner trauernden Mutter, die seinen 
Tod in der Heimat aus seiner Bürste erfahren, aus der plötzUch 
Blutstropfen rinnen, überall gesucht. Von der Sonne, der nichts 
verborgen bleibt, erfährt sie endlich den Ort, wo er sich be- 
findet. Eiligst begibt sie sich zu dem gepriesenen Schmied II- 
marinen und bittet ihn, ihr einen langen kupfernen Rechen mit 
Eisenzähnen zu schmieden. Mit diesem holt sie die Stücke des 
Leichnams ihres Lieblings nach und nach aus dem Totenflusse, 
fügt sie zusammen, so daß Fleisch mit Fleisch, Knochen mit 
Knochen, Sehne mit Sehne und Ader mit Ader wieder vereint 
werden. Darauf murmelt sie verschiedene Zaubersprüche, und 
der Sohn liegt vor ihr bereits geheilt wie im tiefen Schlummer, 
es fehlt ihm nur noch das Leben und die Sprache. Da entbietet 
sich das leichtbeflügelte Bienchen, ihr von Tapios blühenden 
Feldern und Metsolas Fluren den heilenden Honig zu bringen, um 
ihn auf die Wunden des zerschlagenen Leibes zu streichen. Das 
Bienchen kommt sehr bald zurück mit dem heilenden Saft, und 
freudigen Herzens streicht die Mutter ihn auf den Schlummernden. 
Doch umsonst, seine Lippen regen sich nicht. Nun sendet sie 
das Bienchen zum zweiten Male über neun gewaltige Meere auf 
die honigtriefende Insel Tuuri nach dem köstlichen Safte aus. 



139] Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeutung. 89 

doch auch dieser erweist sich an dem Kranken wirkungslos. 
Hierauf muß das Bienchen über die Wolken bis hinauf zum neunten 
Himmel fliegen, um dort die Wundersalbe zu holen. Die Mutter 
sagt: 

„O du leichtbeflügeltes Bienchen, 
Flieg' zum dritten Male hinaus, 
Schwing dich auf bis über die Wolken, 
Bis zum neunten Himmel hinauf; 
Dort erst findest du reichlich Honig, 
Süßer Tropfen übergenug. 
Die der Ewige einst gesegnet. 
Der allmächtige Gott geweiht; 
Die er selbst auf Wunden gestrichen, 
Seinen Kindern als Heilung bot. 
Tauch* die Flügel in diesen Honig, 
Feuchte den Mund mit diesem Saft, 
Trag' ihn sorglich unter dem Mantel, 
Bring' in deinem Kleid ihn her. 
Daß ich die Wunde damit streiche, 
Den zerschlagenen, kranken Leib!" 

Das Bienchen macht sich abermals auf den Weg, schwebt 
am ersten Tage längs dem Ringe des Mondes und dem Rande 
der goldenen Sonne vorbei, am zweiten Tage gelangt es bis 
zum Rande des Siebengestirns, am dritten Tage endlich fliegt 
es in Jumalas Wohnung, zum Sitze des ewigen Schöpfers, hinauf, 
wo in Geschirr von reinstem Silber und Gold der heilbringende 
Saft bereitet wird. Voll beladen mit ihm kehrt es summend wieder 
zurück. Als die Mutter den Honig selbst zuvor mit der eigenen 
Zunge geprüft und ihn als den wundertätigen Saft aus dem Vor- 
ratshause des Ewigen erkannt hat, bestreicht sie mit ihm leise 

„Den vom Schlaf befangenen Sohn, 
Legte Salbe über die Wunden, 
Träufelte Saft auf jedes Glied; 
Strich nach oben hinauf und unten 
Auch die Mitte salbte sie ein; 
und die Stimme mächtig erhebend. 
Nahm sie also das Wort und sprach: 
Nun erwache, o Sohn, vom Schlummer, 
Auf, erhebe dich aus dem Schlaf, 
Von dem unglückseligen Lager, 
Von dem traurigen Krankenbett!" 

Der Kranke erhebt sich hierauf und erwacht aus seinem Traum. 
Er gewinnt seine frühere Stärke wieder, ja er wird noch schöner 
und herrlicher von Ansehen als zuvor. Beim Erwachen spricht er : 

„Lange hab' ich Armer geschlafen, 
Hab' wohl allzu lange geruht, 
Lag von tiefem Schlummer befangen, 
Hab' schwere Träume geträumt." 



90 Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. [i^ 

Die Mutter läßt sich hierauf von ihrem wieder ins Leben 
zurückgerufenen Sohne berichten, wie er in Tuonelas Strom in 
Manalas Reich geraten sei. (Vergl. Rune 15.) 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch mit dem über den 
Sternen im Hause des Schöpfers bereiteten Wunderhonig nichts 
anderes als das Gewässer des von der Sonne durchstrahlten 
himmlischen Dunstkreises gemeint sein kann. 



2. Das Wasser des Lebens als Zaaberbmnnen in den 

Märehen der Tolker« 

In dem großen Märchenschatze der Völker handeln viele 
Märchen vom Wasser des Lebens, welches die Kraft besitzt, Tote 
ins Leben zurückzuführen und solche, welche nahe am Sterben 
sind, wieder gesund zu machen. 

Die Grundzüge der Märchen sind in der Hauptsache folgende. 
Gewöhnlich handelt es sich um einen König und seine drei Söhne. 
Der König leidet an einer schlimmen Krankheit, von der ihn 
kein Arzt zu heilen vermag. Da wird ihm durch irgendeine Ge- 
legenheit die Kunde, daß er von seinem Siechtum durch das 
Lebenswasser eines fernen Landes befreit werden könne. Aus 
Liebe zu ihrem Vater machen sich die drei Söhne nacheinander 
auf den Weg, das Lebenswasser zu holen. Doch die beiden ältesten 
erliegen den auf dem Wege ihnen begegnenden Versuchungen, 
nur der jüngste ist wegen seiner Standhaftigkeit und Bescheiden- 
heit so glücklich, es zu erhalten. Ein Riese, ein Zwerg, ein alter 
Mann oder eine alte Frau sind ihm zur Auffindung der Wunder- 
quelle behilflich, indem sie ihm guten Rat erteilen und ihm sagen,, 
wie er es anzufangen und wovor er sich in acht zu nehmen habe. 
Hier und da greifen auch dienstbare Tiere, Vierfüßler, Vögel und 
Fische hilfreich ein, indem sie dem Jünglinge genau die örtlich- 
keit des Wassers angeben, oder auch selbst ihn mit Schnelligkeit 
dahin bringen. Die Lebensquelle sprudelt in einem Berge, der sich 
nur zu gewissen Zeiten, gewöhnlich gegen Mittag oder Mitternacht 
von 11 — 12 Uhr öffnet. Im Berge steht in der Regel in einem 
prächtigen Garten ein versunkenes Schloß, das die großen Schätze 
und Kostbarkeiten birgt, durch deren Anblick der Eintretende go- 
biendet wird. In einem Gemache des Schlosses wieder ruht auf 
einem Bett eine Jungfrau von wunderbarer Schönheit, die später 
als Prinzessin hervortritt und den Prinzen, der durch das Schöpfen 
des Lebenswassers sie von ihrem Zauber gelöst hat, zum Gemahle 
heischt. Der Prinz hat nur kurze Zeit bei ihr geruht oder ihr 
einen flüchtigen Kuß auf die Lippen gedrückt. In vielen Fällen 
wird der Eingang zur Quelle von einem Drachen oder einem 
anderen Ungeheuer bewacht, die erst aus dem Wege geräumt 



ui] Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. 91 

werden müssen. Es kostet einen schweren Kampf. Auf dem 
Heimweg trifft der jüngste Königssohn gewöhnlich mit seinen 
älteren Brüdern wieder zusammen, die ihr Leben durch tolle 
Streiche verwirkt haben und die er vom Tode loskauft. Zuweilen 
sind aber die Brüder durch ihre Unbedachtsamkeit in schwarze 
Steine verwandelt worden und liegen am Abhänge des Zauber- 
berges, oder stehen als Marmorsäulen auf demselben, oder sind 
infolge ihres Hochmutes in einen tiefen Abgrund eingeschlossen. 
Auch in diesem Zustande werden sie durch den jüngsten Bruder 
bald durch das geschöpfte Wasser des Lebens, bald auf seine 
Bitten hin wieder ins Leben gerufen. Vereint reisen sie nun mit 
ihrem Bruder nach Hause zum Könige. Unterwegs aber erfaßt 
die beiden Falschen Neid und Mißgunst, weil ihr Bruder allein 
in den Besitz des Lebenswassers gelangt ist und sie sich ver- 
geblich darum gemüht haben. Daher vertauschen sie das Lebens- 
wasser, während der Bruder schläft, mit gewöhnlichem Wasser 
und eilen nun voraus und machen mit dem erbeuteten Trank den 
kranken König gesund, oder sie erscheinen nach der Ankunft 
des Bruders, dessen vertauschtes Wasser den König nur noch 
elender gemacht hat. Dabei raunen sie dem Könige heimlich ins 
Ohr, daß der jüngere Bruder ihn habe vergiften wollen, infolge- 
dessen dieser vom Könige verbannt* oder gar zum Tode verurteilt 
wird. Derselbe lebt nun längere Zeit zurückgezogen und ver- 
kleidet in einer untergeordneten Stellung, bis endlich durch die von 
ihm entzauberte Prinzessin seine Unschuld an den Tag kommt. 
x\n Stelle des Königs tritt in anderen Märchen eine Prinzessin, 
die sich das Lebenswasser zur Vervollständigung ihres Glückes 
wünscht. Ihre beiden Brüder unternehmen aus Liebe zu ihr 
das Wagestück, da sie aber nicht zurückkehren und die Prinzessin 
an gewissen von den Brüdern ihr zurückgelassenen Zeichen 
deren Tod erkennt, so macht sie sich selbst auf den Weg nach 
dem Wasser des Lebens und sie ist so glücklich, es nicht nur 
in ihren Besitz zu bringen, sondern auch ihre verzauberten Brüder 
wiederzugewinnen. Tiere leisten ihr auch dabei wichtige Dienste. 
In einer anderen Gruppe von Märchen wieder, die sicher in ver- 
wandtschaftlichem Zusammenhange steht, verlangt eine Mutter, 
die sich nur krank stellt, nach dem lebenspendenden Wasser. 
Nachdem ihr einziger starker Sohn in einem Schlosse ihr ein 
bequemes Leben bereitet, hat sie sich mit einem Drachen ver- 
mählt und auf dessen Rat hin, weil er sein Leben gefährdet 
sieht, sucht sie den Sohn aus dem Wege zu räumen, indem sie 
ihm schwere Aufgaben stellt. Mit Hilfe einer alten Frau oder 
einer Heiligen, die sich als sein Schutz geist erweist, gewinnt 
er das Wasser des Lebens, die Frau oder die Heilige behält 
aber davon etwas zurück. Schließlich bringt die Mutter den 
Sohn doch noch ums Leben, es wird ihm der Kopf abgeschlagen 
und sein Leib wird zerstückt. Der zerstückelte Körper wird dann 



92 Das Wässer des Lebens als Zauberbrunnen. [1*2 

in einen Sack gesteckt und dem treuen Pferde auf den Rücken 
gebunden, das die Ladung zu der alten Frau oder der Heiligen 
trägt. Diese aber weiß schon, was geschehen ist, sie setzt die 
einzelnen Teile wieder zusammen, begießt sie mit dem zurück- 
behaltenen Lebenswasser, wodurch der Jüngling sofort wieder dem 
Leben zurückgegeben wird. Mitunter sprudeln aber in dem Berge 
zwei, sogar drei Quellen. Neben dem Brunnen mit dem Wasser 
des Lebens steht auch der mit dem Wasser des Todes und der 
mit dem Wasser der Schönheit und Verjüngung. Das Lebens- 
wasser hat dann nur die Kraft, gesund zu machen und Gestorbene 
oder Getötete wieder ins Leben zurückzurufen, sie bleiben aber 
auf der Altersstufe, in der sie gestanden, und bedürfen daher noch 
des Wassers der Schönheit, um wieder ihre frühere Jugend- 
frische und Vollkraft zu erhalten. Ohne Zweifel liegt hier eine 
Spaltung in der Vorstellung vor, und wir haben in dem Schön- 
heitswasser nur eine Abschwächung des ursprünglichen Lebens- 
wassers, das zugleich Leben und Verjüngung wirkt, zu erblicken. 
Daß die ganze Märchengruppe auf mythologische Vorstellungen 
zurückgeht, liegt auf der Hand. 

Nach dieser Darlegung der allgemeinen Grundzüge verzeichnen 
wir die auf das Wasser des Lebens bezüglichen Märchen bei 
den verschiedenen Völkern. Deutsch lesen wir das Märchen bei 
den Brüdern Grimm in den Kinder- und Hausmärchen Nr. 97 
mit zwei Varianten, einer aus Paderborn und einer aus Hannover 
(das. ni, S. 177). Nach ihm liegt ein König krank darnieder, 
alle Medizin vermag ihn nicht wieder herzustellen, nur das Wasser 
des Lebens kann ihm helfen. Die beiden ältesten Söhne, die sich 
aufmachen, den Gesundheit verleihenden Trank zu holen, werden 
aber durch einen Zwerg wegen ihres hochmütigen Betragens in 
eine enge Schlucht eingesperrt, nur der jüngste, der bescheiden 
ist, erfährt von dem Zwerge, wo sich die Lebensquelle befindet. Sie 
quillt in dem Hofe eines verwünschten Schlosses. Um zu ihr zu 
gelangen, gibt ihm der Zwerg eine Rute und zwei Laib Brot 
mit; mit jener soll er dreimal an das eiserne Tor schlagen, 
bis es aufspringe, mit diesem soll er die vor dem Tore lagernden 
Löwen speisen. Das Wasser soll er noch vor 12 Uhr schöpfen, 
sonst schlage das Tor wieder zu und er könne nicht mehr heraus. 
Der Prinz befolgt genau die Ratschläge des Zwerges. Eine Prin- 
zessin, die durch seinen Kuß entzaubert wird, zeigt ihm den 
Weg nach der Quelle. Nachdem er einen Becher aus ihr geschöpft 
hat und wieder aus dem Schlosse tritt, schlägt die Glocke gerade 
zwölf und das Tor kracht so heftig zu, daß ihm noch ein Stück 
von der Ferse abgequetscht wird. Auf der Heimreise vertauschen 
ihm aber seine beiden Brüder, die der Zwerg auf seine Bitte wieder 
losgelassen, während er geschlafen, das Wasser des Lebens mit 
bitterem Meerwasser. Wie er dem Vater das Wasser reicht, und 
dieser etwas davon kostet, wird dieser noch kränker als zuvor. 



1*3] Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. 93 

Bald darauf erscheinen die beiden älteren Brüder mit dem wirk- 
lichen Wasser des Lebens vor dem Vater, dessen Genuß ihn 
ayf einmal umwandelt. Die Krankheit ist verschwunden, und er 
ist stark und gesund wie in seinen jungen Tagen. Da die beiden 
älteren Brüder ihren jüngsten beim Vater anklagen, er habe ihn 
vergiften wollen, so wird das Todesurteil über ihn gesprochen, 
er soll heimlich erschossen werden. Ein Jäger, von Mitleid er- 
griffen, führt aber den Befehl des Königs nicht aus und so bleibt 
der Prinz am Leben. Nach einem Jahre wird der Betrug entdeckt. 
Während die beiden älteren Brüder schon im Begriff stehen, sich 
mit der entzauberten Prinzessin zu vermählen, lenken sie von der 
goldenen, glänzenden Straße zu ihrem Schlosse ab und reiten 
rechts nebenher, weshalb sie zu ihr nicht eingelassen werden, 
nur der jüngste reitet mitten darüber und erhält als der wahre 
Held ihre Hand. — In gleicher Weise unternehmen in der pader- 
bornschen Variante bei Grimm III, S. 177 drei Prinzen die Reise 
nach dem verzauberten Schloß mit dem Lebenswasser, sie hegen 
aber keine feindliche Gesinnung gegeneinander. Durch einen Zwerg 
erhalten sie Kunde von dem Schlosse. Sie können jedoch nur 
in dasselbe gelangen, nachdem ein jeder sich drei Federn von 
einem Falken, der dreimal des Tages geflogen kommt und jedesmal 
eine fallen läßt, erbeutet. Um in den Besitz des Lebenswassers 
zu kommen, müssen sie einen Kampf mit einem siebenköpfigen 
Drachenungeheuer bestehen. Die beiden älteren unterliegen in 
diesem Kampfe und werden in Steine verwandelt, der jüngste 
aber schlägt mit einem Schlage die sieben Köpfe des Drachen 
ab und empfängt dafür das kostbare Wasser; außerdem wird 
ihm noch die Königstochter des Zauberschlosses als Gemahlin 
zuteil. Auf Bitten des jüngsten Prinzen werden aber auch die 
beiden älteren wieder ins Leben zurückgerufen. — In der han- 
noverschen Variante bei Grimm III, S. 177 befindet sich das 
Wasser des Lebens in dem Keller eines Zauberschlosses, das 
nur in der Zeit von 11 — 12 Uhr zu sehen ist, hernach versinkt es 
ins Wasser. Von den drei Prinzen eines Königs gelingt es wieder 
nur dem jüngsten, das Schloß aufzufinden und für den kranken 
König das Wasser zu schöpfen. Die verschiedensten Wesen, 
wie Hasen, Füchse, Winde, werden von einem Riesen, an den sich 
der Prinz gewendet, zu Rate gezogen, um Bescheid zu geben, 
wo das Zauberschloß liege, sie vermögen es aber nicht, nur dem 
Nordwinde ist der Ort bekannt. Dieser erhält den Auftrag, den 
Königssohn dahin zu bringen. Kaum ist der Prinz wieder zum 
Tore hinaus, so verschwindet das Schloß. Die Entzauberung der 
Prinzessin erfolgt mit dem Schöpfen des Lebenswassers. 

Nach einem anderen Grimmschen Märchen Nr. 60 macht mit 
dem Lebenswasser der Wasserpeter nicht nur seine drei Tiere, die 
durch die Haare einer Katze umgekommen sind, wieder lebendig, 
sondern auch seinen Bruder, den Wasserpaul, den er aus Eifer- 



94 Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. ri44 

sucht getötet hat. In einem hessischen Märchen heißen die beiden 
Brüder Johannes und Kaspar Wassersprung, nur wird letzterer, 
der im Kampfe mit einem Drachen das Leben verloren, wieder 
vom Tode erweckt, dessen sich die Ameisen bei ihren ums Leben 
gekommenen Gefährten bedienen. In Linas Märchenbuch von 
A. L. Grimm (S. 191 bis 311) führen die beiden Zwillinge die 
Namen Brunnenhold und Brunnenstark ; bei Pröhle, Kindermärchen 
Nr. 45 heißen sie Glücksvogel und Pechvogel. Einige Abweichungen 
enthält das von Th. Vernaleken in der Germania Bd. XXVII. (XV. 
der neuen Reihe) S. 103 f. mitgeteilte Märchen aus Schrattental 
(Ketzer Kreis in Niederösterreich). Da unternehmen es fünf Söhne, 
ihrem königlichen Vater, der am Siechtum darniederliegt, das 
Wasser des Lebens zu verschaffen, doch nur dem jüngsten von 
ihnen glückt es, dasselbe nach verschiedenen Abenteuern, die 
er als Vogelhirte, Kammerdiener und Stalljunge ausgeführt, durch 
die Hilfe eines Bären zu erhalten. Auf dem Rückwege finden 
ihn seine vier Brüder und nehmen ihm das Wasser des Lebens 
mit noch anderen Schätzen weg und eilen zu ihrem Vater, aber es 
hat sich zu Eis verwandelt und bleibt ohne Wirkung, bis der 
Finder selbst nach Hause kommt. Aus Dankbarkeit übergibt 
der Vater dem treuen Sohn das Reich, das er mit dem Bär, 
der sich, nachdem ihm auf seine Bitte das Haupt abgeschlagen 
worden, ebenfalls in einen Königssohn verwandelt hat, gemein- 
schaftlich regiert, während seine vier anderen Brüder des Landes 
verwiesen werden. Ganz ähnlich ist der Ideengang in dem Mär- 
chen bei C. Schober S. 20 Nt. 5, nur daß es sich hier anstatt 
des Wassers des Lebens um die Frucht des Lebens handelt. 
Der kranke König von England kann nur wieder gesund werden, 
wenn ihm die herrlichen Früchte aus einem Garten in einem 
fremden Lande gebracht werden. Seine drei Söhne sind alle 
bereit sie ihm zu holen. Zuerst macht sich der Älteste auf den 
Weg, er wird aber wegen leichtsinnigen Schuldenmachens ein- 
gesperrt. Ebenso geht es dem zweiten. Der jüngste Bruder end- 
lich erlangt nach Überwindung vieler Mühseligkeiten und Gefahren 
die Früchte. 

Mit verschiedenen Abweichungen erzählt den Vorgang das 
Märchen Nr. 53: Die Erlösung aus dem Zauberschlosse (s. öster- 
reichische Kinder- und Hausmärchen von Th. Vernaleken, 
S. 304 ff.). Auf der Tür der Quelle, die sich in einem großen 
Garten befindet, stehen die Worte: „Die Quelle in diesem Garten 
heilt alle Krankheiten." In dem Schlosse neben dem Garten 
liegt alles verzaubert in tiefem Schlafe, auch die schöne Prin- 
zessin. Ein blind gewordener Graf erfährt eines Tages, daß er 
nur durch das Wasser der Wunderquelle wieder gesund werden 
kann, aber von seinen drei Söhnen, die er danach ausschickt, 
hat nur der Jüngste das Glück, eine Flasche davon zu füllen, 
bei den beiden älteren verschwindet allemal das Wasser in dem 



1^] Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. 95 

Augenblicke, wenn sie das Gefäß hineinstecken. Auf der Rück- 
reise wird der jüngste Bruder von den älteren in einem Walde er- 
mordet, tmd um jede Spur von der Untat zu verwischen, 
machen sie ein Feuer und werfen ihn hinein. Doch da kommen 
die drei dankbaren Tiere, Hirsch, Adler und Schwein, die auf 
ihre Bitten früher einmal von ihm nicht erschossen worden, und 
machen ihn durch allerlei Salben und Kräuter wieder gesund. 
Bald meldet sich die erlöste Prinzessin und fordert den Grafen 
auf, daß derjenige seiner Söhne, der in ihrem Zimmer gewesen 
wäre, auf einem mit Diamanten bestreuten Weg zu ihr komme. 
Es versuchen dies zunächst die beiden älteren, sie werden aber 
von ihr, weil sie vom Wege abbiegen, nicht angenommen, end- 
lich erscheint der jüngste, der bei einem Bauer sich verdingt 
hat, er ist der rechte Held und erhält die Hand der Prinzessin. 

In oft wunderbaren Variationen begegnen wir dem Märchen 
auch bei anderen Völkern. In den Grundzügen stimmt das Märchen 
schon mit dem von Eulampios in seinem Amarantos S. 76 ff. 
mitgeteilten T^ ad-avaro vbqo überein. (S. B. Schmidt, Griechische 
JMärchen, Sagen und Volkslieder, Leipzig, 1877, S. 233.) Das Un- 
sterblichkeitswasser, das ein Königssohn für seinen kranken 
Vater holt, sprudelt hier am Ende der Welt hinter zwei hohen, 
bald auseinandergehenden, bald wieder zusammenschlagenden 
Bergen. 

Im Arabischen kommt das Märchen in dem bekannten Mär- 
chenwerke 1000 Nacht vor unter der Aufschrift: Die beiden 
neidischen Schwestern (bei Weil: 617. — 637. Nacht, bei Habicht 
426. — 436. Nacht). Das belebende Wasser befindet sich hier auf 
einem Berge, der aber nur unter großen Gefahren zu erreichen 
ist und schon manchem das Leben gekostet hat, auch die beiden 
Brüder der Prinzessin, Bahmann und Perwis haben bereits ihr 
Leben verloren, indem sie alle in schwarze Steine verwandelt 
worden sind. Da macht sich die ritterliche Prinzessin selbst auf den 
Weg nach dem Berge. Durch eine von einem Derwisch ihr gegebene 
Kugel*), die vor ihr herrollt, gelangt sie an den Berg und läßt 
sich beim Hinaufsteigen durch das von allen Seiten sie um- 
tönende unsichtbare Spottredengewirr nicht zurückschrecken, hat 
sie sich doch, wie einst Odysseus beim Gesänge der Sirenen, 
die Ohren mit Baumwolle verstopft. Nachdem sie glücklich den 
Gipfel des Berges erreicht hat, bringt sie sich zunächst in den 
Besitz von den drei Wunderdingen, die ihr eine alte Fromme zur 
Vervollständigung ihres Glücks ans Herz gelegt, den sprechenden 
Vogel Bülbülhesar, der die Eigenschaft besitzt, alle Singvögel der 



*) Die Kugel erinnert an den lichtspendenden Stein oder 
das Amulet, das Alexander auf seinem Zuge nach dem Lebens- 
quell im Lande der Finsternis zur Auffindung des Weges dem 
Propheten Chidher oder dem Aristoteles überreicht. 



96 Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. [i4ä 

Umgegend an sich zu locken, den singenden Baum, dessen Blätter 
Zungen und Kehlen sind, und das goldgelbe Wasser, von dem 
man nur einen einzigen Tropfen in ein Becken auszugießen braucht, 
um den schönsten Springbrunnen zu erhalten. Mit Hilfe des 
Wundervogels gewinnt sie dann auch das Wasser in dem Kruge. 
Beim Heruntersteigen des Berges besprengt sie alle schwarzen 
Steine damit und sie werden zu lebendigen Menschen. Als die 
Brüder wieder lebend vor ihr stehen und sie dieselben fragte 
was sie hier am Berge gemacht, antworten sie, daß sie ge- 
schlafen haben. „Ja wohl," versetzt die Prinzessin, „aber ohne 
mich würde euer Schlaf auch fortdauern und hätte vielleicht bis 
zum Tage des Gerichts gewährt." Voller Freude kehren hierauf 
alle nach den Ländern zurück, woher sie gekommen waren. 

In enger Verwandtschaft mit dem orientahschen Märchen 
steht das italienische bei Gi. Francesco Straparola 4, 2, nur 
fehlt hier das lebenspendende Wasser. An Stelle desselben tritt 
aber eine Feder des glänzend grünen Vogels, mittels deren die 
Prinzessin Serena ihre beiden in Marmorsäulen verwandelten 
königlichen Brüder, Acquirino und Fluvio, wieder belebt, indem 
sie mit derselben ihre Augen berührt. Das erwähnte tanzende 
Wasser dagegen ist ebenso wie in dem Märchen in 1001 Nacht 
nur ein kosmetisches Wasser, das der Prinzessin noch größere 
Schönheit verleiht, als sie so wie so schon besitzt. — Ganz in der 
Art wie das Märchen in 1001 Nacht und das bei Straparola ist das 
griechische bei Hahn Nr. 69. Das Lebenswasser ist auf einem 
Berge, der sich gegen Mittag öffnet, und wer schnell genug ist^ 
aus ihm zu schöpfen und wieder herauszukommen, bevor sich 
der Berg schließt, der kann Tote wieder zum Leben erwecken. 
Nachdem zwei Prinzen ihrer Schwester den musikmachenden 
Zweig, sowie einen Zauberspiegel *), in dem sie alle Städte, Dörfer,. 
Länder und Prinzen sehen kann, verschafft hatten, sollen sie ihr 
noch den Dikjeretto holen, der ihr sagt, was die Menschen auf der 
ganzen Welt sprechen, weil er alle Sprachen versteht, die es auf 
der Welt gibt. Als jedoch die Brüder der Blick des Vogels traf,, 
wurden sie sofort zu Stein. An zwei Hemden, die kohlschwarz 
geworden, erkennt die Prinzessin den Untergang ihrer Brüder^ 
sie macht sich daher selbst auf den Weg und es gelingt ihr,, 
sich des Vogels zu bemächtigen; von ihm erfährt sie nicht 
nur, wo ihre Brüder sind, sondern auch den Ort der Quelle des 
Lebenswassers. Wie sie sich aber auch beeilte, es schloß sich 
der Berg so dicht hinter ihr zu, daß ein Stück ihres Kleides ein- 
gezwängt wurde. Die Prinzessin besann sich aber nicht lange,, 
sondern schnitt das Stück mit ihrem Schwerte ab; nun ging sie 
dahin, wo ihre Brüder standen, besprengte sie mit dem Wasser 



*) Dieser Zauberspiegel erinnert nn den Zauberspiegel Alexan- 
ders, der dieselben Eigenschaften besaß. 



147] Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. 97 

des Lebens und sofort wurden sie wieder lebendig und dehnten 
und reckten sich, wie einer, der vom Schlafe erwacht, und riefen : 
„Ach, wie fest haben wir geschlafen und wie leicht sind wir 
aufgewacht I" Darauf besprengte sie alle anderen Königs- und 
Fürstensöhne, welche bereits früher durch den Blick des Wunder- 
vogels versteinert worden waren, und machte sie wieder lebendig. 

Einen ähnlichen Sachverhalt zeigt das Märchen bei J. Zingerle, 
Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland, S. 157 ff. Die 
neidische Schwester, die dem Grafen nach der Einkerkerung 
ihrer Schwester die Wirtschaft führt, verlangt von dem jüngeren 
Sohn des Grafen, er soll ihr drei Dinge schaffen, den Vogel 
Phönix, das Wasser des Lebens und die Wunderblume, damit 
würde er ihr eine große Freude bereiten. Da sie wußte, mit wie 
vielen Gefahren das Herbeischaffen dieser Dinge verbunden war, 
so hoffte sie, daß er dabei zugrunde gehen werde. Das Wasser 
des Lebens befand sich hinter einem stockfinsteren Walde gegen 
Sonnenaufgang in einem Teiche, der von einem Drachen bewacht 
wurde. Ein Fuchs begleitete ihn auf dem Wege dahin. Da dieser 
sich zuerst dem Drachen näherte, so fuhr dieser auf ihn los 
und verfolgte ihn aufs hitzigste; währenddessen aber schlich 
sich der Jüngling zum Teiche, füllte sich den Krug mit Wasser 
und eilte auf der anderen Seite über Stock und Stein davon, bis 
er mit dem Fuchse wieder zusammentraf, der ihn auch wieder aus 
dem Walde leitete. Durch das Lebenswasser wurde der kranke 
Graf wieder gesund und fühlte sich stärker und besser als jemals. 
Am Ende kommt der Betrug an das Tageslicht, der Graf erkennt in 
dem Jünglinge seinen Sohn und spricht über die Rabenschwester 
das Todesurteil aus. Später gesellt sich zum Glück des Grafen 
noch die Wiederkehr seiner schönen Frau, die er als längst ge- 
storben wähnte. Sie war von der Schwester in den Fuchs ver- 
wandelt worden; mit der Tötung des Fuchses durch den Jüngling 
aber war der Zauber gebrochen. 

Verschiedenes Eigenartige hinsichtlich des eigentlichen Grund- 
gedankens enthält das sizilianische Märchen bei Gonzenbach II, 
S. 54 ff. Das Lebenswasser quillt hier in der Unterwelt in einem 
Brunnen eines schönen Gartens und tropft aus ihm als der Schweiß 
der Frau Fata Morgana. Es ist kein lebenspendendes, sondern nur 
ein gesundheitverleihendes Naß. Der Blinde, der damit seine 
Augen wäscht, wird wieder sehend. Als solches tut es die Wirkung 
an einem Könige, der von vielem Weinen um den angeblichen Tod 
seines jüngsten Sohnes blind geworden ist. Mit Hilfe eines Pferdes, 
in dem der Bruder der Fata Morgana verzaubert steckt, gewinnt 
es unter großen Gefahren der jüngste Sohn; die beiden älteren 
Brüder aber rauben es ihm unterwegs und bringen es dem Vater. 
Schließlich aber kommt der wahre Sachverhalt, daß nicht die 
älteren Brüder, sondern der jüngste das Wasser gefunden, an den 
Tag: jene verlieren den Thron, während ihn dieser erhält und 
sich mit der Fata Morgana verheiratet. 

Ex Oriente lux I^/,. 7 



98 Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. [148 

Iii einem griechischen Märchen aus Zakynthos bei B. Schmidt 
S. 123 f. rettet eine Tochter, deren Vater, ein Fischer, dem Teufel 
für große Schätze seine zwei Kinder als Gemahlinnen überlassen, 
durch Besprengung mit dem Lebenswasser aus einer Flasche 
nicht nur ihre versteinerte Schwester, sondern auch alle die 
Frauen, die mit ihr versteinert in einem Zimmer dastanden. Der 
Teufel wohnt in der Unterwelt. Ein Greis am Eingange zeigt ihr 
den Weg zu ihm, der mit großen Gefahren verbunden ist. Die 
Schwester 'war durch eine Ohrfeige des Teufels in Stein verwandelt 
worden, weil sie einen ihr zum Mittagsmahle dargereichten 
Menschenfuß nicht verzehrt, sondern auf den Mist geworfen hatte. 

Nicht mehr in der urspi:jinglichen Form, sondern schon im 
Übergange mit einer anderen Gruppe von Märchen begriffen, 
tritt uns das Lebenswasser in einem magyarischen Märchen: Die 
dankbaren Tiere bei G. v. Gaal S. 175 ff. entgegen. Hier hört 
der von seinen beiden Brüdern schmählich verlassene Ferkö, 
nachdem sie ihn geblendet und obendrein ein Bein gebrochen 
haben, auf einem Hügel mit einem Hochgericht, wie ein Rabe dem 
anderen von einem Teiche in der Nähe erzählt, wer sich darin bade, 
der werde frisch und gesund, wenn er gleichwohl dem Tode im 
Rachen säße; und wer sich die Augen mit dem Taue wüsche, 
und auf den Hügel falle, dessen Gesicht werde so scharf, wie des 
Adlers Augen, wenn er auch blind wäre von Jugend auf. Ferkö 
erhielt durch den Tau das Licht seiner Augen wieder und durch 
das Baden im Teiche fühlte er sich kräftig und gesund. Er nahm 
von dem Wasser ein Krüglein voll mit sich und setzte seine Reise 
fort. Unterwegs heilte er damit einen hinkenden Wolf, eine Maus, 
deren Vorderbeine in einem Fangeisen gebrochen waren und eine 
Bienenkönigin mit einem zerrissenen Flügel. Ferkö kam dann 
in ein fremdes Königreich auf eine Burg und bot dem Könige 
seine Dienste an, wo er mit seinen Brüdern wieder zusammen- 
traf. Diese erschraken über seine Ankunft und wollten ihn aus 
dem Wege räumen. Sie redeten dem Könige ein, er wäre ein 
böser Zauberer, der . die Absicht habe, die schöne Prinzessin 
im Turme zu entführen. Der König gab ihm deshalb auf, drei 
Dinge zu \^errichten, nämlich in einem Tage eine Burg zu er- 
bauen, die noch viel schöner sei als die seine, sodann alle 
von der Ernte liegen gebliebenen Getreidekörner auf den Feldern 
im Umkreise der Königsstadt auf einen Haufen zusammenzulesen, 
endlich die Wölfe des ganzen Landes auf einen Hügel zusammen- 
zutreiben. Ferkö löste die erste Aufgabe mit Hilfe der Bienen- 
königin, die zweite mit Hilfe der Maus und die dritte mit Hilfe 
des Wolfes. Nachdem die Wölfe den König und die falschen 
Brüder aufgefressen, befreite Ferkö die schöne Prinzessin aus 
dem Turme und vermählte sich mit ihr. 

In dem walachischen Märchen Nr. 10 bei Schott befreit 
Petru Firitschell eine Prinzessin, indem er einen zwölfköpfigen 



u»J Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. 99 

Drachea erlegt, dem sie zum Fräße ausgesetzt ist; ein neidischer 
Zigeuner aber tötet ihn und spielt sich als Retter auf. Doch; 
drei Tiere, ein Fuchs, ein Wolf und ein Bär, bringen aus Dank- 
barkeit den Toten wieder zum Leben, weil er dereinst auf ihr 
Bitten im Walde nicht den Pfeil auf sie abgedrückt hat. Der 
Fuchs bringt von einer Schlange ein wunderbares Kraut, durch 
das Kopf und Rumpf wieder angeheilt werden, und der Wolf 
schafft das Wasser des Lebens herbei, durch das der Körper 
wieder zum Leben kommt. Durch Vorzeigen der Drachenzunge be- 
währt Petru Firitschell sich vor dem Kaiser als der wahre Sieger 
und erhält die schöne Prinzessin als Frau. 

Mancherlei eigentümliche Abweichungen bieten zwei neu- 
griechische Märchen. In dem einen bei Hahn Nr. 6: „Vom 
Prinzen und seinem Fohlen" holt ein als Gärtner verkappter 
Prinz für seinen erblindeten königlichen Schwiegervater das Wasser 
des Lebens, weil er nach dem Ausspruche der Ärzte durch kein 
anderes Heilmittel geheilt werden kann. Er füllt eine Flasche 
davon; unterwegs begegnen ihm seine beiden Schwäger, die auch 
die Quelle des Lebenswassers für den König suchen; sie erhalten 
von ihm gemeines Wasser. Dieselben kommen zuerst zum König, 
doch so oft er sich auch damit bestreicht, das Sehvermögen will 
nicht zurückkehren. Als schließlich der Schwiegersohn das wirk- 
liche Lebenswasser bringt, will der König gar nichts davon wissen, 
erst auf vieles Zureden seiner Tochter läßt er sich bewegen, 
davon Grebrauch zu machen. Beim erstmaligen Bestreichen sah 
er schon ein klein wenig, beim zweiten Male besser und beim 
dritten Male sah er vollkommen. Da umarmte der König seinen 
Schwiegersohn und wollte ihn von nun an als wirklichen Sohn 
anerkennen, dieser aber ging nur unter der Bedingung darauf 
ein, daß er ihm den Weg von seiner Gärtnerhütte bis zum 
königlichen Schlosse mit lauter Groldstücken bedecken lasse. Dies 
geschah. Darauf hüllte sich der Sohn in das Gewand des Meeres 
und der Wellen, stieg auf sein Fohlen und ritt auf dem Goldwege 
nach dem Königsschlosse, wo er mit großen Ehren empfangen 
wurde. 

In dem anderen Märchen (bei Hahn II, S. 194 f.) hat eine 
Prinzessin bekannt machen lassen, nur denjenigen heiraten zu 
wollen, der ihr das Wasser des Lebens bringe, um sich damit 
zu waschen. Das Wasser befindet sich in einem Berge, der 
sich so schnell wie der Blitz öffnet und ebenso schnell wieder 
schließt. Schon viele waren nach ihm ausgegangen, aber ver- 
gebens. Eines Tages trat ein Jüngling vor den König und bat 
ihn um die Erlaubnis, das Wasser holen zu dürfen. Mit wunder- 
barer Schnelligkeit, die er einem Adler als Gegenleistung für 
einen Dienst verdankte, ausgerüstet, begab er sich auf den Weg. 
Als er an den Berg kam und rief: „Adler mit deinen Flügeln!",, 
erhielt er sofort Flügel, und mit diesen schoß er, so schnell er 



100 Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. [iso 

konnte, durch den Spalt des Berges, füllte seine Kürbisflasche 
mit dem Wasser des Lebens und flog ebenso schnell wieder 
zurück, als sich dieser wieder öffnete. Er brachte der Prinzessin 
heimlich das Wasser und sie wurde seine Gemahlin. 

In einigen Märchen erscheint neben dem Lebenswasser noch 
die Unsterblichkeitsfrucht in der Gestalt eines Apfels. Wir haben 
in dieser Verbindung sicher einen Nachklang der in den Mytho- 
logien der meisten Völker wiederkehrenden Vorstellung, daß die 
Götter zur Erhaltung ihres Lebens eines Trankes und einer Speise 
bedurften. 

Wir verweisen in dieser Beziehung auf drei Märchen. So 
sucht in einem Märchen aus Syra (bei Hahn II, S. 279 f.) eine 
Mutter auf den Rat des Drakos, mit dem sie sich verheiratet, 
ihren Sohn dadurch aus dem Wege zu schaffen, daß sie sich 
krank stellt und von ihm verlangt, zuerst das Wasser des Lebens, 
sodann den Apfel des Lebens zu holen. Der Jüngling kommt auf 
dem Wege nach dem Wasser des Lebens in eine Hütte zu einer 
Alten, die aber eine Schicksalsgöttin ist; sie zeigt ihm einen 
Berg, der sich jeden Tag um die Mittagszeit öffnet. Sie sagt 
ihm, wenn er hineinkomme, werde er viele Quellen sehen und 
jede werde rufen: „Schöpfe aus mirl Schöpfe aus mir!** er 
solle aber warten, bis er eine Biene fliegen sehe, dieser müßte 
er nachgehen und von der Quelle Wasser schöpfen, bei welcher 
sie sich hinsetze; schöpfe er aus einer anderen, so sei er ver- 
loren. Der Jüngling befolgt den Rat der Alten und kehrt mit 
dem Wasser zu ihr zurück; diese jedoch vertauscht es in der 
Nacht, wo er bei ihr herbergt, und stellt ihm dafür gemeines 
Wasser hin. Ebenso gelingt es dem Jüngling, durch die Alte 
den Apfel des Lebens in einem Garten zu erhalten, den dieselbe 
aber auch mit einem gewöhnlibhen austauscht. Da die Mutter 
weder durch den einen, noch durch den anderen Auftrag ihren 
Zweck erreicht hatte, so greift sie jetzt zu einer anderen List, 
Sie entlockt ihm nämlich das Geheimnis seiner Stärke, die in 
drei goldenen Haarlocken sitzt. Sie schneidet ihm während des 
Schlafes dieselben ab, worauf der Drakos ihm den Kopf ab- 
schlägt. Rumpf und Kopf werden von beiden in einen Sack getan 
und auf das Pferd des Sohnes gebunden, das damit schnell nach 
dem Hause der Alten läuft, die sogleich ahnt, was geschehen ist. 
Sie breitet ein Tuch auf die Erde, legt den Körper des Jüng- 
lings darauf, und sofort kehrt das Leben in die Glieder zurück; 
darauf gibt sie ihm den Apfel des Lebens und nach dessen Genuß 
steht der Jüngling auf und ist so vollkommen gesund und munter 
wie früher. 

Hahn teilt S. 283 f. noch eine Variante aus Witzo in Epirus 
mit. Zufolge dieser beschließt eine Prinzessin, die ebenfalls in 
einem Liebesverhältnis mit einem Drakos lebt, ihren Bruder da- 
durch aus dem Wege zu schaffen, daß sie sich krank stellt und 






151J Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. 101 * 

ihn bittet, ihr das Wasser des Lebens zu holen. Der Prinz wendet 
sich an die Elfinnen, die durch einen Pfiff alle Dohlen versammeln 
und sie fragen, wer von ihnen das Wasser des Lebens holen wolle. 
Eine hinkende Krähe erbietet sich dazu; sie schafft es aus einem 
Berge herbei, der sich öffnet und schließt. Die Elfinnen aber geben 
dem Prinzen nur die Hälfte des Wassers, die andere behalten sie 
für sich. Durch das Abschneiden von drei goldenen Haaren tötet 
die Prinzessin später aber doch noch ihren Bruder, und der 
Drakos zerschneidet ihn in Stücke und macht aus ihnen dem 
Hengste des Prinzen einen Sattel. Der Hengst läuft zu den 
Elf innen, imd diese beleben, den Prinzen mit dem zurückbehal- 
tenen Wasser des Lebens. — 

In verwandtschaftlichem Zusammenhange mit den deutschen 
Märchen bei den Brüdern Grimm steht das Märchen im Schwe- 
dischen bei Hylten-Cavallius und Gl. Stephens (deutsch von Ober- 
leitner, Wien 1848): „Das Land der Jugend" S. 191 ff. Durch 
eine alte Wahrsagerin erfährt ein greiser König eines mächtigen 
Reiches, der sich zu sterben fürchtet, wie er durch das Zauber- 
wasser und die Äpfel im Lande der Jugend von neuem seine Ge- 
sundheit und Jugend wiedergewinnen könne. Vergeblich bemühen 
sich seine beiden älteren Söhne um die kostbaren Gaben, nur 
der jüngste hat das Glück, weil er den Versuchungen auf der Reise 
Widerstand leistet, sie in seinen Besitz zu bringen. Von der Be- 
herrscherin der vierfüßigen Waldtiere gelangt er durch den Wolf 
zur Beherrscherin der Vögel, von dieser durch den Adler wieder 
zur Beherrscherin der Fische und von dieser durch den Wallfisch 
endlich in das Land der Jugend. Das Lebenswasser sprudelt als 
herrliche Quelle in dem großen Saale eines verzauberten Schlosses, 
und gleich daneben steht auch der Apfelbaum mit den ver- 
jüngenden Früchten. Er tritt gerade noch zur rechten Zeit aus 
dem Schlosse, ehe alles erwacht; die schöne Prinzessin des- 
selben hat er nur flüchtig gesehen. Nachdem er durch dieselben 
Tiere wieder den Rückweg angetreten, trifft er mit seinen beiden 
Brüdern zusammen, die ihm aus Neid und Mißgunst die er- 
beuteten kostbaren Gaben mit gewöhnlichen vertauschen. Als 
er zu Hause ankommt, erweisen sich daher das Wasser sowohl 
wie die Äpfel als kraftlos, der König bleibt alt und grau wie er 
gewesen. Anders verhält es sich, als die beiden älteren Brüder 
dem Vater das echte Wasser und die echten Äpfel darreichen, 
da geht sogleich eine mächtige Veränderung mit ihm vor. Sein 
graues Haar wird blond, der Mund füllt sich voll Zähne, alle 
Runzeln verschwinden, kurz, er steht vor ihnen wie ein schöner 
Jüngling. Der Vater läßt hierauf den jüngsten Sohn wegen seiner 
Falschheit in die Löwengrube werfen, während er sich gegen die 
beiden älteren dankbar erweist. Durch dankbare Tiere wird aber 
der jüngste aus der Löwengrube gerettet und am Leben erhalten. 
Nach einiger Frist wird durch die Prinzessin, die durch das 









*102' ' * '* Das* Wässer des Lebens als Zauberbrunnen. [i52 

Holen des Wiinderwassers und der Jugendäpfel entzaubert worden 
ist und nun ihren Gemahl sucht, das heimtückische Gebaren der 
beiden älteren Brüder entlarvt, und der jüngste, der auf goldenem 
Wege zu ihrem Schiffe reitet, erhält ihre Hand. Ganz ähnlich 
erzählt den Vorgang das russische Märchen „Tschurilo Plenko- 
witsch", deutsch von Johann Richter. Vergl. 0. L. B. Wolff, Die 
schönsten Märchen aller Zeiten und Völker, Leipzig 1850, S. 243 ff. 

In verschiedenen Märchen steht das Wasser des Lebens, wie 
schon oben erwähnt, zugleich mit dem Wasser des Todes in 
Verbindung. Jemand erhält den Auftrag, beides zu holen. So 
in einem Märchen bei Wenzig, Westslavischer Märchenschatz, 
Leipzig 1857, S. 144 ff. Da stellt sich eine Mutter krank und 
befiehlt ihrem Sohne, nachdem sie ihn dreimal sieben Jahre 
zu seiner Stärkung gesäugt, später sich aber mit einem Drachen 
verheiratet hat und nun den Sohn aus der Welt schaffen will, 
ihr zur Genesung das Wasser des Lebens und des Todes zu holen. 
Der Sohn, von aufrichtiger Liebe, der Mutter zu helfen, getrieben, 
wendet sich an die heilige Nedelka. Diese gibt ihm zwei Krüge 
und ihr Roß Tatoschik, das ihn zu zwei Bergen trägt, unter denen 
das Wasser des Lebens und des Todes entspringt. Der rechte 
Berg, wo das Wasser des Lebens sprudelt, öffnet sich mittags, 
der linke Berg dagegen, wo das Wasser des Todes steht, öffnet 
sich mitternachts. Dem Sohne gelingt es, das Wasser aus beiden 
Bergen in seine Krüge zu schöpfen, jedoch wären ihm bald, als 
der Berg, unter dem das Wasser des Todes stand, krachend 
niederfiel, die Hände abgeschlagen worden. Die heilige Nedelka 
bewahrt aber das vom Jüngling gebrachte Wasser und gibt ihm 
anstatt desselben zwei Krüge gewöhnlichen Wassers. Schließ- 
lich findet der Jüngling doch noch den Tod. Seine Mutter windet 
nämlich eine Schnur um ihn, die ihm tief ins Fleisch schneidet 
imd ihn wehrlos macht. Der Drache schlägt ihm darauf den 
Kopf ab und zerhaut seinen Leib in Stücke. Die Mutter nimmt 
ihm das Herz heraus, bindet den Leib zusammen und hängt das 
Bündel Tatoschik um, indem sie spricht : „Hast du ihn als Lebenden 
getragen, trag ihn auch als Toten, wohin es dir beliebt.'* Das 
Pferd trägt ihn zu seiner Herrin NedSlka, die sofort das Vor- 
gefallene weiß. Sie fügt alsbald den Leib zusammen und wäscht 
ihn mit dem Wasser des Lebens, der Jüngling gähnt, streckt 
sich und steht lebend und gesund auf. „Ach, wie lange habe ich 
geschlafen!" sagt er. „Du hättest in Ewigkeit geschlafen, wenn 
ich dich nicht aufgeweckt hätte 1" antwortet ihm die Heilige. Ebenso 
verfährt Nedelka mit dem später herbeigebrachten Herzen. Nach- 
dem sie es mit dem Wasser des Todes und des Lebens gewaschen, 
befahl sie dem Vogel Pelikan, es dem Jüngling an der rechten Stelle 
einzusetzen. 

Hinsichtlich der Märchen, die neben dem Wasser des Lebens 
und dem Wasser des Todes noch von einem Wasser der Schön- 



153] Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen. 103 

heit berichten, ist besonders merkwürdig das Märchen bei Wolf 
Nr. 54: „Die Königstochter im Berge Muntserrat." Da springen 
in dem weit über dem Meere liegenden Berge Muntserrat, in 
den sich der kranke König Karlequintes im Traume eingeschlossen 
sieht, vor einem stolzen Schlosse drei Brunnen: der Brunnen der 
Schönheit, der Brunnen des Lebens und der Brunnen des Todes. 
Wenn nun jemand ihm das Wasser aus dem Brunnen des Lebens 
und des Todes hole, so werde er wieder gesund werden. Nach- 
dem die beiden ältesten Söhne sich vergeblich um das Wasser 
bemüht haben und gar nicht zurückgekehrt sind, gelingt es dem 
jüngsten, mit Hilfe eines grauen Männchens den Weg nach dem 
Berge zu finden. Als er vor dem Berge steht, tut sich derselbe 
mit einem Krach auf, als sollte die Welt untergehen, und vor 
seinen Augen liegt das schönste Schloß, ganz von Gold bis zu den 
Ziegeln auf dem Dache und die Fenster glänzen wie Diamanten. 
Vor dem Schlosse sind auch die drei Brunnen; im Brunnen der 
Schönheit wäscht er sich, wie ihm das graue Männchen geraten, 
wodurch er noch tausendmal schöner wird, als er schon ist, 
und aus dem Brunnen des Lebens sowie aus dem Brunnen des 
Todes schöpft er je eine Flasche voll. Gern hätte er sich noch 
die Herrlichkeiten im Innern des Schlosses besehen, vor allem 
wäre er gern der Prinzessin näher getreten, die in einem Zimmer 
schlief, wenn ihn nicht eine innere Stimme gemahnt hätte, wieder 
aufzubrechen. Auf der Rückreise zur See vertauschen seine 
Brüder, mit denen er zusammentrifft, während er schläft, das 
Wasser des Lebens und der Schönheit mit zwei Flaschen See- 
wasser, indem sie auf die Flasche mit dem Wasser des Todes 
schreiben : Wasser des Lebens. Zu Hause angekommen, raunen 
die älteren Brüder dem kranken Vater heimlich zu, sich vor dem 
jüngeren Bruder in acht zu nehmen, der ihn vergiften wolle. 
Als daher dieser arglos das vertauschte Wasser bringt, fordert 
ihn der Vater auf, von ihm zuvor dem Hunde zu trinken zu geben. 
Kaum hat der Hund etwas davon getrunken, so stürzt er tot 
nieder. Infolgedessen wird der jüngste Sohn sofort vom Hofe 
verbannt. Hierauf erscheint der älteste Sohn mit dem echten 
Lebenswasser, das sofort den kranken König gesund macht; 
der zweite Sohn bringt darauf das Wasser der Schönheit, das 
auch seine Wirkung tut und den König in einen blühenden Jüng- 
ling von 18 Jahren verwandelt. Nach vielen Jahren kommt durch 
die Prinzessin von Muntserrat, die durch das Holen des Wassers 
des Lebens, der Schönheit und des Todes von ihrem Zauber er- 
löst worden ist, der Betrug der beiden älteren Brüder an das Tages- 
licht; sie werden vom Vater verstoßen, während der jüngste, der im 
Walde bei einem Förster als Jägerbursche dient, seinen Lohn 
empfängt. Er heiratet die Prinzessin und erhält von seinem Vater 
Reich und Hof. 

In einiger Übereinstimmung, wenigstens was das Suchen des 



104 Nachträge. [iw 

Wassers des Lebens anlangt, steht endlich noch das Märchen 
von der Königin Wilowitt mit ihren zwei Töchtern in der Er- 
furter Sammlung von Kindermärchen aus mündlichen Überliefe- 
rungen S." 151 — 186. Das Wasser des Lebens befindet sich hier 
im Besitze einer bösen Zauberin. Ein Königssohn wird aber 
Herr desselben und gibt damit zuerst seinem von der Hexe ver- 
zauberten Bruder die menschliche Gestalt zurück, sodann ent- 
zaubert er auch noch die Königin Wilowitt mit ihren beiden 
Töchtern, die, um sie den lästigen Liebeswerbungen zu entziehen, 
von einer Alten in Blumen verwandelt worden waren. — 

Ohne Zweifel sind die Märchen vom Wasser des Lebens ge- 
radeso wie die, welche von den unsterblich machenden Äpfeln han- 
deln, Frühlingsmärchen. Das W^asser des Lebens ist ein Sinnbild 
der Lebenskraft, durch die sich in jedem Jahre die Natur neu ver- 
jüngt. Der unterirdische den Lebensquell hütende Drache ist 
der feindselige Winter, der nicht leiden will, daß sich der Wie- 
derverjüngungsprozeß in jedem Jahre aufs neue vollzieht. Die 
verzauberte Jungfrau, die vom Drachen argwöhnisch bewacht 
wird, ist die im Winterschlaf liegende Vegetation, die sozusagen 
als der Genius der Natur erscheint. Ebenso wird der kranke 
König auf die durch den Winterfrost leidende Natur zu deuten 
sein. Unter dem starken und heldenmütigen Jüngling, der den 
Drachen tötet, das Wasser des Lebens erbeutet und sich später 
mit der verzauberten Prinzessin verheiratet, ist die starke Früh- 
lingssonne, die mit ihren warmen Strahlen die Winterkälte ver- 
treibt und die Neubelebung und Wiederverjüngung der Natur 
bewirkt, zu verstehen. Der in mehreren Märchen trotz des er- 
beuteten Wassers des Lebens doch noch getötete Jüngling ist 
das durch die Sonne hervorgelockte junge frische Wachstum, das 
den Winterfrösten unterliegt. Der Jüngling endlich, der durch 
das Wasser des Lebens wiederbelebt wird und den Drachen tötet, 
ist die immer höher steigende Sonne, die sich durch sich selbst 
verjüngt und solche Kraft gewinnt, daß sie auch dem Spätwinter 
Trotz bietet. 



Nachträge. 

Anm. 1. S. 6. Nach dem Jalkut Schimeoni Nr. 20 zu Gen. 
2,8 befindet sich der Lebensbaum im oberen Paradiese und zwar in 
der oberen Mitte desselben und sein Gezweig bedeckt den ganzen 
Gan Eden. Er hat 5000 Geschmacksarten, von denen keine der 
andern ähnlich ist. Desgleichen ist ein Duft nicht dem andern 
0eich. Das Gewölk der Herrlichkeit ist über ihm. Wenn die vier 
Winde ihn bewegen, so verbreitet sich sein Duft von einem Ende 
der Welt bis zum anderen. Unter ihm sitzen die Gelehrten (Schü- 
ler der Weisen) und erklären die Thora. 



165] Nachträge. 105 

Über das untere und obere Paradies bemerkt K. Jizchak 
im Jalkut Kubeni fol. 13 c zu Gen. 2,5: Sowie der Heilige, geb. 
s. erl ein Gan Eden auf der Erde schuf, so schuf er auch 
ein Gehinnom auf der Erde und sowie er ein Gan Eden oben 
(im Himmel) schuf, so schuf er auch ein Gehinnom oben. In Bezug 
auf das untere Gan Eden heißt es: „Und es pflanzte der Ewige 
Gott einen Garten in Eden." Der Gan Eden unten ist für diejenigen 
Seelen bestimmt, die zu den mittelmäßigen gehören (also weder 
völlige Gerechte noch völlige Frevler sind), das Gan Eden oben 
dagegen für diejenigen Seelefla. dia. völlige Gerechte sind, da- 
mit sie gesättigt werden von dem.-groß«n Lichte oben. Das Ge- 
hinnom unten ist für den bestimmt, der den Bund der Beschneidung 
nicht auf sich nimmt und nicht an den Heiligen, geb. s. er! 
glaubt und den Sabbat nicht beobachtet. Das obere Gehinnom 
dagegen ist für diejenigen Frevler Israels bestimmt, welche die 
Gebote der Thora übertreten und keine Buße tun. Vergl. Schar 
i^-l'i'l S. 268. 

Nach Jalkut Kubeni fol. 19 b wird der Heilige, wenn er wahr- 
haftiges Gericht (eig. das Gericht der Wahrheit) richten wird, 
die Seele ins Paradies führen und ihr den Lebensbaum zu kosten 
geben, wie Gen 3, 22 geschrieben steht. 

Anm. 2. S. 7. Auch nach der jüdischen Kabbala (vergl. Keuch- 
lin de arte cabbalistica p. 267; in Pistorii coli, scriptor. cabbal., 
Lambecius in Prodomo hist. litt. p. 49 coli. Cabbala denud. Tom. 
1. p. 648) reicht der Messias den Gläubigen vom Baume des 
Lebens dar. Raziel, der Lehrer Adams, tröstet diesen nach dem 
Falle mit den Worten : Ne supra modum conficiaris gemitu et mo- 
lestia, quod te duce genus humanum in suminam corruit 
perditionem, quoniam originale peccatum hoc expiabitur. Nam 
ex tua propagatione nascetur homo justus et pacificus, vir heros, 
cujus nomen continebit in miserationibus etiam has quatuor li- 
teras tV\tV^. Et ille per rectam fidem et placidam oblationem 
mittet manum suam et sumet de ligno vitae, et ejus ligni fructus 
erit omnium sperantium salus. 

Anm. 3. S. 10. Zum Kaube der Äpfel der Hesperiden durch 
Herakles vergl. ApoUod. 2, 5, 11. Neben den Unsterblichkeits- 
äpfeln Idhuns kennt die nordische Mythologie noch die Todes - 
äpfel der Hei. Es sind die Früchte des Erkenntnißbaumes, die 
den Tod unter die Menschen brachten. Thorbjörn hat Gesichte 
gehabt, die von seiner Frau als Vorzeichen seines nahen Todes 
gedeutet wei*den. Er sagt: „Die Frau gönnt mir Hels Äpfel." 
Isl. Sagas II, 351. Vergl. P. Herrmann, Nordische Mythologie 
S. 435. 

Anm. 4. S. 12. Mit der isländischen Sage vom Kaube der 
Unsterblichkeitsäpfel Idhuns stimmt die irische überein. Drei 
Brüder haben in Habichtsgestalt die Äpfel Hisbernas geraubt 
und fliegen mit ihrer Beute fort, sie werden aber von der Tochter 
eines fremden Königs in Greifengestalt verfolgt. Der Greif sendet 
Feuer aus Augen \md Schnabel, daß ihr Gefieder versengt wird. Als 
sie die Hitze nicht länger ertragen können, verwandeln sie sich 
in Schwäne und lassen sich in einen See nieder. Infolgedessen 
giebt der Greif die Verfolgung auf und die Habichte entkommen 






106 * Nachträge. [ise 

mit den Äpfeln Hisbernas. Vergl. P. Herrmarm, Nordische Mytho- 
logie, S. 442. 

Anm. 5. S. 6.' Wie das Lebenskraut auch die Kraft besitzt. 
Verschlossenes zu öffnen, zeigt eine kleine Erzählung in Midr. 
Wa jikra r. Par. 22, vergl. Midr. Kohelet s. v. I'nn'^1 zu c. 5, 9. 
R. Simeon hatte einen Garten, in welchem ein Klotz lag, worin 
ein Berghahn sein Nest baute. Der Rabbi dachte : Was will dieser 
schmutzige Vogel in dem Garten? Er stand auf und riß das Nest 
ein, allein der Berghahn kam wieder und stellte es wieder her. 
Was machte R. Simeon? Er holte ein Brett und legte es auf die 
Öffnung des Nestes und befestigte es mit einem Nagel. Wa& 
machte der Berghahn? Er holte ein Kraut und legte es auf den 
Nagel und dieser verbrannte. Was machte R. Simeon? Er dachte 
bei sich: Es ist gut, daß ich das Kraut verbarg, damit nicht die 
Diebe kommen und es ebenso machen und die Leute berauben. 

Anm. 6. S. 26. In Pirke di Rabbi Elieser c. XX heißt es: 
Am ersten Tage der Woche ging Adam in die Wasser des oberen 
Gichon so weit hinein, daß ihm das Wasser an seinen Hals reichte 
und er fastete sieben Wochen, so daß sein Körper wie eine Art 
Sieb wurde. Adam sprach vor dem Ewigen, geb. s. er: Herr 
aller Welten! entferne doch meine Sünden von mir und. nimm 
meine Buße an, damit alle Geschlechter erfahren (lernen), daß 
es eine Buße gibt und daß du die Buße der Reuigen annimmst. 
Gott streckte seine rechte Hand aus und entfernte seine Sünden von 
ihm und nahm seine Buße an, wie es heißt Ps. 32, 5: „Ich tat 
dir meine Sünde kund und meine Schuld verbarg ich nicht usw. 
nbo" d. i. die Ewigkeit von dieser Welt und die Ewigkeit von der 
künftigen Welt. 

Ebenso schildert das Werk Emek hammelech fol. 125 b unter 
dem Titel rescha diser anpin die Buße Adams. „Rabban Simeon 
sagt: Es giebt kein Ding, welches vor der Buße bestehen kann. 
Dies zeigt der erste Mensch, welcher drei Übertretungen begangen 
hatte, Abgötterei, Blutschande und Blutvergießen und doch hat 
der Ewige, geb. s. er! seine Buße angenommen^ wie bekannt ist, 
denn er tat eine schwere und harte Buße, indem er 130 Tage 
im Fluß Gichon stand und fastete. 

Dagegen nach Midi*. Bersch r. Par. XXII zu Gen. 4, 16 lernte 
Adam die Buße von seinem Sohne Kain kennen, nachdem dieser 
seinen Bruder Abel erschlagen hatte. Nach R. Chama im Namen 
des R. Chanina bar R. Jizchak wollen die Worte Gen. 4, 16: 
„Kain ging hinweg vom Ewigen" sagen: Er ging fröhlich hinweg. 
Da begegnete ihm der erste Mensch und fragte ihn: Was ist 
aus deiner Rechtssache geworden ? Kain antwortete : Ich habe 
Buße getan und infolgedessen bin ich freigesprochen worden. Da 
fing der erste Mensch an sein Gesicht zu schlagen und sprach: 
Also so groß ist die Kraft der Buße, das habe ich nicht gewußt! 
Sofort stand der erste Mensch auf und sang Ps. 92, 1. 

Anm. 7. S. 40. Die Stelle in Pirke di R. Elieser lautet: 
Der Stab, sagt R. Levi, welcher in der Dämmerung am Vorabende 
des Sabbats geschaffen worden war, wurde dem ersten Menschen, 
als er aus dem Paradiese ging, gegeben. Von Adam kam er an 
Henoch, von diesem an Noah, von diesem an Sem, von diesem 
an Abraham, von diesem an Isaak, von diesem an Jacob. Jacob 



157J Nachträge. 107 

nahm ihn mit sich nach Ägypten und übergab ihn seinem Sohne 
Joseph. Als man nach dessen Tode sein ganzes Haus plünderte, 
kam er in Pharao's Palast. Jethro, einer der ägyptischen Bilder- 
schriftkenner, gewahrte den Stab samt dem Zeichen, welches 
derselbe trug und bekam Lust zu ihm und pflanzte ihn in dem 
Garten seines Hauses. Hier war der Stab bloß zu sehen, aber 
niemand durfte sich ihm nähern. Als aber Mose in sein Haus 
kam, erblickte er im Garten den Stab und las die Schrift dar- 
auf und nahm ihn weg. Jethro aber sagte : Diesei" wird einst Israel 
erlösen aus Ägypten und er gab ihm seine Tochter Zippora zum 
Weibe. 

Manche Kabbalisten betrachten den Mosesstab als keine be- 
sondere Schöpf iftig Gottes, sondern leiten ihn von einem Zweige 
des Erkenntnisbaumes im Paradiese ab. Nachdem aber Moses gesün- 
digt und mit dem Stabe den Felsen geschlagen hatte, verlieh ihm 
Gott einen anderen Stab, der vom Baume des Lebens war. S. Jal- 
kut chadasch fol. 10 a unter dem Titel DIK. 

Anm. 8. S. 40. Im Midrasch Wajoscha erzählt Mose von sich: 
Als ich aus Ägypten zog, war ich 40 Jahre alt und ich stand 
am Brunnen und fand Zippora, die Tochter Jethros. Da ich sah, daß 
sie sehr züchtig war, sprach ich zu ihr: Jch will dich zum Weibe 
nehmen. Zippora aber erzählte mir den Brauch ihres Vaters 
und sprach zu mir: Mein Vater stellt jeden, der eine von seinen 
Töchtern heiraten will, durch einen Baum in seinem Garten auf 
die Probe. Sobald er sich dem Baume nähert, verschlingt er 
ihn. Mose fragte sie: Woher hat dein Vater den Baum? Sie 
versetzte: Es ist der Stab, den der Heilige, gebenedeiet sei er! 
beim Zwielicht des sechsten Tages erschuf, als er seine Welt 
erschuf. Der Heilige, gebenedeiet sei er! übergab ihn zur Aufbe- 
wahrung dem Henoch, dieser dem Noah, dieser dem Sem, dieser 
dem Abraham, dieser dem Isaak, dieser dem Jacob, dieser brachte 
ihn mit nach Ägypten und übergab ihn zur Aufbewahrung seinem 
Sohne Joseph. Als dieser starb, plünderten die Ägypter sein Haus 
und brachten den Stab in den Palast des Pharao, Jethro aber, 
mein Vater, war einer von den Großen und Zauberern Pharaos. 
Als er den Stab sah, wurde seine Begierde zu ihm rege, er stahl 
ihn und brachte ihn in sein Haus. Auf dem Stabe waren der 
unaussprechliche Gottesnamen eingegraben, ebenso die zehn Plagen, 
welche der Heilige, gebenedeiet sei er! dereinst über die Ägypter 
bringen wird. Viele Jahre lag der Stab im Hause meines Vaters, 
einmal nahm ihn mein Vater in die Hand, ging in seinen Garten 
und grub ihn in die Erde und setzte ihn so in seinen Garten. 
Als er ihn später wieder fortnehmen wollte, fand er, daß er blühte, 
sproßte und Mandeln trug. Deshalb beließ er ihn daselbst. Mit 
ihm prüft er jeden;, der eine von seinen Töchtern heiraten will. 
Darauf fährt Mose fort : Als ich diese schönen Worte hörte und 
sah, wie die Hirten Zippora forttrieben, rettete ich sie und ihre 
Schwestern aus der Hand der Hirten, zog ihnen auch den Eimer 
empor und tränkte ihre Schafe und brachte sie zu ihrem Vater. 
Reuel und ich ging mit ihnen. Sie traten zuerst hinein (in das 
Haus), ich aber blieb draußen. Als sie ihr Vater sah, sprach er 
zu ihnen: Warum seid ihr heute so schnell gekommen? Sie 
antworteten: Ein ägyptischer Mann hat uns aus der Hand der 



108 Inhalt. [158 

Hirten gerettet. Da ich draußen hörte, daß sie mich einen Ägypter 
nannten, und nicht hineinging und sagte, daß ich ein Jude sei, 
bin ich nicht würdig gewesen, in das Land Israel zu kommen. 
Als die Töchter Jethro's erzählten : Ein Ägypter hat uns gerettet l 
sprach er zu ihnen : Kuf et den Mann, der euch Gutes erwiesen hat, 
daß er Brot esse. Nachdem ich in das Haus getreten war und 
gegessen und getrunken hatte, redete ich mit Jethro, mir seine 
Tochter -Zippora zum Weibe zu geben. Er antwortete : Wenn du mir 
den Stab holen kannst, der in meinem Garten steht, so will ich 
sie dir geben. Ich ging, suchte in dem Garten, fand ihn und 
brachte ihn in meiner Hand. Da dachte Jethro nach und sprach: 
Das ist wahrlich der Prophet, auf den alle Weisen Israels hin- 
gewiesen haben, daß einst ein Prophet aus Israel hervorgehen wird, 
durch dessen Hand Ägypten und alle Ägypter darin umkommen 
werden. Infolgedessen geriet Jethro in Zorn über mich, ergriff 
mich und warf mich in eine Zisterne, die in seinem Hause war. 



Inhaltsyerzelchnis. 



A. 1. Der Lebensbaum in seiner eigentlichen Bedeutung 

in den verschiedenen Kulturreligionen .... 1 — 14 

2. Der Lebensbaum als Lebens- und Zauberkraut . 14 — 23 

3. Der Lebensbaum als Kreuzholz Jesu 23 — 55 

4. Das Gedicht vom heiligen Kreuz von Heinrich von 
Freiberg . 55 — 70 

B. 1. Das Lebenswasser in seiner eigentlichen Bedeu- 

tung in den verschiedenen Kulturreligionen . . 71 — 90 
2. Das Wasser des Lebens als Zauberbrunnen in den 

Märchen der Völker 90—104 

Nachträge 104—108 



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